Landwirtschaft und Liebe.

Bert liest eine Geschichte von einem, der eine Geschichte liest, und in dieser Geschichte geht es um Landwirtschaft, doch Bert hat keine Ahnung von Landwirtschaft, Agrarwissenschaften sind ihm völlig fremd, und der einzige Bauer, den er kennt, kennt er noch von früher, aus der Schule, damals war er ein stämmiger Junge mit einem dicken Hals, … Weiterlesen Landwirtschaft und Liebe.

Zuspätkommen.

Er war schon früher immer zu spät dran. In der Schule war Leo stets das letzte Kind, das morgens eintraf, in der Regel nach Unterrichtsbeginn, obwohl er doch frühzeitig aus dem Haus ging und kaum trödelte. Die anderen Kinder grinsten manchmal, wenn er ins Klassenzimmer schlich, die Lehrerin hob bisweilen ihren Zeigefinger, und einige Male … Weiterlesen Zuspätkommen.

Hummel und Pinguin.

Jemand versucht, eine herannahende Hummel fortzujagen, und Eva sagt, dass eine Hummel eigentlich gar nicht fliegen können dürfte, bei Anwendung der physikalischen Gesetze und in Anbetracht von Körpergewicht und Flügelspannweite müsste ihr das Fliegen unmöglich sein. Trotzdem fliegt die Hummel, sagt Eva. Der triumphierende Ausdruck auf ihrem Gesicht mutet an, als hätte sie soeben alle … Weiterlesen Hummel und Pinguin.

Das Vorspielen.

Ihre Mutter hätte das Richtige zu sagen gewusst. Sie hatte stets die passenden Worte gefunden, wenn Anita sich fürchtete oder traurig war, sogar damals, als Lulu, ihre Katze, von einem Auto überfahren worden war. Anita überlegt, was ihre Mutter in diesem Moment sagen würde, doch ihr fällt nichts ein, keine klugen Sätze, nicht einmal ein … Weiterlesen Das Vorspielen.

Ein Fußabdruck.

Sie machen die Straße neu, wieder einmal, neue Wege braucht das Land, alles will erschlossen sein, alles will erobert werden. Die Bauarbeiter hocken auf ihren Baumaschinen oder klammern sich an ein Werkzeug, und sie schauen grimmig, sie alle. Einer wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, ein anderer raucht eine Zigarette. Eine … Weiterlesen Ein Fußabdruck.

Anfängerin.

Da steht ein Bagger am Rande eine Baustelle in der Nähe ihrer Wohnung, und manchmal, am frühen Morgen, wenn das ganze Quartier noch schläft, setzt sich Elisabeth auf den gepolsterten Sessel des Baggers. Während der Tag allmählich erwacht und das Licht immer kräftiger wird, zieht sie an den Hebeln vor ihr und tut so, als … Weiterlesen Anfängerin.

Evelyn.

Evelyn hat eine Packung mit Papiertaschentüchern neben dem Bett liegen, und manchmal, wenn sie in der Nacht erwacht, tastet sie danach, nimmt ein Taschentuch aus der Packung und trocknet ihre Augen, ohne zu wissen, warum sie feucht sind. Evelyn mag den Klang des Windes, der das Haus zum Knarren bringt, doch hin und wieder befürchtet … Weiterlesen Evelyn.

Tom Linde Elendiger Ficker.

Es ist der letzte Tag im Leben dieser Parkbank, doch abgesehen von einigen Mitarbeitenden der Stadtverwaltung ist dies bisher niemandem bekannt, auch die Parkbank selbst weiß nicht, was ihr blüht, was jedoch in der Natur der Sache liegt, schließlich mangelt es Parkbänken grundsätzlich an kognitiven Fähigkeiten, und eigentlich ist es auch falsch, vom letzten Tag … Weiterlesen Tom Linde Elendiger Ficker.

54 Textfragmente für Glückskekse.

Für die Kulturlandsgemeinde 2017 in Herisau unter dem Motto «grösser glücklicher gerechter» entstanden 54 Textfragmente, die sich im weitesten Sinne mit Glück, mit Optimierungen, mit Lebenskunst und Fragestellungen auseinandersetzten. Die Texte wurden dem Publikum in Form von Glückskeksen serviert. *** 27 Glückskekse stellen das Glück in Frage. Wie viel Wahrheit braucht das Glück? Wann haben … Weiterlesen 54 Textfragmente für Glückskekse.

Sieben Tage.

Paul steht neben dem alten Toyota, seine Hand umklammert die Oberkante der geöffneten Fahrzeugtür. Mit ruhigem Blick schaut er die Straße hinunter, eine jener vielen Straßen, die nun vor ihnen liegen. Er stellt sich vor, wie er in einem Film mitspielt, und die Kamera betrachtet ihn, wie er regungslos da steht, neben dem alten Toyota, … Weiterlesen Sieben Tage.

Der traurige Hund ist tot.

Da ist ein trauriger Hund am Himmel, mit hängendem Kopf blickt er über den nahen See. In einiger Entfernung ist eine Atombombe explodiert, daneben hockt ein dünnes Kaninchen. Schon in einer Stunde wird alles anders sein, morgen werden andere Wolken am Himmel stehen, irgendwann wird alles vorüber sein, und er fragt sich, ob es zu … Weiterlesen Der traurige Hund ist tot.

Ja.

Das Kind hat diese Angewohnheit, man könnte es Spleen nennen oder Marotte, jedenfalls hängt es bei manchen Sätzen ein Ja ans Ende, einfach so oder vielleicht, um die Aussage zu verstärken. Der Lego-Mann kann sehr hoch springen, höher als ein Haus, ja. Häufig ist der Blick des Kindes dann ernsthaft und sehr fokussiert. Die Dinosaurier … Weiterlesen Ja.

Irreführende Werbung.

Was ist schon Wahrheit, sagt er, und zuckt mit den Schultern, und womöglich weiß er es tatsächlich nicht. Er wischt sich ein wenig Staub vom Hemd, vielleicht sind es auch Hautschuppen. In einem merkwürdigen Automatismus sieht er den Zerfall, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Sie lässt ihre Finger über die Haut gleiten. Sie ist … Weiterlesen Irreführende Werbung.

Hundert Mal schlimmer.

Die Zeit heilt keine Wunden. Man sieht die Sonne nur noch, wenn man sich umdreht. Die Medikamente schlagen nicht mehr an. Bei einem selbst verschuldeten Autounfall tötet man einen Menschen. Die Haut blättert ab. Man lebt in einem Kriegsgebiet. Die Knochenmarkspende brachte keinen Erfolg. Man darf nicht sagen, was man denkt. Man leidet an einer … Weiterlesen Hundert Mal schlimmer.

Ungereimtheiten.

Will man sich einen Reim auf die Dinge des Lebens machen, ist man mit der englischen Sprache oftmals besser bedient. Hier finden zum Beispiel rain und pain ganz harmonisch zusammen, pain wird vom rain einfach weggewaschen, was eine überaus reinigende und befreiende Prozedur zu sein scheint. Auf Deutsch reimt sich vieles auf Regen, aber legen … Weiterlesen Ungereimtheiten.