Gloria geht ins Kino.

Zum Programmkino gehört eine kleine Bar mit überschaubarem Angebot und einigen Tischen. Auf dem Tresen liegen Prospekte und Karten von Filmen, und dahinter steht eine Frau mit müden Augen. Wenn sie fragt, was man trinken will, klingt ihre Stimme warm und freundlich, und man bestellt ein Glas Wein, obwohl man sich doch eigentlich auf ein … Weiterlesen Gloria geht ins Kino.

Eine kleine Geschichte (#2).

Diese Geschichte, sie handelt von Jakob, einem Mann, der vieles zu erzählen gehabt hätte, aber dennoch meistens zu schweigen pflegte. Als Jude überlebte er das Konzentrationslager der Nazis nur knapp. Seine Eltern und Geschwister jedoch wurden umgebracht. Trotz der erdrückenden Trauer und Traurigkeit zog Jakob nach dem Krieg in die lauten und lärmigen Städte, nach … Weiterlesen Eine kleine Geschichte (#2).

Gurken.

Es gibt kurze Videofilme von Katzen, hinter deren Rücken man eine herkömmliche Gurke platziert, und sobald eine Katze die Gurke erblickt, fährt sie zusammen, springt hoch, heftig erschrocken, nein, zutiefst schockiert, als wäre die Begegnung mit dem besagten Gemüse das fürchterlichste Ereignis ihres Katzenlebens, und irgendwie ist auch Herr Himmelberger den Katzen in diesen Videofilmen … Weiterlesen Gurken.

Tom Linde Elendiger Ficker.

Es ist der letzte Tag im Leben dieser Parkbank, doch abgesehen von einigen Mitarbeitenden der Stadtverwaltung ist dies bisher niemandem bekannt, auch die Parkbank selbst weiß nicht, was ihr blüht, was jedoch in der Natur der Sache liegt, schließlich mangelt es Parkbänken grundsätzlich an kognitiven Fähigkeiten, und eigentlich ist es auch falsch, vom letzten Tag … Weiterlesen Tom Linde Elendiger Ficker.

Ein Herz aus Gold.

Auf dem Asphalt, nahe am Rand des Gehsteigs, liegt ein Herz aus Gold. Es ist mit einer Halskette verbunden, ebenfalls aus Gold, feingliedrig und zart. Das Herz aus Gold liegt schon eine Weile da, als Anna es findet. Oh, wie schön! ruft sie stumm, aber fröhlich aus. Sie hebt die Halskette hoch und blickt sich … Weiterlesen Ein Herz aus Gold.

Der Friseur.

Man war längst kein Kind mehr, aber auch noch nicht wirklich erwachsen; man taumelte irgendwo dazwischen, in einer Schleuse zwischen den Zeiten, diffus und verführerisch zugleich. Manche standen auf wackligen Beinen im Berufsleben, andere studierten, wieder andere überlegten noch, was auch immer. Einige wohnten noch bei ihren Eltern, einige hatten bereits ihre eigenen Wohnungen, klein … Weiterlesen Der Friseur.

Häuser bauen.

A.F. baute seiner Frau ein Haus, und ja, er baute es vor allem für sie, denn sie hatte immer davon geträumt und geredet, ein eigenes Haus zu haben, während er selbst auch in der alten Mietwohnung glücklich und zufrieden geblieben wäre und keinerlei Bedürfnis nach einem Haus verspürte, hingegen umso mehr das Bedürfnis, seiner Frau … Weiterlesen Häuser bauen.

Kein Maßstab.

Er ist noch ein Kind, als eines Tages ein Versicherungsvertreter zur Familie nach Hause kommt und sich mit seinen Eltern unterhält. Der Versicherungsvertreter hat dunkles Haar und ist freundlich und hat eine Ledermappe dabei, und in dieser Ledermappe befindet sich neben einem Notizblock und irgendwelchen Papieren auch ein Maßstab. Es ist kein normaler Maßstab, denn … Weiterlesen Kein Maßstab.

Die Geschichten im Blick.

Manche Menschen tragen ihr Herz in den Augen, vor allem, wenn es schwer ist. Sie war ein solcher Mensch. Ihre Blicke erzählten traurig-trübe Geschichten, die womöglich gar keine richtigen Geschichten waren, höchstens Fragmente, Skizzen. Aber was sind schon richtige Geschichten? Manchmal reichen sechs Wörter, um eine Geschichte zu erzählen. Und ihre Blicke brauchten nicht einmal … Weiterlesen Die Geschichten im Blick.

Die Schattenmänner.

Man sitzt in diesem kleinen Warteraum beim großen Bahnhof. Gegenüber sitzt ein junger Mann mit riesigen Kopfhörern, sein Blick klebt auf dem Smartphone in seinen Fingern, sein Gesichtsausdruck erzählt von Konzentration oder von Gleichgültigkeit, es ist schwierig zu beurteilen. Draußen geht die Welt unter, vielleicht ist es auch einfach nur ein ganz normaler Dienstag, man … Weiterlesen Die Schattenmänner.

Am Tresen.

Mitunter fragt jemand, ob sie Kinder habe, einen Mann, eine Familie. Manche erkundigen sich nach ihrem Namen. Sie weiß, dass sie ihn am folgenden Tagen meistens wieder vergessen haben werden, doch es bekümmert sie längst nicht mehr. Hin und wieder gibt sie einen falschen Namen an, obschon sie sich nicht mehr darüber zu amüsieren vermag. … Weiterlesen Am Tresen.

Müll.

Man sieht ihn häufig im Quartier, manche kennen ihn von früher, denn er war schon damals hier, wohnte irgendwo um die Ecke, und als die anderen in die weite Welt zogen, blieb er vor Ort, ließ die Zeit durch sein Leben laufen, ohne aufzufallen. Nach seiner Schulzeit begann er ein Studium, brache es aber bald … Weiterlesen Müll.

Nichts zu sehen.

Die Menschen sind über die banalen Sessel gestreut, ein Eisenbahnwagen voller Existenzen, die sich nicht berühren; man lebt und atmet hier nebeneinanderher und aneinander vorbei, und wahrscheinlich ist es allen recht so. Man ist sich fremd, aber zumindest ist man vereint im Fremdsein. Zwischen all den Gesichtern, die keine Geschichten erzählen mögen, ist eines, das … Weiterlesen Nichts zu sehen.

Neun Augenblicke.

Ein Mann fährt allein in seinem Mitsubishi auf der Autobahn, als er ein anderes Fahrzeug überholt, an dessen Steuer ein Mann sitzt, der genau gleich aussieht wie er, zumindest der Kopf und das Gesicht scheinen identisch; sogar der leichte Knick im Nasenrücken ist da, und während sich die Blicke der beiden Männer treffen, gerät der … Weiterlesen Neun Augenblicke.

Fünf Minuten.

Sie reden von Flüchtlingsströmen, von einer Flut, die uns überrollt. Sie reden von Grenzschutz, von Verteidigungsmaßnahmen, gerade so, als wäre man im Krieg. Sie reden von Überfremdung, von Migrationsdruck, von Wirtschaftsflüchtlingen. Sie reden von Islamismus, von Terrorismus, von Invasion, von brutalen Horden. Sie reden von nationaler Identität, von einem drohenden Kollaps, vom Ende Europas. Sie … Weiterlesen Fünf Minuten.

Zwei Kollisionen.

Du verdammtes Arschloch, ruft man in die kühle Morgenluft, doch niemand hört die Worte, erst recht nicht der Fahrer des mittelgroßen Lieferwagens, der soeben beim Wegfahren von der Tankstelle eine mittelgroße Delle im Blech des mittelgroßen Autos hinterlassen hat, das nun verletzt an der Tankstelle steht, und womöglich hat der Fahrer des Lieferwagens sein Missgeschick … Weiterlesen Zwei Kollisionen.

Begegnung an einem Sonntag.

Der Pfarrer steht neben dem Altar und sieht aus wie ein Rockstar, die Haare sind wild und jugendlich frech frisiert, das Gewand beeindruckt durch eleganten Schnitt und zeitlose Farben, und sein Gebaren, es ist von ungeahntem Ausdruck, eine tiefe Leidenschaft wird deutlich, sein Vortrag wäre überzeugend, vielleicht sogar berauschend, wenn er jemanden interessieren würde, doch … Weiterlesen Begegnung an einem Sonntag.

Scherbenreflexion.

Es begab sich zu einer Zeit, als sogar die Kleenex-Schachtel neben seinem Bett Staub ansetzte. Vor den Fenstern wurde es längst nicht mehr richtig hell, die Zeitformen in seinem Dasein zankten sich darüber, welche von ihnen die größte Gleichgültigkeit aufwies. Wenn das Telefon klingelte, hielt er sich die Ohren zu, und irgendwo zwischen existenzialistischen Malereien … Weiterlesen Scherbenreflexion.