Die Ministerin.

Als Ann das Ministerium übernahm, tat sie es nur mit halbem Herzen. Das waren 150 Gramm Fleisch, wo es doch eigentlich 300 Gramm hätten sein müssen. Normale Frauenherzen wiegen nur etwa 250 Gramm, aber Ann hatte ein großes Herz, das war schon immer so, und große Herzen sind entsprechend schwer. Große Herzen sind nicht immer … Weiterlesen Die Ministerin.

Grob und fies.

Er hatte diesen unförmigen, massigen Körper, er war ein Klumpen Fleisch, rudimentär getarnt als Schulkind. Er war weder klug noch witzig, er war nicht liebenswürdig, er war nicht umgänglich, aber er war groß und stark, größer und stärker als die restlichen Kinder. Und er war laut. Manchmal machte er sich die Mühe, einen Grund vorzubringen, … Weiterlesen Grob und fies.

Ein Sack Reis.

«In China hat man vor den Olympischen Spielen 2008 etwa eineinhalb Millionen Menschen vertrieben, weil man dort, wo sie wohnten und beheimatet waren, eine Sportanlage bauen wollte.» Man weiß nicht, weshalb sie dies erzählt. Niemand sprach gerade von derlei Dingen. Die Diskussion drehte sich um Banales und war eigentlich gar keine Diskussion, sondern ein unkoordiniertes … Weiterlesen Ein Sack Reis.

Hitler und der Zölibat.

In einer kleinen Gemeinde im Montafon verteidigt ein Pfarrer den Zölibat. Im Pfarrblatt schreibt Eberhard Amann unter anderem, dass die Neomarxisten nicht nur den besagten Eheverzicht zerstören möchten, sondern auch das Bollwerk der Einehe und die Familie an sich. Um Sinn und Zweck des Zölibats zu verdeutlichen, zieht der Pfarrer dann einen merkwürdigen Vergleich. «In … Weiterlesen Hitler und der Zölibat.

Der Konsul von Gambia.

Er hatte ein kleines Unternehmen aufgebaut, und als Kraft und Motivation allmählich schwanden, legte er es in die Hände seines Sohnes, der es in seinem Sinne weiterführte. Der Vater, er war von ruhelosem Geist, auch wenn sich dies nie in aufdringlicher Weise zeigte. Er wirkte stets besonnen und geduldig, würdevoll. Nach dem beruflichen Rückzug konzentrierte … Weiterlesen Der Konsul von Gambia.

Moral und Anstand.

Um sich in Moral und Anstand zu üben, dürfte es wohl kaum einen besseren Lehrer geben als eine Person, die innerhalb einer Staatsregierung offiziell für diese Themen zuständig ist. Von Simon Lokodo müsste man also einiges lernen können, denn Simon Lokodo ist Minister für Moral und Anstand von Uganda. Der wunderbare und oftmals wunderbar unanständige … Weiterlesen Moral und Anstand.

Das Honigfest.

Um ihre Honigausbeute gebührend zu feiern, veranstalteten die Bären im Abstand von jeweils 63 Tagen ihr traditionelles Honigfest. Jedes Mal war ein anderer Bär für die Organisation zuständig, stellte seine Höhle als Festsaal zur Verfügung, sorgte für musikalische Unterhaltung, offerierte Getränke und Snacks. Man wechselte sich ab, in festgelegter Reihenfolge, jeder leistete einen Beitrag, niemand … Weiterlesen Das Honigfest.

Aufstehen.

Der Schlossplatz in St. Petersburg. Bogside in Derry. Der Tian’anmen-Platz in Peking. Der Taksim-Platz in Istanbul. Die Plätze ändern ihre Namen. Was auf ihnen geschieht, bleibt sich gleich. Viele Menschen mit wenig Macht protestieren gegen wenige Menschen mit viel Macht, und die wenigen Menschen untermauern ihre Macht gegenüber den vielen Menschen mit allem, was in ihrer … Weiterlesen Aufstehen.

Analphabeten.

A schreit und B schreit lauter, denn A glaubt, dass B etwas hat, was A gehört, während B darauf beharrt, dass es B zusteht, und C möchte derweil etwas von B, kann aber nur davon flüstern, denn eigentlich ist C auf der Seite von A, weil B etwas anderes glaubt als A und C, was … Weiterlesen Analphabeten.

Ein Satz über die unterschiedliche Lautstärke des öffentlichen Sterbens.

Es ist schön warm im Wohnzimmer, ein schönes, warmes und wohnlich gezimmertes Leben, und während wir billigen Wein aus nicht ganz billigen Gläsern trinken, sterben die Menschen im Fernsehen, sterben in den Zeitungen und im Internet, und wenn etwa einige Dutzend Personen in amerikanischen Metropolen einem Sturm zum Opfer fallen, ist die Betroffenheit groß, obwohl … Weiterlesen Ein Satz über die unterschiedliche Lautstärke des öffentlichen Sterbens.

Einfache Grunzlaute.

Manchmal legen sich Dinge quer in der Zeit, verheddern sich in den Strukturen der Welt, werfen Fragen auf. Sie zu beantworten oder es zumindest zu versuchen, wäre ein komplexer, mühseliger und mitunter langwieriger Prozess, den wir offensichtlich scheuen, denn unsere Antworten sind kurz und simpel, es sind eigentlich gar keine Antworten, sondern unzureichende Grunzlaute, Reaktionen … Weiterlesen Einfache Grunzlaute.