Gnu.

Das Gnu dampft. Ein leichter Nebel steigt vom Körper auf, als hätte man ihn direkt aus einem heißen Ofen gezogen. Warum das Gnu dampft, kann sie sich nicht erklären. Allein die Tatsache, dass ein Gnu vor ihr auf dem Boden liegt, ist ziemlich überraschend. Eigentlich dürfte da kein Gnu liegen, denn Gnus leben im südlichen … Weiterlesen Gnu.

Warmwasser.

Der Tag hängt stumm in den Räumen. Vor den Fenstern lässt der hellgraue Himmel die Landschaft matt und bleich wirken, wie eine altes Foto in ungesättigten Farben. Sie lauscht der Stille, fügt sich in das Schweigen, und als sie sich räuspert, zuckt sie erschrocken zusammen, so laut und grob dringt das Geräusch aus ihrer Kehle … Weiterlesen Warmwasser.

Der Gescheckte Nagekäfer.

Sara beobachtet den Käfer auf dem Fenstersims. Er geht einige Schritte und bleibt dann stehen, tastet mit seinen Fühlern um sich. Dann geht er weiter, bleibt wieder stehen, geht weiter, bleibt stehen, seine Bewegungen wirken wie ein Tanz, ungelenk zwar, aber dennoch mit einer gewissen Eleganz. Sara schließt den Fensterladen. Es ist heiß draußen, ein … Weiterlesen Der Gescheckte Nagekäfer.

Die Walze.

Sie liegt auf dem Boden in ihrem Wohnzimmer und liegt zugleich auf dem grauen Asphalt eines Parkplatzes oder einer öden Industriebrache, irgendwo in einem leblosen Viertel der Welt. Sie war noch nie hier, doch sie kennt den Ort dennoch gut, viel zu gut. Der Ort, er ist unbewohnt, er ist ungewohnt, doch sie ist es … Weiterlesen Die Walze.

Opossum.

Es existieren mehr Möglichkeiten als Tatsachen, da ist mehr Fantasie als Realität, und die Welt, die sein könnte, ist ungleich bunter und reicher als die Welt, die ist. Luisa weiß nicht immer, wo die Grenzen liegen. Aber vielleicht ist es auch nicht wichtig, sie mit Bestimmtheit zu ziehen. Manchmal legt sie sich auf den Boden, … Weiterlesen Opossum.

Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Sie hocken auf den Stühlen im Restaurant des Supermarktes und schauen mit leblosen Augen auf irgendwelche Punkte im Nichts. Vor ihnen auf den Tischen stehen Biergläser, schon von Anfang an halbleer. Manchmal trinken sie einen Schluck, aber nur einen kleinen, damit das Bier länger hält. Man muss die Dinge dehnen, sonst bleibt die Zeit ein … Weiterlesen Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Hitler töten.

Mindestens einmal pro Woche fährt Anja ans Meer. Obwohl, sie fährt nicht wirklich, der Weg ist nicht das Ziel, der Weg spielt keine Rolle. Sie ist einfach da, am Meer, ganz allein, die Luft ist salzig, der Horizont ist leicht gewölbt. Sie kann entscheiden, welche Stelle sie aufsucht, sie kann wählen, ob sie im Sand … Weiterlesen Hitler töten.

Sechs Finger.

Während Iris in ihrem Bett liegt und schläft, träumt sie davon, dass sie in ihrem Bett liegt und wach ist. Im Traum sieht sie, wie ihre Hand über ihren Körper gleitet. Viel mehr bleibt von diesem Traum nicht zurück, als Iris am nächsten Morgen erwacht, nur dieser Moment, mit ihrer Hand, ihrem Körper, ihrer Haut, … Weiterlesen Sechs Finger.

Biber.

Wenn sie jeweils den schmalen Pfaden im Wald entlanggeht und die knorrigen Baumstämme betrachtet, wäre sie gerne ein Biber. Sie würde sich durch die borkigen Rinden knabbern, würde Ast um Ast zum nahen Fluss schleppen und einen Bau erschaffen, der ihr ein Zuhause wäre. Manchmal sieht sie ein Eichhörnchen im Wald und stellt sich vor, … Weiterlesen Biber.

Der Teufel.

Sie vermag nicht einzuschätzen, wann es begann. Es dauert schon lange an, glaubt sie, doch die Zeit hat ihre Kalkulierbarkeit verloren; Stunden sind kaum von Tagen zu trennen, die Wochen sind Treibgut in einem trägen Fluss. In meiner Brust ballt der Teufel eine Faust. So lautet ihre Antwort, wenn jemand fragt, was los sei. Kaum … Weiterlesen Der Teufel.

Nach dem Froschregen.

In der Nacht träumte sie, dass es Frösche regnete. Große, plumpe Körper, zu Tausenden und Abertausenden, eine Plage biblischen Ausmaßes. Beim ersten Frosch, der auf ein nahes Blechdach prallte, erschrak sie heftig. Der Regen wurde rasch stärker, und in den ersten Minuten war sie verblüfft darüber, dass es Frösche waren, die vom Himmel fielen. Doch … Weiterlesen Nach dem Froschregen.

Unter dem Schnee.

Es hatte immer wieder geschneit in diesem Winter, die Tage waren häufig grau und bitterkalt. Der Schnee lag wochenlang auf den Feldern und Wiesen. An manchen Tagen schmolzen einige Zentimeter weg, dann wieder fiel neuer Schnee und ließ die Schicht wieder anwachsen. Was unter der Schneedecke lag, blieb verborgen. Und es war kaum vorstellbar, dass … Weiterlesen Unter dem Schnee.

Gefallene.

Der Sturm war heftig, war wütend, der Sturm hat an einem Baum gezerrt, und der Baum hat nicht standhalten können, ist umgeknickt, der eigentlich so stämmige Stamm ist im unteren Viertel gebrochen, und nun liegt er da, der Baum, allein auf der weiten Wiese, stumm und still, besiegt und machtlos; ein Gefallener, ein Unterlegener. Sie … Weiterlesen Gefallene.

Ein dunkelgrau gekleideter Reiter.

Etwa eine Woche, bevor die Welt untergeht, hat Hugo ein Vorstellungsgespräch für eine Stelle in der Redaktion einer Boulevardzeitung. Er mag die Boulevardzeitung nicht, er liest sie nicht und findet die überdimensionalen Schlagzeilen fürchterlich, doch er ist arbeitslos und antriebslos und braucht Geld, also geht er hin, zu jenem Gespräch. Im Besprechungszimmer hängt ein ziemlich … Weiterlesen Ein dunkelgrau gekleideter Reiter.

Fledermäuse.

An der Wand hängt ein Bild von Mahatma Gandhi, und in der Regel starrt er lediglich ein wenig schläfrig in den Raum, doch manchmal ist er damit beschäftigt, einen Zauberwürfel zu bearbeiten und die gute alte Perfektion der gleichen Farben wiederherzustellen, oder er isst einen Apfel, meistens Golden Delicious, oder er schneidet Grimassen, und jetzt … Weiterlesen Fledermäuse.

Martha.

Sie war anders. Er füllte seinen Kopf mit so vielen Eindrücken, mit Gesichtern und Händen und Körpern, mit Frauen und Männern, mit Namen und Daten, mit Häuserecken und Heuschrecken, mit Meereswellen und Markenlogos, mit sexuellen Erfahrungen und emotionalen Entbehrungen. Er füllte alles in seinen Kopf, und irgendwann tröpfelte und floss es wieder hinaus, versickerte im … Weiterlesen Martha.

In der Schwebe.

Als sie ein Kind war, träumte sie einige Male den gleichen Traum in leicht veränderten Variationen. Sie konnte fliegen in diesem Traum, zumindest schweben, doch das erwartete Hochgefühl der Vogelfreiheit, es wollte sich nicht einstellen. Stattdessen war ihr die außergewöhnliche Fähigkeit sehr unangenehm. Ihr fehlte die Kontrolle, ihr fehlte jeglicher Halt, und sie verspürte eine … Weiterlesen In der Schwebe.