Nach München.

Er ist eher ein Katzenmensch als ein Hundemensch. Er mag Katzen, mag ihre Eleganz, ihre Größe, er mag, dass sie ihren eigenen Willen haben und nicht irgendwelchen seltsamen Befehlen gehorchen. Draußen regnet es. Er ist drinnen, er sitzt im Zug, fährt bis nach München. Er hat keine Katze, dazu fühlt er sich nicht in der … Weiterlesen Nach München.

Biber.

Wenn sie jeweils den schmalen Pfaden im Wald entlanggeht und die knorrigen Baumstämme betrachtet, wäre sie gerne ein Biber. Sie würde sich durch die borkigen Rinden knabbern, würde Ast um Ast zum nahen Fluss schleppen und einen Bau erschaffen, der ihr ein Zuhause wäre. Manchmal sieht sie ein Eichhörnchen im Wald und stellt sich vor, … Weiterlesen Biber.

Gefallene.

Der Sturm war heftig, war wütend, der Sturm hat an einem Baum gezerrt, und der Baum hat nicht standhalten können, ist umgeknickt, der eigentlich so stämmige Stamm ist im unteren Viertel gebrochen, und nun liegt er da, der Baum, allein auf der weiten Wiese, stumm und still, besiegt und machtlos; ein Gefallener, ein Unterlegener. Sie … Weiterlesen Gefallene.

Die Idee ist gut.

Nachdem sie geduscht hat, steht sie vor dem Spiegel im Badezimmer und lässt ihre Finger durch ihre Haare gleiten. Sie möchte ihre Frisur verändern, möchte etwas Neues ausprobieren, mutig sein, experimentieren. Später, als die Haare endlich trocken sind, versucht sie, die Idee in die Tat umzusetzen; sie steckt Strähnen hoch, modelliert die Haare zu kreativen … Weiterlesen Die Idee ist gut.

Schwarze Flecken.

Manchmal ist sie zwei Personen, zwei Frauen, zumindest scheint es ihr so, und zumeist fällt ihr der trennende Schnitt zwischen Schein und Sein schwer. Sie betrachtet alte Fotos und sieht sich an Orten, an denen sie nie gewesen ist. Sie begegnet Menschen, die sie wie gute Bekannte grüßen, und kann sie nicht zuordnen. Sie zieht … Weiterlesen Schwarze Flecken.

Fledermäuse.

An der Wand hängt ein Bild von Mahatma Gandhi, und in der Regel starrt er lediglich ein wenig schläfrig in den Raum, doch manchmal ist er damit beschäftigt, einen Zauberwürfel zu bearbeiten und die gute alte Perfektion der gleichen Farben wiederherzustellen, oder er isst einen Apfel, meistens Golden Delicious, oder er schneidet Grimassen, und jetzt … Weiterlesen Fledermäuse.

Wahrscheinlich.

Ein zäher Nebel hat die abendliche Landschaft durchdrungen, in der Dämmerung ragen Straßenlaternen und Bäume dunkel in die graue Masse, die Häuser schälen sich schemenhaft aus dem Dunst, wenn man sich ihnen genügend nähert. Die Welt reduziert ihre Ausdehnung, jede Weite scheint ausgemerzt. Er fährt mit dem Auto über nahezu leere Straßen, der Blick klammert … Weiterlesen Wahrscheinlich.

Die Prozession.

Ein fahler Dreiviertelmond hängt in der Luft, beleuchtet die vereinzelten Wolkenfetzen und lässt den Himmel aussehen wie das fleckige Fell eines Tieres, eines unentdeckten Schneeleoparden vielleicht. Ein kühler Wind bewegt die Zweige, schiebt Laub vor sich her. Er hat das Haus verlassen und ist losgegangen, zwar ohne Ziel, aber zumindest mit Richtung. Jedes Mal, wenn … Weiterlesen Die Prozession.

Mutmaßlich.

Niemand weiß, warum er es getan hat. Die Frage nach diesem Warum, sie drängt sich immerzu auf. Unzählige Begebenheiten lässt man durch die Zeit rinnen, ohne sie ergründen zu wollen, man akzeptiert, ohne zu hinterfragen. Doch in diesem Falle trägt man das Fragezeichen einem Schwerte gleich in den Händen, schwingt es vor aller Augen. Warum … Weiterlesen Mutmaßlich.

Aus dem Bild.

Sie geht mit stummen Schritten über Wiesen, gleitet schweigend durch Wälder, atmet Natur und Reinheit ein. Sie registriert, wie der Lärm allmählich verebbt, sie hört das Rauschen des Blutes im Ohr. Sie berührt ihr Gesicht, berührt den gesamten Körper, spürt die Wärme ihrer Haut. Sie zieht ihre Schuhe aus, streift störende Kleidung ab. Irgendwann stellt … Weiterlesen Aus dem Bild.

In ihrer Haut.

Die ersten Konturen schälen sich aus der Nacht. Kühles Licht in Grau und Grün tastet sich in den Raum. Marina hat erneut in ihren Kleidern geschlafen. In ihrem Hals steckt ein Stück Jutestoff, zumindest fühlt es sich so an. Das Schlucken fällt schwer, der Kopf schmerzt, da ist ein merkwürdiges Dröhnen und Fiepen. Aber Marina … Weiterlesen In ihrer Haut.

Ein merkwürdiger Mann.

Als seine Eltern und auch die anderen Mütter und Väter in den Nachbarschaft über einen merkwürdigen Unbekannten zu reden begannen, der sich offensichtlich in der Nähe herumtrieb, fühlte sich Max irgendwie seltsam. Er wusste gar nicht, warum das alles so unangenehm wirkte, doch in jedem Fall glaubte er sich belogen und für dumm verkauft. Die … Weiterlesen Ein merkwürdiger Mann.

Mitfahrgelegenheit.

Die Zeit wirft Falten, zieht Furchen in die Flächen, durchdringt die Schichten der Haut. All die Begriffe wie Zukunft und Freiheit und Perspektiven, sie werden immer mehr zu Hohlräumen, brüchig an den Kanten. Früher schwebte sie mit Fremden durch trunkene Nächte, unterwegs durch ungewisse Landschaften. Ihre Mutter warnte sie davor, sich mit erhobenem Daumen an … Weiterlesen Mitfahrgelegenheit.

Linkous, der Kater.

Er erzählt von diesem Kater. Ein fürchterlich hässliches Tier, pelzig und dick und plump, mit einem garstigen Gesicht und einem unförmigen Knick im Schwanz. Er redet sehr dynamisch, wild gestikulierend und lebhaft, man kann den Kater förmlich sehen, und seine Geschichte, sie ist zwar traurig, aber man muss unentwegt lachen, denn schließlich geht es nur … Weiterlesen Linkous, der Kater.

Einsturzgefahr.

Während die Linien sich allmählich wieder ordnen und die Konturen zurückkehren, während der Sturm sich legt und die Schwerkraft wieder wirkt, kaut sie auf ihrer Unterlippe, beißt ein wenig zu heftig in ihr Fleisch und schmeckt alsbald das Blut, ihr Blut, bittersüß und metallisch, nur ein Tropfen vielleicht, der sich vermischt mit dem salzigen Geschmack … Weiterlesen Einsturzgefahr.

Angst und Aluminium.

Schnittwunden und Dellen fangen das Licht, das Aluminium schmeckt wie Angst, das Adrenalin zieht uns näher, alles fluoresziert dort oben, alles ist sternenklar, doch nichts ist klar. Ein Brief, im Bus geschrieben, er erzählt von einer Flut, um das Blut zu verdünnen, von Absinth und Maria Callas, von den Sorgen im Atem; die Jungen und … Weiterlesen Angst und Aluminium.

Womöglich Konjunktiv.

Womöglich hätte bereits ein weiteres Falschabbiegen genügt. Womöglich würde er dann in zerfetzten Kleidern durch den Morast seiner Existenz waten. Womöglich wäre diese Existenz dann auch gar nicht mehr existent. Womöglich hätte er dann mehr verletzt und wäre mehr verletzt worden. Womöglich könnte er dann viel weniger fühlen. Womöglich wäre die Liebe dann nur in … Weiterlesen Womöglich Konjunktiv.