Die Ministerin.

Als Ann das Ministerium übernahm, tat sie es nur mit halbem Herzen. Das waren 150 Gramm Fleisch, wo es doch eigentlich 300 Gramm hätten sein müssen. Normale Frauenherzen wiegen nur etwa 250 Gramm, aber Ann hatte ein großes Herz, das war schon immer so, und große Herzen sind entsprechend schwer. Große Herzen sind nicht immer … Weiterlesen Die Ministerin.

Prothesen.

Eine wohlmeinende Stimme hatte ihr noch abgeraten, und natürlich klang die wohlmeinende Stimme wie die Stimme ihrer Mutter, alle wohlmeinenden Stimmen klangen wie die Stimme ihrer Mutter, aber auch dieses Mal kam der Ratschlag nicht von ihrer Mutter, sondern von einem anderen Menschen, ihre Mutter war noch immer tot, wie jeden Tag, seitdem sie gestorben … Weiterlesen Prothesen.

Lehrer Herrmann.

Die Kinder, sie mögen Lehrer Herrmann. Er hat zwei Männer im Namen, den Herrn und den Mann. Seine Augen sind ganz klein, doch manchmal, wenn er redet, werden sie riesig groß, dann sieht es so aus, als würden sie gleich aus ihren Löchern kullern. Lehrer Herrmann wird nie laut, er ist immer freundlich, er macht … Weiterlesen Lehrer Herrmann.

Es kommt.

Leise rieselt der Schnee. Die Welt ist so dicht eingehüllt, dass fast nichts mehr klingt, nur in der Ferne glaubt sie das Brummen eines Schneeräumungsfahrzeuges wahrzunehmen. Sie schließt das Badezimmerfenster wieder und stellt sich vor den Spiegel, drückt sich ein wenig Körperlotion in die Handfläche und beginnt, ihre Haut einzureiben. Sie mag das, mag diese … Weiterlesen Es kommt.

Sein Raumschiff.

Manchmal, wenn die Nachtluft eisig kalt und der Himmel wolkenlos ist, blickt Leo hinauf zu den Sternen und denkt an sein Raumschiff. Er kann es förmlich sehen, dieses plumpe Gebilde, dessen Umrisse an ein großes D erinnerten, das wehrlos auf dem Rücken lag. Leo hat längst akzeptiert, was ihm zugestoßen ist. Er hat die Entführung … Weiterlesen Sein Raumschiff.

Ein Jahr in zwölf Gesprächen.

Januar «Frohes neues Jahr!» «Frohes neues Jahr!» «Ich mache mir eigentlich keine Neujahrsvorsätze. Dieses Mal schon.» «Ach ja?» «Ja. Ich habe mir vorgenommen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf die wichtigen Dinge. Auf die wichtigen Menschen.» «Wichtige Menschen?» «Ja. Gute Freunde.» «Bin ich… Öhm… Gehöre da…» «Ja. Ja. Natürlich.» «Da bin ich froh.» «Ich … Weiterlesen Ein Jahr in zwölf Gesprächen.

Der Fisch.

Als er nach einem kurzen Arbeitstag nach Hause gehen will, nimmt er einen anderen Weg als üblich, denn anders als üblich ist besser als nichts, obwohl es am Ende keinen Unterschied macht. Die Abweichungen sind inszenierte Aufregungen, sinnlose Experimente, die nicht viel bringen, nur Lärm und Verwirrung. Dieser Weg, den Paul nun nimmt, er ist … Weiterlesen Der Fisch.

Helmut hat geschissen.

Helmut hat geschissen, in der Herrentoilette des Großraumbüros, in welchem er arbeitet, zusammen mit vielen anderen Menschen, von denen er manche sehr gerne mag und andere nur gerade ein bisschen. Helmut hat geschissen, und das besagte Ereignis war nahe an explosiver Diarrhöe. Helmut hatte Bauchschmerzen gehabt und war froh, dass sich diese ein wenig entspannten. … Weiterlesen Helmut hat geschissen.

Eigentlich ein Held.

Eigentlich war Erich ein guter Mensch. Bei seinem Begräbnis sagte jemand, dass der Welt nun ein helles Licht fehle, und mehrere Leute nickten zustimmend. Erich war tatsächlich sehr engagiert. Er half Bekannten und Freunden beim Umzug, spendete jedes Jahr einen gewissen Betrag an das Rote Kreuz, er half in Vereinen mit, wenn es nötig war, … Weiterlesen Eigentlich ein Held.

Eine kleine Geschichte (#2).

Diese Geschichte, sie handelt von Jakob, einem Mann, der vieles zu erzählen gehabt hätte, aber dennoch meistens zu schweigen pflegte. Als Jude überlebte er das Konzentrationslager der Nazis nur knapp. Seine Eltern und Geschwister jedoch wurden umgebracht. Trotz der erdrückenden Trauer und Traurigkeit zog Jakob nach dem Krieg in die lauten und lärmigen Städte, nach … Weiterlesen Eine kleine Geschichte (#2).

Engelbert.

Seitdem seine Haare immer spärlicher aus seiner Kopfhaut ragen und die kahlen Stellen stetig mehr Raum beanspruchen, blickt Engelbert seinen Freund Karl und dessen üppige Haarpracht mit wachsender Missgunst an, und diese Missgunst, sie behagt ihm nicht, denn eigentlich ist Engelbert kein missgünstiger Mensch, eigentlich ist ihm die Welt dann am liebsten, wenn es den … Weiterlesen Engelbert.

Schnitzel.

Eine Zeit lang bleibt alles still. Dann beginnt es wieder. Das dumpfe Hämmern ist gleichmäßig und eintönig, ein starrer Rhythmus. Sie betrachtet einen kleinen Fleck an der Decke. Er war schon immer da, der Fleck, so scheint es zumindest; sie kann sich nicht erinnern, dass da kein Fleck gewesen wäre. Der Fleck ist essenziell, und … Weiterlesen Schnitzel.

Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Sie hocken auf den Stühlen im Restaurant des Supermarktes und schauen mit leblosen Augen auf irgendwelche Punkte im Nichts. Vor ihnen auf den Tischen stehen Biergläser, schon von Anfang an halbleer. Manchmal trinken sie einen Schluck, aber nur einen kleinen, damit das Bier länger hält. Man muss die Dinge dehnen, sonst bleibt die Zeit ein … Weiterlesen Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Hitler töten.

Mindestens einmal pro Woche fährt Anja ans Meer. Obwohl, sie fährt nicht wirklich, der Weg ist nicht das Ziel, der Weg spielt keine Rolle. Sie ist einfach da, am Meer, ganz allein, die Luft ist salzig, der Horizont ist leicht gewölbt. Sie kann entscheiden, welche Stelle sie aufsucht, sie kann wählen, ob sie im Sand … Weiterlesen Hitler töten.