Balance.

Jemand hat einmal gesagt, es sei gesund, beim Zähneputzen auf einem Bein zu stehen, die Hälfte der Zähneputzzeit auf dem linken Bein, die andere Hälfte auf dem rechten Bein, und wenn man zwei linke Beine hat, dann eben beide Hälften auf je einem linken Bein, jedenfalls könne man auf diese Weise das Gleichgewicht trainieren, und … Weiterlesen Balance.

Was von uns bleibt.

Wie wenig von uns bleibt am Ende.Wie wenig bleibt von uns am Ende?Was bleibt am Ende von uns?Was am Ende bleibt von uns.Wie wenig am Ende von uns bleibt.Bleibt von uns ein wenig am Ende?Was bleibt von uns am Ende?Was am Ende bleibt von uns. Wie wenig von uns bleibt am Ende. Bisweilen nur Haut, … Weiterlesen Was von uns bleibt.

Null zu null.

Das Display zeigt 0:00. Man drückt Play. Zuerst ein paar Klaviertöne, ein zurückhaltendes Schlagzeug, dann die Stimme von Damien Jurado, der davon singt, sich heute Abend zurückzuziehen. Tonight I will retire. Die Reise ist bald vorüber. In gewissen Momenten vermag ein solches Lied zu Tränen zu rühren, auch wenn Damien Jurado davon singt, keine Tränen … Weiterlesen Null zu null.

Hut ab.

Er war ein guter Mann. Aufrecht, rechtschaffen, redlich; solche Adjektive entsprachen ihm, auch wenn er abgewehrt hätte, denn bescheiden war er auch. Sein Leben lang hatte er als Lastwagenfahrer gearbeitet, war loyal und verlässlich gewesen, hatte seine Arbeit mit Stolz und Enthusiasmus verrichtet, auch wenn sie seine Gesundheit ruiniert hatte. Sein Rücken war so ausgeleiert … Weiterlesen Hut ab.

Der Rasenmähermann.

Er ist ein alter Mann, der Rücken ist längst krumm vom Gewicht der vielen Jahrzehnte, der Kopf ist tief zwischen die Schultern gerutscht. Wenn er jemanden grüßt, heben sich sein Kopf und sein Arm in identischen Bewegungen, beinahe so, als wären sie miteinander verwachsen. Er hat den Blick meistens gesenkt, darum sieht er nur wenige … Weiterlesen Der Rasenmähermann.

Hohlraum.

Die Wachtel war schon längere Zeit krank gewesen. Als sie eines Tages ihre Augen nicht mehr aufschlug, war ihr wohl ein beträchtliches Gewicht von den Schultern genommen worden. Man dachte das Wort Erlösung, doch man sagte es nicht, denn die restlichen Wachteln hätten es nicht verstehen, geschweige denn einordnen können. Man wollte von den übrigen … Weiterlesen Hohlraum.

Wurst.

Der kleine Vogel war wohl aus dem Nest gefallen. Er lag unter einem Baum auf dem Asphalt und zitterte, konnte sich kaum bewegen. Sie kniete sich neben ihn hin, redete auf ihn ein, doch Worte konnten den Vogel nicht retten, das wusste sie. Also nahm sie ihn hoch und trug ihn nach Hause, baute ihm … Weiterlesen Wurst.

Der Hauch des Todes.

Er habe Mundgeruch, murmelt sie mit belegter Stimme, ein bisschen, oder vielleicht auch ein bisschen mehr als nur ein bisschen. Mehr sagt sie nicht, sie schläft schon halb, als sie ihm diese Erkenntnis mitteilt, und einige Sekunden später schläft sie wohl ganz, denn ihr Atmen verändert sich, wird regelmäßiger. Eigentlich ist es nett, dass seine … Weiterlesen Der Hauch des Todes.

Endlich.

Als es endlich zu Ende geht, ist er erstaunt, dass es so lange gedauert hat, und meint damit sowohl das Sterben als auch das Leben. Er hat sich zuvor nur selten Gedanken über die Zeit gemacht, doch jetzt, an ihrem Ende, fragt er sich, was sie eigentlich bedeutet, welchen Wert sie hat, welches Gewicht. Könnte … Weiterlesen Endlich.

Landwirtschaft und Liebe.

Bert liest eine Geschichte von einem, der eine Geschichte liest, und in dieser Geschichte geht es um Landwirtschaft, doch Bert hat keine Ahnung von Landwirtschaft, Agrarwissenschaften sind ihm völlig fremd, und der einzige Bauer, den er kennt, kennt er noch von früher, aus der Schule, damals war er ein stämmiger Junge mit einem dicken Hals, … Weiterlesen Landwirtschaft und Liebe.

Blumenmädchen.

Das Mädchen hält die Blumen in der Hand und die Hand ins Wasser. Wo es auch geht und steht, wohin es sich auch verirrt und treiben lässt, es hält die Blumen ins Wasser; an kleinen Seen und unentwegt zerrenden Flüssen, an gurgelnden Bächen, an jedem Brunnen. Es hat die Blumen nicht gepflückt, hat die Stiele … Weiterlesen Blumenmädchen.

Zwei schweigen.

Am Straßenrand hängt ein junger Mann an einem Kreuz, die Arme ausgebreitet, den Kopf leicht abgewinkelt. An den Handflächen ist das Blut eingetrocknet, dunkle Flecken umranden die Stellen, an denen man ihm die Nägel durch das Fleisch getrieben hat. Sein Gesicht sieht traurig aus. Sie steigt von ihrem Fahrrad, lehnt es an die Leitplanke und … Weiterlesen Zwei schweigen.

Placido Domingo.

Der alte Mann hört im Radio, dass Placido Domingo Frauen belästigt haben soll, und er kennt Placido Domingo eigentlich nicht, er kennt Placido Domingo nur von seiner Frau, denn sie mochte Placido Domingo, mochte seine Stimme, hörte ihn häufig singen, und der alte Mann konnte mit diesen Klängen nie viel anfangen, doch sie vertrieben zumindest … Weiterlesen Placido Domingo.

Kaleidoskop-Augen.

Der Himmel über der Autobahn sieht aus wie das Gemälde eines Künstlers, der halluzinogene Drogen konsumiert hat, wie das Fell einer unbekannten Raubkatze, dunkelbunt und wild. Der Himmel, er zieht ihren Blick an, und eigentlich müsste Evelyn auf die Straße schauen, müsste fokussiert und konzentriert bleiben, doch immer wieder dreht sich der Kopf, um das … Weiterlesen Kaleidoskop-Augen.

Ein Steinwurf.

Dieser Stein war schon vor mir da, denkt er, und wenn ich dereinst nicht mehr existieren werde, dann wird, ach, egal, er denkt nicht mehr weiter, mag sich nicht länger vor Augen führen, dass sein Dasein irgendwann nicht mehr da sein wird, dass es enden wird, dass sein Tod womöglich nur einen Steinwurf entfernt in … Weiterlesen Ein Steinwurf.

Entfernt.

Bis zum nächsten Mal, hat man gesagt, bis bald, bis irgendwann, doch irgendwann kam nie, das nächste Mal, es blieb aus, und nun entfällt es endgültig. Man hätte Gelegenheiten gehabt, hätte sie nur ergreifen müssen, doch keiner von beiden regte oder bewegte sich, und einer von beiden kann es nun nicht mehr. Man nannte sich … Weiterlesen Entfernt.

Fliegenschiss.

Mira hängt die Vorhänge ab. Sie hatte es schon lange vorgehabt, aber immer wieder hinausgezögert. Verdammte Prokrastination. Die Vorhänge hingen schon da, als Mira einzog, sie gehörten der alten Frau, die vor ihr in der Wohnung lebte. Sie war hier gestorben, die alte Frau, lag wahrscheinlich schon ziemlich lange tot auf dem Boden, bevor man … Weiterlesen Fliegenschiss.