Evelyn.

Evelyn hat eine Packung mit Papiertaschentüchern neben dem Bett liegen, und manchmal, wenn sie in der Nacht erwacht, tastet sie danach, nimmt ein Taschentuch aus der Packung und trocknet ihre Augen, ohne zu wissen, warum sie feucht sind. Evelyn mag den Klang des Windes, der das Haus zum Knarren bringt, doch hin und wieder befürchtet … Weiterlesen Evelyn.

Absender unbekannt.

Beinahe übersieht sie ihn, den Umschlag. Er steckt zwischen einer Kartonverpackung und einer Zeitschrift, und erst, als er zu Boden fällt, fällt er auf. Sie hebt ihn hoch, dreht ihn zwischen ihren Fingern. Dann trägt sie ihn zusammen mit der restlichen Post in ihre Wohnung. In der Kartonverpackung ist ein Buch, das sie bestellt hat; … Weiterlesen Absender unbekannt.

Marienkäfer.

Bisweilen hustet sie, hält sich die hohle Hand vor den Mund, und obwohl es ein trockener Husten ist, prüft sie die Handfläche auf Auswurf oder Rückstände. Manchmal sind da kleine Stücke einer Banane oder Brotkrumen, je nach dem, was sie gegessen hat. Meistens aber ist nichts zu sehen. Nur die Risse und Furchen ihrer Haut. … Weiterlesen Marienkäfer.

Michael Jackson.

Michael Jackson ist tot, und sie hat ihn umgebracht. Dabei liebte sie ihn, damals in der Schule, wie die meisten anderen Kinder auch, er war so anders und so schön, er war so weit weg und doch so nah, er war kein Mensch und ließ sie trotzdem spüren, dass sie selbst ein Mensch war. Michael … Weiterlesen Michael Jackson.

Was da ist.

Da ist schwarzer Kaffee, der allmählich in der Tasse erkaltet. Da ist die warme Stimme von Nina Simone, die aus großen alten Lautsprechern in den Raum fließt. Da ist das Licht eines Morgens, so hell, dass es schmerzt in den Augen. Da ist die Selbstverständlichkeit, dass man stutz oder schmunzelt, wenn sie sagt, dass sie … Weiterlesen Was da ist.

Ohne Maja und Nils.

Als Kind mochte sie die Biene Maja, die war so frech und klug und gewitzt. Sie mochte den kleinen Maulwurf, der war so fröhlich und aufgeweckt. Sie mochte Nils Holgersson, der so viele Abenteuer erleben und mit den Wildgänsen fliegen konnte. Sie mochte die Figuren, sie mochte die flauschig weichen Geschichten, und obwohl sie wusste, … Weiterlesen Ohne Maja und Nils.

Morgenstern lügt.

Auf dem Tischlein neben ihrem Bett steht ein kleiner Kalender, der ihr jeden Tag verrät, wie sie ihr Leben zu leben hat, und am heutigen Tag steht dort ein Satz von Christian Morgenstern, der behauptet, dass eigentlich alles schön sei, was man mit Liebe betrachte, doch sie glaubt ihm nicht, sie bezichtigt Christian Morgenstern der … Weiterlesen Morgenstern lügt.

Drei Bilder.

Ankommen. Sie knöpft mit leicht zitternden Fingern sein Hemd auf und spürt gleichzeitig die Wärme seiner Hände auf ihrer nackten Haut. Er öffnet den Verschluss ihres Büstenhalters und streift ihn ab, berührt mit seinen Lippen sanft ihre Brustwarzen, was sie kaum merklich zusammenzucken lässt. Nach einem kurzen Räuspern zieht sie ihn zu ihrem Bett, legt … Weiterlesen Drei Bilder.

Schall und Rauch.

Sie sitzt am Fenster, ein Dröhnen in den Ohren, von der Stille und all den unbeantworteten Fragen, ein Rauschen aus klingender Vergangenheit, das Lachen und das Schluchzen, das berstende Geschirr und die leisen Schritte auf Parkett, alles aufgelöst im Widerhall der Zeit, eine Zeit, die alles verschlingt, was sich ihr in den Weg stellt, jede … Weiterlesen Schall und Rauch.

Nach dem Vorhang.

Die Vorstellung ist längst zu Ende, der Vorhang gefallen, die Bühne ein Brachland. Sie sitzt in ihrem Sessel, allein im Theater, der Staub hängt in der Luft wie Fetzen von vergangenen Klängen und Bildern. Ihr Blick wandert über die leeren Ränge, stolpert benommen über die Lehnen, bleibt hin und wieder an Kanten hängen. Sie kennt … Weiterlesen Nach dem Vorhang.

Sehnen, Entzündung.

Vereinzelte Klaviertöne erzählen von einer Zeit, die es längst nicht mehr gibt, von einer Zeit vor der Zeit, vergraben unter den Dingen, die sich häufen und ansammeln, unaufhörlich, und vielleicht gibt es ihn, den Moment im Leben, den man sehnlichst erreichen will, wenn man jünger ist, und an den man sich zurücksehnt, wenn man älter … Weiterlesen Sehnen, Entzündung.

Womöglich Konjunktiv.

Womöglich hätte bereits ein weiteres Falschabbiegen genügt. Womöglich würde er dann in zerfetzten Kleidern durch den Morast seiner Existenz waten. Womöglich wäre diese Existenz dann auch gar nicht mehr existent. Womöglich hätte er dann mehr verletzt und wäre mehr verletzt worden. Womöglich könnte er dann viel weniger fühlen. Womöglich wäre die Liebe dann nur in … Weiterlesen Womöglich Konjunktiv.

Trotz allem.

Kristalle haften an den Halmen, die Luft ist kalt und riecht nach dem Tod der alten Tage, vereinzelte Nebelfetzen hängen reglos über dem Boden, während die fernen Klagelaute eines verletzten Tieres die Stille zerschneiden. Das Feld ist karg und weit und leer. Man kann in jede Richtung gehen und kommt in jeder Richtung trotz allem … Weiterlesen Trotz allem.

Winzige Diamanten.

Mit feinen Nadeln dringt die Kälte unter seine Haut, die Muskeln angespannt, um den Körper vor stetem Zittern zu bewahren. Im fahlen Schein einer alten Straßenlaterne glitzert der Asphalt vor ihm, winzige Diamanten auf schwarzem Grund, und er weiß nicht, ob der Boden lediglich feucht ist oder sich eine Eisschicht gebildet hat. Die kahlen Bäume … Weiterlesen Winzige Diamanten.

Und zugleich.

Deine Welt war eine andere, kleiner und zugleich größer, und du warst in ihr kleiner und zugleich größer als ich es heute bin. Du hast häufiger geweint und häufiger gelacht, du hast heftiger gejubelt und heftiger gebangt als ich es heute könnte. Deine Angst und dein Mut waren kleiner und zugleich größer, und du warst … Weiterlesen Und zugleich.

Alle Farben und Grau.

Als es allmählich dunkel wurde, kamen sie, die Monster und Dämonen. Zuerst war da nur ein leises Scharren, ein Knirschen, und er glaubte, flüsternde Stimmen zu hören, stets bestrebt, sein pochendes Herz zu übertönen. Während die schwarze Nacht um sich griff, wurden die Stimmen lauter, und seine Angst zeigte sich in allen Farben, grell und … Weiterlesen Alle Farben und Grau.

Fünf Monate.

Eines Tages kam die Meldung. Man sei sich sicher, es gebe keine Zweifel. Die Welt werde untergehen, vollkommen, in sechs Monaten. Die Menschen, sie mochten es zuerst nicht glauben, beharrten auf einem Irrtum, doch immer mehr stellte sich Gewissheit ein. Panik breitete sich aus, blinde Wut entlud sich, wo sie nur konnte. Dann verfiel alles … Weiterlesen Fünf Monate.

Im Zug zu weinen.

Ein seltsamer Moment. Ich saß im Eisenbahnwagen, in passiver Gesellschaft von anonymen Geistern, vor dem Fenster tappte der Tag noch im Dunkeln, und ich weinte. Keine Bäche zwar, höchstens ein Tropfen im Winkel, das Schamgefühl kann manchmal ein Spielverderber sein. Es dauerte nicht lange, fiel niemandem auf außer mir, und vielleicht war es darum nicht … Weiterlesen Im Zug zu weinen.

Von der Traurigkeit, wenn niemand Hamster kocht.

Es war ein seltsam unauffälliges Haus. An mehreren Stellen blätterte Putz von den Mauern, aber nicht zu sehr, es war keine Ruine, auch nicht baufällig, lediglich ein altes Haus, grau und öde. Eigentlich hätte es nichts darüber zu berichten gegeben, dennoch war es berühmt, zumindest in der kleinen Welt meiner Kindheit, denn es hiess, darin … Weiterlesen Von der Traurigkeit, wenn niemand Hamster kocht.