Andere Worte.

«Für so was haben sie dann wieder Geld», pflegte der Vater zu sagen, wenn die Sonne zu morgendlicher oder abendlicher Stunde die Welt in bunten Farbtönen anmalte und man staunend die Augen ganz weit aufriss, um möglichst viel von diesem warmen und weichen Licht in sich aufnehmen zu können. Sein Satz hätte sich als grundsätzliche … Weiterlesen Andere Worte.

Dellen.

Wenn du mit deinem Finger auf eine Stelle deines Körpers drückst, bleibt vorübergehend eine Delle zurück. Das war nicht immer so. Früher… Du magst die Gedanken nicht, die mit «Früher…» beginnen. Es sind nicht so sehr die Erinnerungen, die dir zuwider sind, sondern vielmehr die Art und Weise, wie sich deine Gedanken im dichten Geäst … Weiterlesen Dellen.

Brüchig.

Du kennst die Straßen, kennst jede Kreuzung, jede Biegung, jede Steigung. Du bist dort, wo du schon früher warst, gehst jene Wege, die du schon immer gegangen bist, begegnest Formen und Farben, die seit Anbeginn unverändert sind. Dennoch fehlt dir jede Orientierung, du weißt nicht, wo du stehst und wohin es dich treibt. Dein Kompass … Weiterlesen Brüchig.

Permafrost.

Es ist kalt geworden, ungemütlich, garstig, es knirscht und knackt im Gebälk. Die Kälte dringt unerbittlich durch ihre Seidenpapierhaut, tausend kleine Pfeile durchstoßen die dünne Schicht, graben sich tief hinein in ihr Innerstes, klammern sich an ihre Knochen. Ihr Skelett versteift sich, ihre Muskeln verhärten sich, jeder Atemzug scheint nach ihrem Herz zu greifen. Sie … Weiterlesen Permafrost.

Null zu null.

Das Display zeigt 0:00. Man drückt Play. Zuerst ein paar Klaviertöne, ein zurückhaltendes Schlagzeug, dann die Stimme von Damien Jurado, der davon singt, sich heute Abend zurückzuziehen. Tonight I will retire. Die Reise ist bald vorüber. In gewissen Momenten vermag ein solches Lied zu Tränen zu rühren, auch wenn Damien Jurado davon singt, keine Tränen … Weiterlesen Null zu null.

Im Hinterzimmer.

Irgendwo in einem Hinterzimmer in ihrem Kopf springt ein Hund an ihr hoch, und der Hund hat schmutzige Pfoten, schrecklich schmutzige Pfoten, und die schmutzigen Pfoten lassen Spuren auf ihrem hellen Kleid zurück, und sie denkt, na toll, jetzt ist mein Kleid schmutzig, wie sieht das denn aus, und das alles nur wegen diesem dummen … Weiterlesen Im Hinterzimmer.

Alles so leicht.

Die hohen Grashalme neigen sich leicht im Wind und der Wind ist warm und die Wärme ist spürbar auf der Haut, die Sonnenstrahlen dringen durch die Poren, durch Fleisch und Blut bis tief hinein ins Innerste, und die wenigen Wolken hängen in Fetzen am Himmel, jede von ihnen wirkt wie eine wilde und freie Kreatur, … Weiterlesen Alles so leicht.

Im Boden ist ein Loch.

Wenn sie auf ihre nackten Füße schaut, sieht sie, was die meisten Menschen sehen, wenn sie auf ihre nackten Füße schauen. Zehn Zehen, zwei Mittelfüße, darüber zwei Schienbeine, überhaupt zwei Beine. Sie ist eine Zweibeinerin, und beide Beine funktionieren wie vorgesehen. Sie steht auf diesen beiden Beinen auf dem Boden. So kennt sie ihr Leben. … Weiterlesen Im Boden ist ein Loch.

Heul doch!

Herbert schaut einen banalen Hollywood-Film, als etwas Merkwürdiges geschieht. Gezeigt wird, wie sich ein Mann und sein Vater nach langem Streit versöhnen und in die Arme schließen. Die Filmmusik ist voller Geigen, das Bild wird geflutet von warmen Farben, doch das Merkwürdige ist nicht die Szene an sich, sondern das, was sie mit Herbert macht. … Weiterlesen Heul doch!

Die helle Seite.

Ihre Finger gleiten über die weiche Oberfläche, schiebend und drückend, tastend und streichelnd. Sie fertigt kleine Figuren aus schwarzer Knetmasse, schmale, feingliedrige, geschlechtslose Wesen, mit ähnlichen Proportionen und minimalen Unterschieden in Körperhaltung und Ausdruck. Sie stellt die Figuren auf ein langes Regalbrett an der Wand, eine neben die andere; eine schweigende Prozession der Gesichtslosen, eine … Weiterlesen Die helle Seite.

Sie ist.

Ich bin eine 25-jährige Frau. Nein, ich bin eine 39-jährige Frau. Nein, ich bin ein kleiner Junge, der im Körper einer 39-jährigen Frau wohnt. Nein, ich bin eine 52-jährige Frau, die sich vorstellt, ein kleiner Junge zu sein, der im Körper einer 39-jährigen Frau wohnt, die gerne eine 25-jährige Frau wäre. Ich bin ziemlich verwirrt. … Weiterlesen Sie ist.

Der dreibeinige Hund.

Sie erinnert sich nicht an den Hund. Den Hund hat sie nie gesehen, nicht wirklich. Sie erinnert sich an das Bild des Hundes, an eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Diese Fotografie hat sie gesehen, tatsächlich. Doch es ist lange her. Der Hund war nicht klein und auch nicht groß, weder Dackel noch Schäferhund. Sie hat keine Ahnung von … Weiterlesen Der dreibeinige Hund.

Asbest.

Du zündest eine Kerze an. Die brennende Kerze, sie dient nicht dem Zweck, Licht zu spenden oder Wärme. Du magst lediglich die Stimmung, die sie erzeugt, doch darüber hinaus wohnt ihr keinerlei überhöhte Symbolik inne, sie soll an niemanden erinnern, und dennoch erinnert sie dich an jemanden. Jemand, den du kennst, ist verbrannt, in seinem … Weiterlesen Asbest.

Traurige Hummer.

Sie trägt ihre überdimensionalen Kopfhörer, und über diese überdimensionalen Kopfhörer hört sie das neue Album von Moritz Krämer. Moritz Krämer hat so schöne Worte, und Moritz Krämer nuschelt so schön, keiner nuschelt so schöne Worte so schön wie Moritz Krämer, und gerade singt Moritz Krämer etwas über traurige Hummer, und sie ist froh, dass endlich … Weiterlesen Traurige Hummer.