Atomar.

Draußen vor dem Fenster zieht ein Atomkraftwerk vorüber. Der weiße Dampf steigt in den blauen Himmel, langsam und seltsam träge, als wäre er schwer und plump. Der Rest der Welt wirkt neben dem mächtigen Gebilde verschwindend klein, ordnet sich der Größe der Kühltürme unter wie kleine Insekten einer riesigen Königin. Es scheint unmöglich, ein Atomkraftwerk … Weiterlesen Atomar.

Undank.

Die ältere Dame sitzt auf einer Parkbank und sagt, dass ihr Hals so trocken sei und sie großen Durst verspüre, jedoch ihren Geldbeutel zu Hause vergessen habe und sich nichts kaufen könne. Sie sieht tatsächlich durstig aus, die Haut wirkt seltsam verdorrt, also beschließt man, zu handeln. Man kauft im nahen Lebensmittelladen eine Flasche Mineralwasser … Weiterlesen Undank.

Werner Huber hat genug.

Ich habe genug, ruft er, und er tut es laut, mit einem metallischen, schneidenden Klang in der Stimme. Seine Botschaft durchbricht die träge Stille, die in den Räumen der Pflegestation liegt, hallt von den zumeist kahlen Wänden zurück. Kurz ist das Klappern von Geschirr zu hören, dann wieder der Ausruf. Ich habe genug! Es ist … Weiterlesen Werner Huber hat genug.

Frau Elmer.

Jaja, wahrscheinlich war ich ein kleines bisschen verliebt in die Frau Elmer, denn die Frau Elmer kannte alle Bücher in der Bibliothek, wirklich alle, denn über jedes einzelne Buch, das ich auslieh, wusste sie bestens Bescheid, wusste so gut Bescheid, wie man nur Bescheid wissen kann, wenn man ein Buch auch tatsächlich gelesen hat, und … Weiterlesen Frau Elmer.

Der unermessliche Reichtum.

Ankündigung Am Samstag, 8. Januar, wird bei der mächtigen Ulme auf dem großen Feld am Dorfrand etwas Außergewöhnliches geschehen. Jede Person, die teilnimmt, wird fürstlich belohnt werden und unermesslichen Reichtum nach Hause nehmen. Mehr wird nicht verraten. *** Die kleine Karte, die eines Tages in den Briefkästen aller Haushalte des Dorfes lag, wirkte reichlich unscheinbar. … Weiterlesen Der unermessliche Reichtum.

Jussi und Liisa und Werner – Teil 3: Werner.

Er sei etwas eigensinnig, aber ein guter Mensch, hatte Liisa gemeint, und zumindest beim ersten Teil hatte sie Recht behalten. Am frühen Nachmittag war Onkel Risto mit seinem alten Volvo in Büsingen eingetroffen, hatte Liisa umarmt und Werner die Hand geschüttelt, und jetzt sitzen die beiden Männer in der Sauna, die Werner gebaut hatte, um … Weiterlesen Jussi und Liisa und Werner – Teil 3: Werner.

Jussi und Liisa und Werner – Teil 2: Liisa.

Hätte sie doch niemals damit angefangen. Oder hätte sie doch gleich nach dem Anfangen wieder aufgehört. Hätte sie doch auf ihre innere Stimme gehört, also auf jene, die ihr gesagt hatte, sie solle aufhören, nicht auf jene, die sie aufgemuntert hatte, durchzuhalten und weiterzumachen. Hätte sie doch den einfachen Weg genommen, den Weg des geringsten … Weiterlesen Jussi und Liisa und Werner – Teil 2: Liisa.

Jussi und Liisa und Werner – Teil 1: Jussi.

Er hatte nicht damit gerechnet, hatte es nicht erwartet, hatte nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, schon allein deshalb, weil Gedanken kein Spielzeug sind, jedenfalls war die Überraschung groß, als er es erkannte, und einen kurzen Moment lang blieb ihm der Atem stehen, und hätte er gerade Kaugummi gekaut, wäre ihm der Kaugummi wohl vor … Weiterlesen Jussi und Liisa und Werner – Teil 1: Jussi.

Traurige Hummer.

Sie trägt ihre überdimensionalen Kopfhörer, und über diese überdimensionalen Kopfhörer hört sie das neue Album von Moritz Krämer. Moritz Krämer hat so schöne Worte, und Moritz Krämer nuschelt so schön, keiner nuschelt so schöne Worte so schön wie Moritz Krämer, und gerade singt Moritz Krämer etwas über traurige Hummer, und sie ist froh, dass endlich … Weiterlesen Traurige Hummer.

Kunst.

In einem großen und karg eingerichteten Raum hängt ein Mann ein weißes Leinentuch über einen Kleiderständer und nennt es Kunst. Er lädt einige Menschen ein, die er kennt, und diese laden einige Menschen ein, die er nicht kennt, und dann stehen diese Menschen im großen und karg eingerichteten Raum und bilden einen Kreis um das … Weiterlesen Kunst.

Figuren.

Bei Anbruch der Dunkelheit steigt Vera auf die Dachterrasse, die zum großen alten Wohngebäude gehört, und zündet sich eine Zigarette an. Mehr als zwei Packungen hat sie geraucht an diesem Tag, der sich nun unweigerlich auflöst in der kühlen Nachtluft. Sie bläst den Rauch hinterher, als letztes Geleit. Vor ihr liegt die Stadt, und obwohl … Weiterlesen Figuren.

Gnu.

Das Gnu dampft. Ein leichter Nebel steigt vom Körper auf, als hätte man ihn direkt aus einem heißen Ofen gezogen. Warum das Gnu dampft, kann sie sich nicht erklären. Allein die Tatsache, dass ein Gnu vor ihr auf dem Boden liegt, ist ziemlich überraschend. Eigentlich dürfte da kein Gnu liegen, denn Gnus leben im südlichen … Weiterlesen Gnu.

Die Jungfrau Maria.

Maria mochte keinen Tintenfisch essen. Zwar hatte sie noch nie von dieser merkwürdigen Spezialität gekostet, hatte nicht einmal jemanden beim Verspeisen von Tintenfisch beobachtet, aber Maria war trotzdem überzeugt, dass sie Tintenfisch nicht mochte. Das lag gar nicht so sehr daran, dass sie Tintenfischen außergewöhnlich wohlgesinnt war, sie hegte keine besondere Sympathie für diese merkwürdigen … Weiterlesen Die Jungfrau Maria.

Cindy und Bert.

Da ist dieser Teebeutel. Es ist zu bezweifeln, dass es viele gute Geschichten gibt, die mit einem Teebeutel beginnen. Doch einerseits ist es auch zu bezweifeln, dass diese Geschichte eine gute Geschichte ist. Und andererseits steht der Teebeutel nicht am Anfang der Geschichte, sondern mittendrin, und vielleicht sogar schon kurz vor dem Ende. Cindy ist … Weiterlesen Cindy und Bert.

Delirium.

Eva erschrickt, als es kurz nach dem Eintreten hell wird im Flur. Die Wohnung der alten Anna ist generell schlecht beleuchtet, doch der Eingangsbereich ist zweifellos die dunkelste Stelle von allen, zumindest bis anhin. Jetzt hängt da eine kleine Lampe an der Wand, wahrscheinlich batteriebetrieben, eine kleine Kunststoffkugel lässt auf einen Bewegungsmelder schließen, was wiederum … Weiterlesen Delirium.

Das Maß aller Dinge.

Vera schraubt die Kappe des Lippenstifts ab, führt ihn an ihren Mund, trägt ihn auf, achtsam, sparsam, nicht zu viel, nicht zu wenig, mit größter Akkuratesse. Das richtige Maß ist wichtig, das richtige Maß ist entscheidend, das ist bei allen Dingen so. Sie schürzt die Lippen und schaut in den Spiegel. Die Frisur sitzt perfekt, … Weiterlesen Das Maß aller Dinge.

Geisterfahrer.

«…kommt Ihnen ein Geisterfahrer entgegen.» Thea hat soeben den Sender gewechselt und hört nur noch das Ende der Durchsage im Autoradio. Sie weiß nicht, wo der Geisterfahrer unterwegs ist, und dieses Unwissen macht ihr Angst. Er könnte überall sein, der Geisterfahrer, doch überall, das ist unter anderem auch dort, wo sie ist. Sie klammert ihre … Weiterlesen Geisterfahrer.

Sil-ben-tren-nung.

Deutsch, steht auf einem Etikett auf der Frontseite des Schulbuches, und unter diesem Deutsch steht sein Name, doch ansonsten gibt es auf dem Umschlag nichts zu lesen, denn das Schulbuch ist fein säuberlich eingefasst, in braunes Papier, wohl darum, dass man es wiederverwenden kann, es einem anderen Jungen oder einem Mädchen in die Hände drücken … Weiterlesen Sil-ben-tren-nung.

Ihr Freund.

Wenn sie allein ist, ist sie nicht allein, und weil sie nicht allein ist, wenn sie allein ist, ist sie nie allein. Sie hat einen Freund, den nur sie sehen kann. Sie weiß, dass niemand sonst diesen Freund sehen kann, und sie weiß, dass dieser Freund niemanden sonst sehen kann, nur sie. Es ist ein … Weiterlesen Ihr Freund.