Postkarte 3: Ernsthaftigkeit

Für eine gemeinsame Lesung mit Sandkastenfreund Patrik Kobler in der alten Heimat entstanden fünf kurze Postkartentexte, die in einer Art Dialog mit Patriks fünf Postkarten ihren Weg auf die Bühne fanden. Postkarte 3: Ernsthaftigkeit Lieber Patrik Ich vergesse bisweilen den Namen meiner ersten Freundin. Also meiner ersten festen Freundin, wie man das damals nannte. Der … Weiterlesen Postkarte 3: Ernsthaftigkeit

Viersamkeit.

Man kennt sich seit Jahren, da ist jene Vertrautheit, die vieles selbstverständlich macht. Mara heißt eigentlich Maria, aber außer ihrer Mutter nennt sie niemand bei diesem Namen; alle haben akzeptiert, dass sie sich als Mara begreift, vor allem Felix, ihr langjähriger Freund und Vertrauter. Felix hat eine große krumme Nase, ist davon abgesehen aber ein … Weiterlesen Viersamkeit.

Flatulenzen.

Sie ist durchaus nicht empfindlich oder zimperlich. Sie kann es gut ertragen, wenn jemand rülpst oder geräuschvoll den Rotz durch die Nasenhöhlen schleift. Im Gegensatz zu vielen ihrer Freundinnen stört es Eva nicht besonders, wenn ein Mann ausspuckt. Und grundsätzlich findet sie auch Flatulenzen keineswegs verwerflich. Menschen furzen. Das ist natürlich, ein biologischer Prozess, ganz … Weiterlesen Flatulenzen.

Ein Leben.

Bei deiner Geburt ist die Nabelschnur eng um deinen Hals gebunden, wie ein dünner Schal oder ein Krawatte, wie ein Tau, und als du zur Welt kommst, tust du es ganz still und dunkelrot, nahezu blau, und eigentlich könnte dein Leben enden, bevor es beginnt, doch der Arzt gibt sein Bestes und sein Bestes ist … Weiterlesen Ein Leben.

Wolf.

Ein Fensterladen hängt schief in den Angeln. Das ist nicht neu, das ist schon seit Jahren so, und eigentlich müsste man ihn reparieren, vielleicht sogar ersetzen, aber sie tun es nicht. Ach, das lohnt sich gar nicht mehr, sagen sie, falls sie überhaupt etwas sagen und nicht nur mit den alten Schultern zucken. Sie, das … Weiterlesen Wolf.

Wasserfarbenbild.

Auf einem Flohmarkt siehst du ein Gemälde, ein fürchterlich kitschiges Wasserfarbenbild, es zeigt eine klischeehafte Szene in Paris, mitsamt Metro-Schild und Eiffelturm im Hintergrund, und deine Lider drängen nach unten, um deine Augen vor dem Anblick zu beschützen, doch du wehrst dich, starrst noch einige Sekunde auf das entsetzliche Werk, nicht nur, weil das Hässliche … Weiterlesen Wasserfarbenbild.

Palast.

Und dann ein Knacken, viel zu laut, um harmlos zu sein. Das Gebälk findet zum Schweigen zurück, doch aus einer Fuge im Holz rieselt hellbrauner Staub. Dann wieder ein Knacken. Dann wieder Stille. Nur der Atem, der durch den Raum stolpert. Und dann die Angst, der Palast stürze ein. Nicht lärmig und wütend und rauschend, … Weiterlesen Palast.

Fernsehabend.

Manchmal vergisst sie, wie groß seine Hände sind. Riesige Pranken, fleischig und breit, unverhältnismäßig groß im Vergleich zum restlichen Körper. Sie hat ihren Vater schon immer für seine enormen Hände bewundert. Vielleicht tut sie es noch immer, aber es fühlt sich anders an als früher. Die Hände der Mutter sind dagegen verschwindend klein, doch sie … Weiterlesen Fernsehabend.

Eine Ahnung.

Vielleicht gibt es das Wissen, das definitive, erst im Rückblick, vielleicht ist alles, was gerade ist oder noch kommt, nur Glauben und Hoffen und Bangen, und vielleicht ist dieses nur gar nicht angebracht, und manchmal redet man voller Bitterkeit und betrübtem Zorn davon, dass man keine Ahnung von Liebe habe, und vielleicht weiß man, dass … Weiterlesen Eine Ahnung.

Das Gift im Zahn.

Womöglich spielt es keine Rolle, wann es begann und weshalb. Die Details verlieren zunehmend an Relevanz. Im Vergleich zum Aufbau, zur Formung verläuft der Zerfall meistens in größeren Stücken, in groben Brocken, die sich lösen und zu Boden stürzen, häufig stumm und kaum bemerkt. Hin und wieder blättern sie in den alten Fotoalben auf der … Weiterlesen Das Gift im Zahn.

Begegnung an einem Sonntag.

Der Pfarrer steht neben dem Altar und sieht aus wie ein Rockstar, die Haare sind wild und jugendlich frech frisiert, das Gewand beeindruckt durch eleganten Schnitt und zeitlose Farben, und sein Gebaren, es ist von ungeahntem Ausdruck, eine tiefe Leidenschaft wird deutlich, sein Vortrag wäre überzeugend, vielleicht sogar berauschend, wenn er jemanden interessieren würde, doch … Weiterlesen Begegnung an einem Sonntag.

Der Pegel sinkt.

Die kleinen Blasen auf der Wasseroberfläche verbinden sich zu fragilen Landmassen, ändern stetig ihre Formen, bilden kleine Inseln und ganze Kontinente. Wenn sie in den Schaum pustet, reißen die Gebilde auf, setzen sich neu zusammen. Und immer ist da dieser spezifische Klang, ein kaum greifbares Rauschen, ausgelöst durch die Verschiebungen und das Zerplatzen der kleinen … Weiterlesen Der Pegel sinkt.

Ein Buchzeichen.

Eselsohren sind ihm verhasst. Es widerstrebt ihm, die Buchseiten zu knicken, sie dadurch zu verunstalten. Umso mehr mag er Buchzeichen. Hin und wieder sind es vollkommen banale Zettel ohne Wert, mit denen er die Stelle im Buch markiert, an welcher er die Lektüre unterbricht. Doch häufig erzählen die Buchzeichen ihre ganz eigene Geschichte. Manchmal sind … Weiterlesen Ein Buchzeichen.

Iris.

Den endgültigen Entschluss fasst sie, als sie ihre Zungenspitze um seine Eichel kreisen lässt, schließlich ihre Lippen um seinen Penis legt und den Brechreiz erträgt. Nachdem sich die Gewissheit manifestiert hat, wirkt die Situation einen Moment lang so grotesk, dass sie verharrt. Als er an ihren Haaren zerrt und auf ein Weitermachen drängt, tut sie … Weiterlesen Iris.

Tauwetter.

Manchmal ist das Feld voller Dreck und Exkremente, da liegen Plastiktüten und Glassplitter, angefangene Briefe und zerrissene Fotos, Zigarettenstummel und leere Bierflaschen, da liegen entbehrliche Fragmente von Lebensgeschichten. Es mieft und müffelt, alles verfault und vermodert, und irgendwann beginnt es zu schneien. Zuerst bildet sich eine dünne Zuckerschicht, eine Verzierung nur; der schmutzige Boden wird … Weiterlesen Tauwetter.

Am Äquator.

Sie hat allmählich Muskelkater vom Schulterzucken. «Wir sollten darüber reden», sagt er und lässt im gereizt wirkenden Gesicht ein wenig Ermutigung aufleuchten. «Okay», erwidert sie. Und zuckt mit den Schultern, wie so oft. Denn sie weiß nicht, was es zu bereden gibt. Womöglich stimmt das Klischee in der Regel. Frauen müssen über alles reden, Männer … Weiterlesen Am Äquator.

Ein Sturm zieht auf.

Die Wolken breiten sich aus, dunkel und mächtig, erfüllt mit brodelndem Zorn. Wie hungrige Kreaturen verschlingen sie den Himmel, verschlingen das Licht. Es war ein erstaunlich ruhiger Tag, angenehm warm und beinahe windstill, da war nur ein laues Lüftchen, das Wolkenfetzen über den blauen Himmel schob. Eine dumpfe Stille hing im Geäst der Bäume und … Weiterlesen Ein Sturm zieht auf.

Zwei Körper sind.

Zwei Körper sind gläsern, hart und weich zugleich, wie fragile Gebilde, die nach Sorgfalt verlangen und dennoch unzerstörbar scheinen. Jede Berührung ist eine Bekundung, jede Bewegung ist mit Aussage aufgeladen, jeder Kuss löst die Zeit aus dem Kontinuum. Zwei Körper sind Instrumente, das schwere Atmen drängt alle anderen Geräusche aus der Wahrnehmbarkeit und verbleibt als … Weiterlesen Zwei Körper sind.

Kausalphabet.

A. beschließt drei Tage nach seinem einundachtzigsten Geburtstag, endlich schwimmen zu lernen. B. geht in das Unternehmen, in welchem er fünfzehn Jahre gearbeitet hatte, und will möglichst viele Mitarbeitende töten, schießt aber am Ende nur sich selbst in den Kopf. C. sitzt schluchzend auf dem Bett, die Hundeleine in der Hand. D. rettet einen kleinen … Weiterlesen Kausalphabet.