Hätte.

Der Gedanke hätte überall auftauchen können, doch er tut es an der Biegung eines Flusses. Eva ist mit ihrer Freundin Diana unterwegs, ein Wanderausflug, längst zur Tradition geworden. Es ist ein relativ warmer Tag, ein lauer Wind schiebt Wolkenfetzen über den Himmel, in den Waldstücken vermengen sich Vogelrufe und das Rauschen der Blätter. Als sie … Weiterlesen Hätte.

Sil-ben-tren-nung.

Deutsch, steht auf einem Etikett auf der Frontseite des Schulbuches, und unter diesem Deutsch steht sein Name, doch ansonsten gibt es auf dem Umschlag nichts zu lesen, denn das Schulbuch ist fein säuberlich eingefasst, in braunes Papier, wohl darum, dass man es wiederverwenden kann, es einem anderen Jungen oder einem Mädchen in die Hände drücken … Weiterlesen Sil-ben-tren-nung.

Landwirtschaft und Liebe.

Bert liest eine Geschichte von einem, der eine Geschichte liest, und in dieser Geschichte geht es um Landwirtschaft, doch Bert hat keine Ahnung von Landwirtschaft, Agrarwissenschaften sind ihm völlig fremd, und der einzige Bauer, den er kennt, kennt er noch von früher, aus der Schule, damals war er ein stämmiger Junge mit einem dicken Hals, … Weiterlesen Landwirtschaft und Liebe.

Der Gescheckte Nagekäfer.

Sara beobachtet den Käfer auf dem Fenstersims. Er geht einige Schritte und bleibt dann stehen, tastet mit seinen Fühlern um sich. Dann geht er weiter, bleibt wieder stehen, geht weiter, bleibt stehen, seine Bewegungen wirken wie ein Tanz, ungelenk zwar, aber dennoch mit einer gewissen Eleganz. Sara schließt den Fensterladen. Es ist heiß draußen, ein … Weiterlesen Der Gescheckte Nagekäfer.

Eine kleine Geschichte (#4).

Diese Geschichte, sie handelt von Johanna, einer Frau, die viele Dinge wusste, und die meisten dieser vielen Dinge, die sie wusste, hatte sie von ihrem Vater gelernt. Nachdem ihre Mutter sich in einen irischen Straßenmusiker verliebt und das Weite gesucht hatte, waren Johanna und ihr Vater die kleinste Variante einer Familie geworden, und obwohl sich … Weiterlesen Eine kleine Geschichte (#4).

Gloria geht ins Kino.

Zum Programmkino gehört eine kleine Bar mit überschaubarem Angebot und einigen Tischen. Auf dem Tresen liegen Prospekte und Karten von Filmen, und dahinter steht eine Frau mit müden Augen. Wenn sie fragt, was man trinken will, klingt ihre Stimme warm und freundlich, und man bestellt ein Glas Wein, obwohl man sich doch eigentlich auf ein … Weiterlesen Gloria geht ins Kino.

Eine kleine Geschichte (#2).

Diese Geschichte, sie handelt von Jakob, einem Mann, der vieles zu erzählen gehabt hätte, aber dennoch meistens zu schweigen pflegte. Als Jude überlebte er das Konzentrationslager der Nazis nur knapp. Seine Eltern und Geschwister jedoch wurden umgebracht. Trotz der erdrückenden Trauer und Traurigkeit zog Jakob nach dem Krieg in die lauten und lärmigen Städte, nach … Weiterlesen Eine kleine Geschichte (#2).

Zuspätkommen.

Er war schon früher immer zu spät dran. In der Schule war Leo stets das letzte Kind, das morgens eintraf, in der Regel nach Unterrichtsbeginn, obwohl er doch frühzeitig aus dem Haus ging und kaum trödelte. Die anderen Kinder grinsten manchmal, wenn er ins Klassenzimmer schlich, die Lehrerin hob bisweilen ihren Zeigefinger, und einige Male … Weiterlesen Zuspätkommen.

Rado.

Leon hat seine Armbanduhr verloren und zugleich die Liebe gefunden. Ein guter Handel, findet er, obschon er sich durchaus der Tatsache bewusst ist, dass es eine wunderbare Uhr war, eine Rado, Schweizer Qualitätsarbeit, robust und mit präzisem Uhrwerk. Leon mochte die Datumsanzeige sehr, die Ziffern waren beinahe quadratisch, mit abgerundeten Ecken. Die Uhr hatte ihn … Weiterlesen Rado.

Leserbrief an den Stadtanzeiger.

Normalerweise schreibe ich keine Leserbriefe. In meinen Augen sind Leserbriefe oftmals nichts anderes als ein Aufplustern. Irgendein Gockel krächzt gar klagend, welches Unrecht ihm oder seinesgleichen widerfahren ist oder welche Entbehrung er zu erleiden hatte, stellt seine Federn auf, obwohl er weiß, dass sich nichts ändern wird. Das widerstrebt mir, ich finde es befremdlich. Und … Weiterlesen Leserbrief an den Stadtanzeiger.

Eefje.

Sie trafen sich in einem Pub in London. Er weiß nicht mehr, wie es hieß, doch er redet sich ein, dass man das Pub Destiny nannte, Schicksal. Er redet sich vieles ein. Manchmal schnüffelt er an seinem Unterarm und will sich davon überzeugen, dass er dabei winzig kleine Partikel von ihr einatmet, die dem Wind … Weiterlesen Eefje.

Postkarte 3: Ernsthaftigkeit

Für eine gemeinsame Lesung mit Sandkastenfreund Patrik Kobler in der alten Heimat entstanden fünf kurze Postkartentexte, die in einer Art Dialog mit Patriks fünf Postkarten ihren Weg auf die Bühne fanden. Postkarte 3: Ernsthaftigkeit Lieber Patrik Ich vergesse bisweilen den Namen meiner ersten Freundin. Also meiner ersten festen Freundin, wie man das damals nannte. Der … Weiterlesen Postkarte 3: Ernsthaftigkeit

Pasta.

Sie wohnten einige Jahre lang im gleichen Haus. Das Haus war voller Leben, war bunt und herzlich, ein wundervoller Mikrokosmos, in welchem so vieles und so viele Platz hatten. Es war ein schönes Haus, denkt Yvonne. Doch vielleicht war es das auch nur wegen ihr. Wegen Francesca. Sie hat sich eine Nudelmaschine gekauft. Schon lange … Weiterlesen Pasta.

Ein möglicher Hund.

Sie hatte nie ein Haustier besessen. Zwar waren da die beiden unglückseligen Goldfische, die ihr ein wohlmeinender Onkel eines Tages ins Kinderzimmer gestellt hatte, doch schon nach wenigen Tagen trieben die beiden Goldfische aus unerfindlichen Gründen leblos an der Wasseroberfläche des kleinen Aquariums, noch bevor sie in der Lage gewesen wäre, den Fischen einen Namen … Weiterlesen Ein möglicher Hund.

Krallen im Penis.

Am abendblauen Himmel hängt ein Wolkengebilde, die Form erinnert an den Kopf einer Katze, und auch er erinnert sich an eine Katze, sie lebte bei ihm, lebte mit ihm, und einmal, sie war jung und sehr verspielt, kletterte die Katze seinem Bein empor, grub die Krallen tief in seine Jeans und unter dem Stoff in … Weiterlesen Krallen im Penis.

Frau Gustafsson.

Eigentlich hat Ivan gar keine Zeit. Er hat noch Termine in sieben weiteren Häusern im Quartier, um dort die Elektroinstallationen zu prüfen, und sein Chef mag es nicht, wenn er länger als nötig bei Kunden bleibt. Doch Frau Gustafsson beharrt darauf, ihm einen Kaffee zu machen, also setzt er sich auf den alten Polstersessel im … Weiterlesen Frau Gustafsson.

Ambulante Lesung 02

Bereits zum zweiten Mal kam in Speicher in der Ostschweiz eine Ambulante Lesung zur Aufführung. Die Ambulante Lesung ist ein Gegenentwurf zur klassischen Wasserglaslesung. Das Lesen und Zuhören erobert das Freie, die Umwelt wird zur lebendigen Kulisse, oftmals sogar zum prägenden Element des Gelesenen. Das Publikum ist in Bewegung, taucht in die Geschichte ein, wird zum … Weiterlesen Ambulante Lesung 02