Zum Glück.

Man sagt, dass Glück und Unglück nahe beieinander liegen, somit kann man Glück und Unglück als Nachbarn verstehen, kann sich ein überschaubares Einfamilienhausquartier vorstellen, und in einem der Häuser wohnt das Glück und im Haus daneben wohnt das Unglück. Nun geht in der Nähe dieses Einfamilienhausquartiers ein Kind ins Schwimmbad, überschätzt seine Schwimmfähigkeiten und ertrinkt … Weiterlesen Zum Glück.

Er fährt in den Krieg.

Er fährt in den Krieg, nicht zum ersten Mal, sondern erneut, nach dem Urlaub fährt er wieder zurück in den Krieg, zurück an die Front, die Ostfront, er fährt mit dem Zug, mit dem Fronturlauberzug, zusammen mit vielen anderen Männern, er fährt mit dem Zug in den Krieg in einem Buch von Heinrich Böll, dem … Weiterlesen Er fährt in den Krieg.

Werner Huber hat genug.

Ich habe genug, ruft er, und er tut es laut, mit einem metallischen, schneidenden Klang in der Stimme. Seine Botschaft durchbricht die träge Stille, die in den Räumen der Pflegestation liegt, hallt von den zumeist kahlen Wänden zurück. Kurz ist das Klappern von Geschirr zu hören, dann wieder der Ausruf. Ich habe genug! Es ist … Weiterlesen Werner Huber hat genug.

Wollen müssen.

Man muss nur wollen, sagt eine Person, die Sofia kennt, also nur rudimentär kennt, eine Peripherbekanntschaft sozusagen. Sofia erinnert sich nur an guten Tagen an den Vornamen dieser Person, und heute will ihr der Vorname nicht einfallen. Sie spielt das Alphabet durch, um so vielleicht herauszufinden, mit welchem Buchstaben der Vorname beginnt, aber sie gelangt … Weiterlesen Wollen müssen.

Ein sich die Haare raufendes Nein.

Es ist wichtig, dass man darüber redet. Es ist wichtig, dass man die Dinge ausspricht, sie diskutiert. Es ist wichtig, dass man sich auf die Meinung des Gegenübers einlässt und sie mit der eigenen vergleicht. Dass man sich auf die eigenen Argumente berufen kann, ohne anderslautenden Wortmeldungen gleich die Existenzberechtigung abzusprechen. Es ist wichtig, dass … Weiterlesen Ein sich die Haare raufendes Nein.

Kopfschüttler.

Es ist ein sehr lautes Kopfschütteln, der Klang erinnert an ein rostiges Gartentor, was eigentlich überraschend ist, denn Herr und Frau Kopfschüttler sind durchaus geübt im Kopfschütteln, sie tun es häufig und meistens synchron, ab und zu unterbrochen von einem «Tststs» oder einem «Ach» oder einem anderen Laut, der Missbilligung und Unverständnis zum Ausdruck bringen … Weiterlesen Kopfschüttler.

Das Maß aller Dinge.

Vera schraubt die Kappe des Lippenstifts ab, führt ihn an ihren Mund, trägt ihn auf, achtsam, sparsam, nicht zu viel, nicht zu wenig, mit größter Akkuratesse. Das richtige Maß ist wichtig, das richtige Maß ist entscheidend, das ist bei allen Dingen so. Sie schürzt die Lippen und schaut in den Spiegel. Die Frisur sitzt perfekt, … Weiterlesen Das Maß aller Dinge.

Nicht nichts tun.

Am Ende des Himmels kündigt sich freundliches Wetter an, die dichte graue Decke geht in ein mildes Hellblau über, in das sich vereinzelte Wolkenfetzen mischen. Man hatte doch an das Gute geglaubt, man hatte gehofft, weil Hoffnung oftmals die letzte Zuflucht ist, man hatte sich an alles geklammert, das Halt versprach. Manchmal war es schwierig, … Weiterlesen Nicht nichts tun.

Tempo.

Man sitzt in diesem Zug, nicht etwa im rumpeligen Regionalbähnchen, sondern in einem dieser Hochgeschwindigkeitszüge, TGV oder ICE oder Shinkansen, und man rast durch die Welt und rast durch die Zeit, und draußen vor dem Fenster sieht alles aus wie ein abstraktes Gemälde, mit verschmierten Flächen in Grün und Braun und Weiß, die Landschaft zerrinnt … Weiterlesen Tempo.

Plastik.

Manchmal schrumpft die Welt zu einem einzigen Raum, und dieser Raum ist gefüllt mit künstlichen Pflanzen, bunten und grünen Kunststoffgebilden, die versuchen, die Natur nachzuahmen, dabei aber doch nur Plastik sind, entstanden in einer großen Fabrik, in der unzählige Menschen arbeiten, die man nicht kennt, und diese Menschen drücken Knöpfe und fügen Teile zusammen und … Weiterlesen Plastik.

Die Tänzerin.

Das klingt jetzt sehr seltsam und wohl auch ziemlich unglaubwürdig, aber es ist wahr, voll und ganz und absolut. Es ist keine große Geschichte, sie ist schnell erzählt, ein einziger Satz genügt: In der Nacht, wenn sie ganz allein ist und niemand sie sieht, stellt sich eine junge Frau irgendwo in dieser kleinen Stadt auf … Weiterlesen Die Tänzerin.

Mit großem Bedauern.

Als Frau Lehmann den Brief liest, vermag sie ihn zunächst gar nicht zu begreifen. Auf den ersten Zeilen steht in knappen Worten geschrieben, dass die Supermarktkette, für die Frau Lehmann arbeitet, sich in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld bewege, sich konsequent um Effizienz bemühen und Optimierungspotenziale nutzen müsse. Einen Abschnitt weiter unten erklärt man ihr in … Weiterlesen Mit großem Bedauern.

Die Kramers.

Niemand weiss wirklich, woher sie kamen. Sie waren irgendwann einfach da, wie unbekannte farbenprächtige Vögel, die plötzlich auf einem Baum im Garten hocken, herzerwärmend und einnehmend. Und dann waren sie wieder verschwunden, liessen höchstens einige Federn und vage Erinnerungen zurück. Man hatte sie wohl schon zuvor gesehen. Aber zum ersten Mal deutlich ins Bewusstsein traten … Weiterlesen Die Kramers.

Die Ministerin.

Als Ann das Ministerium übernahm, tat sie es nur mit halbem Herzen. Das waren 150 Gramm Fleisch, wo es doch eigentlich 300 Gramm hätten sein müssen. Normale Frauenherzen wiegen nur etwa 250 Gramm, aber Ann hatte ein großes Herz, das war schon immer so, und große Herzen sind entsprechend schwer. Große Herzen sind nicht immer … Weiterlesen Die Ministerin.

Helmut hat geschissen.

Helmut hat geschissen, in der Herrentoilette des Großraumbüros, in welchem er arbeitet, zusammen mit vielen anderen Menschen, von denen er manche sehr gerne mag und andere nur gerade ein bisschen. Helmut hat geschissen, und das besagte Ereignis war nahe an explosiver Diarrhöe. Helmut hatte Bauchschmerzen gehabt und war froh, dass sich diese ein wenig entspannten. … Weiterlesen Helmut hat geschissen.

Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Sie hocken auf den Stühlen im Restaurant des Supermarktes und schauen mit leblosen Augen auf irgendwelche Punkte im Nichts. Vor ihnen auf den Tischen stehen Biergläser, schon von Anfang an halbleer. Manchmal trinken sie einen Schluck, aber nur einen kleinen, damit das Bier länger hält. Man muss die Dinge dehnen, sonst bleibt die Zeit ein … Weiterlesen Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.