Das Maß aller Dinge.

Vera schraubt die Kappe des Lippenstifts ab, führt ihn an ihren Mund, trägt ihn auf, achtsam, sparsam, nicht zu viel, nicht zu wenig, mit größter Akkuratesse. Das richtige Maß ist wichtig, das richtige Maß ist entscheidend, das ist bei allen Dingen so. Sie schürzt die Lippen und schaut in den Spiegel. Die Frisur sitzt perfekt, … Weiterlesen Das Maß aller Dinge.

Warmwasser.

Der Tag hängt stumm in den Räumen. Vor den Fenstern lässt der hellgraue Himmel die Landschaft matt und bleich wirken, wie eine altes Foto in ungesättigten Farben. Sie lauscht der Stille, fügt sich in das Schweigen, und als sie sich räuspert, zuckt sie erschrocken zusammen, so laut und grob dringt das Geräusch aus ihrer Kehle … Weiterlesen Warmwasser.

Brulguama.

Er steht am Bahnhof und versucht, die Plakate an den Wänden zu entziffern, doch da ist nichts, woran er sich festhalten könnte. Eine leicht bekleidete Frau sieht ihn von einem der Plakate an, in ihrem Blick liegt etwas Forsches und Forderndes, vielleicht auch Aufmunterndes. Neben ihrem Kopf steht das Wort Brulguama! geschrieben, in großen Lettern … Weiterlesen Brulguama.

Meeresgrund.

Im Supermarkt ist jeder Salat in der Gemüseabteilung verfault, jeder einzelne Salatkopf grinst mit braunen Blättern aus seiner Kunststoffverpackung. Sie hebt einen Salatkopf hoch, wendet ihn in ihren zitternden Händen und knallt ihn wieder zurück ins Regal, greift sich den nächsten Salatkopf und schleudert auch diesen wieder zurück. Alles ist verfault! brüllt sie in die … Weiterlesen Meeresgrund.

Socken.

«Irgendwann wird das Lügen zum Reflex. Irgendwann erzählen sich die Geschichten von selbst, und es sind nicht mehr wirklich deine eigenen, deine wahrhaftigen Geschichten. Man wird zum Protagonisten in einem Theaterstück. Ich kann das nicht mehr.» «Und was willst du tun?» «Aufhören.» «Inwiefern?» «Einfach aufhören.» «Aha.» «Ja.» «Gibt’s keinen anderen Weg?» «Es gibt immer einen … Weiterlesen Socken.

Kleine Fluchten.

Eigentlich raucht er nicht, hat noch nie geraucht, konnte sich nie dafür begeistern. Jetzt kauft er sich eine Schachtel, setzt sich auf eine kleine Mauer am Seeufer, zündet sich eine Zigarette an, hustet kurz und heftig und lässt dann seinen Blick über die Wellen gleiten. Eigentlich gibt sie sich jedes Wochenende dem Nachtleben hin, zieht … Weiterlesen Kleine Fluchten.

Aus dem Bild.

Sie geht mit stummen Schritten über Wiesen, gleitet schweigend durch Wälder, atmet Natur und Reinheit ein. Sie registriert, wie der Lärm allmählich verebbt, sie hört das Rauschen des Blutes im Ohr. Sie berührt ihr Gesicht, berührt den gesamten Körper, spürt die Wärme ihrer Haut. Sie zieht ihre Schuhe aus, streift störende Kleidung ab. Irgendwann stellt … Weiterlesen Aus dem Bild.

Flüchtling.

Herr Talpa war eigentlich ganz glücklich. Er hatte sich ein schönes Heim geschaffen, weit verzweigt und durchaus stabil, mit mehreren Ausgängen und zahlreichen Rückzugsmöglichkeiten. Es war vielleicht nicht viel, aber es war ein Zuhause, und Herr Talpa kannte nur wenige Worte, die schöner waren. Manchmal, wenn er auf Artgenossen traf, erzählte er beinahe übermütig von … Weiterlesen Flüchtling.

Der Pegel sinkt.

Die kleinen Blasen auf der Wasseroberfläche verbinden sich zu fragilen Landmassen, ändern stetig ihre Formen, bilden kleine Inseln und ganze Kontinente. Wenn sie in den Schaum pustet, reißen die Gebilde auf, setzen sich neu zusammen. Und immer ist da dieser spezifische Klang, ein kaum greifbares Rauschen, ausgelöst durch die Verschiebungen und das Zerplatzen der kleinen … Weiterlesen Der Pegel sinkt.

Iris.

Den endgültigen Entschluss fasst sie, als sie ihre Zungenspitze um seine Eichel kreisen lässt, schließlich ihre Lippen um seinen Penis legt und den Brechreiz erträgt. Nachdem sich die Gewissheit manifestiert hat, wirkt die Situation einen Moment lang so grotesk, dass sie verharrt. Als er an ihren Haaren zerrt und auf ein Weitermachen drängt, tut sie … Weiterlesen Iris.

In absentia.

Schon bei ihrer Geburt war sie nicht wirklich da. Zur Welt kam sie ohne Bewusstsein, und erst nach einigen Sekunden konnte ein Arzt ihre Atmung und ihren Kreislauf in Gang bringen. In der Schule betrat sie den Pausenplatz jeweils erst, wenn die Pause zu Ende ging, und häufig blieb sie den Unterrichtsstunden fern, sammelte lieber … Weiterlesen In absentia.

Abbiegen.

Sie betrachtet ihre Hände, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel treten hervor, ragen empor wie baumlose Hügel. Bei einem Knöchel blättert die Fassade ab, die Haut ist geschunden, aufgeplatzt, doch sie kann sich nicht erinnern, etwas oder jemanden geschlagen oder zumindest heftig berührt zu haben. Zaghaft streichelt sie den verletzten Knöchel mit dem Daumen der … Weiterlesen Abbiegen.

Der Anfang am Ende.

Ein leises Klopfen an der Tür, in das Nichts vor dem Fenster dringt ein Grollen und Blinken. Das Klopfen wird lauter, doch sie bleiben still, nahezu reglos auf einem Bett, das ebenso gut ein Boot auf der Oberfläche eines schlafenden Ozeans sein könnte. Eine kaum hörbare Stimme ertönt. Bist du wach? Ja, flüstert eine zweite … Weiterlesen Der Anfang am Ende.