Die Tänzerin.

Das klingt jetzt sehr seltsam und wohl auch ziemlich unglaubwürdig, aber es ist wahr, voll und ganz und absolut. Es ist keine große Geschichte, sie ist schnell erzählt, ein einziger Satz genügt: In der Nacht, wenn sie ganz allein ist und niemand sie sieht, stellt sich eine junge Frau irgendwo in dieser kleinen Stadt auf … Weiterlesen Die Tänzerin.

Ein Wimpernschlag.

Er stellt sich vor sie hin. Sein Gesicht ist ganz nah bei ihrem, ihre Füsse berühren sich beinahe, und sie spürt seine Wärme, spürt die Präsenz seines Körpers. Sie registriert, wie sich kleine Vibrationen in ihrem Innern bilden, ein ungewohntes Ziehen an einigen Stellen, ein Schieben an anderen. Der Moment löst sich aus der Zeit, … Weiterlesen Ein Wimpernschlag.

Abhänge.

Er hat an ihren Haaren gezerrt, ihr ins Gesicht gespuckt und sie schließlich einen kleinen Abhang hinabgeschubst. Der Sturz war nicht schlimm, sie trug einige Schürfungen und eine offene Stelle am rechten Knie davon. Weitaus verletzender war das Spucken. Es zeugte von einem fundamentalen Mangel an Respekt, von einer bewussten Erniedrigung, und noch heute, bald … Weiterlesen Abhänge.

Pizza.

Natürlich sind Frauen auch nur Menschen, sagt er. Aus dem Zusammenhang gerissen ließe sich seine Aussage vielleicht sogar als relativierendes, positiv gemeintes Verdikt deuten, wenn man denn unbedingt möchte. Aber der Zusammenhang ist da, er ist unvermeidlich. Denn vor und nach diesem Satz bezeichnet er Frauen wahlweise als dumm, einfältig, hysterisch, billig oder fies; er … Weiterlesen Pizza.

Das Gästezimmer.

Sie wirft die alten Blumen in den Komposteimer, spült die Vase aus, füllt frisches Wasser auf und stellt neue Blumen in die Vase. Tulpen, dunkelrot und weiß. Dann geht sie ins Gästezimmer und platziert die Vase auf dem kleinen Tisch am Fenster. Sie sieht sich aufmerksam um, lässt den Blick über Mobiliar und Flächen gleiten, … Weiterlesen Das Gästezimmer.

Am Dorfbach.

Jeder im Dorf kennt den J. Der J. ist einer, den man ein Original nennt, einen richtigen Typen. Der J. ist schon sehr früh alt geworden, doch er ist noch lange nicht alt genug, um zu sterben. Er arbeitet nicht mehr, und obwohl er sein Leben lang geschuftet hat, muss er nun vegetieren wie ein … Weiterlesen Am Dorfbach.

Diese Leute.

Man nimmt an einer Kundgebung teil, es geht um den Frieden, es geht um Flüchtlinge, um Respekt, da sind Regenbogenfarben und klare Worte auf Transparenten, man geht durch die Gassen der Stadt, einige hundert Menschen vielleicht, jung und alt, hell und dunkel, fröhlich und nachdenklich, laut und leise; man bewegt sich vorwärts, den Schaufenstern und … Weiterlesen Diese Leute.

Tollwut.

Normalerweise fährt er weiter. Zwar betrübt ihn der Anblick, selbst wenn er nur eine Sekunde währt, doch er hält nicht an. Das arme Tier, denkt er vielleicht, und manchmal fühlt er sich böse, obwohl nicht er es war, der das Geschöpf zu Tode fuhr. Er hat noch nie ein Lebewesen überfahren. Aber es könnte geschehen, … Weiterlesen Tollwut.

Zwei streifen sich.

Eigentlich ist er ja nichts anderes als ein Gegenstand, sagt sie und meint ihren Körper. Ein Ding, ein Gefäß, in dem ein Mensch steckt. Und in diesem Gefäß stecke nun mal ich. Er ist ein Instrument, wie ein Cello. Ja, mein Körper ist mein Cello. Und ich spiele damit. Sie hakt ihren BH auf, lässt … Weiterlesen Zwei streifen sich.

Brennende Dungklumpen.

Er wird eigentlich nicht wütend auf andere Menschen. Andere Menschen sind eben anders, sind anders als er selbst, darum heißen sie andere Menschen. Wären alle Menschen gleich, wären ihm alle Menschen gleich, wären ihm einerlei und egal. Und das wäre bedauerlich. Leben und leben lassen, jeder nach seiner Fasson, Tierchen, Pläsierchen, man kennt das ja, … Weiterlesen Brennende Dungklumpen.

Der Tee wird kalt.

Sie beobachtet die Ziffern der kleinen digitalen Küchenuhr; die Zeit läuft rückwärts, drei Minuten verringern sich, schwinden und verschwinden, bis zum letzten leeren Viereck auf der Anzeige, vier identische Zahlen ohne Wert, und dann der stoische Signalton. Sie drückt einen Knopf, nimmt vorsichtig den Teebeutel aus der Tasse und legt ihn auf einen kleinen Teller, … Weiterlesen Der Tee wird kalt.