Sil-ben-tren-nung.

Deutsch, steht auf einem Etikett auf der Frontseite des Schulbuches, und unter diesem Deutsch steht sein Name, doch ansonsten gibt es auf dem Umschlag nichts zu lesen, denn das Schulbuch ist fein säuberlich eingefasst, in braunes Papier, wohl darum, dass man es wiederverwenden kann, es einem anderen Jungen oder einem Mädchen in die Hände drücken … Weiterlesen Sil-ben-tren-nung.

Landwirtschaft und Liebe.

Bert liest eine Geschichte von einem, der eine Geschichte liest, und in dieser Geschichte geht es um Landwirtschaft, doch Bert hat keine Ahnung von Landwirtschaft, Agrarwissenschaften sind ihm völlig fremd, und der einzige Bauer, den er kennt, kennt er noch von früher, aus der Schule, damals war er ein stämmiger Junge mit einem dicken Hals, … Weiterlesen Landwirtschaft und Liebe.

Tim oder Tom.

So jung kommen wir nicht mehr zusammen, sagte Dirk, und Olli redete darüber, wie die Zeit sich so beeilt und so wenig bleibt von dem, was einmal war, und David meinte, dass wir Helden sein könnten, nur für einen Tag, doch der Tag, er kam nicht, niemand wurde ein Held, höchstens Tim oder Tom, der … Weiterlesen Tim oder Tom.

Warmwasser.

Der Tag hängt stumm in den Räumen. Vor den Fenstern lässt der hellgraue Himmel die Landschaft matt und bleich wirken, wie eine altes Foto in ungesättigten Farben. Sie lauscht der Stille, fügt sich in das Schweigen, und als sie sich räuspert, zuckt sie erschrocken zusammen, so laut und grob dringt das Geräusch aus ihrer Kehle … Weiterlesen Warmwasser.

Gerda sah ganz anders aus.

Die anderen Mädchen waren die anderen Mädchen. Manche sahen sich sehr ähnlich, manche nicht, manche waren süß, manche nicht, aber eigentlich sahen die meisten Mädchen ganz normal aus, nur Gerda nicht. Gerda sah ganz anders aus. Mit ihren roten Zöpfen hätte sie eigentlich an Pippi Langstrumpf erinnern müssen, doch wenn man bei Gerdas Anblick an … Weiterlesen Gerda sah ganz anders aus.

Tempo.

Man sitzt in diesem Zug, nicht etwa im rumpeligen Regionalbähnchen, sondern in einem dieser Hochgeschwindigkeitszüge, TGV oder ICE oder Shinkansen, und man rast durch die Welt und rast durch die Zeit, und draußen vor dem Fenster sieht alles aus wie ein abstraktes Gemälde, mit verschmierten Flächen in Grün und Braun und Weiß, die Landschaft zerrinnt … Weiterlesen Tempo.

Plastik.

Manchmal schrumpft die Welt zu einem einzigen Raum, und dieser Raum ist gefüllt mit künstlichen Pflanzen, bunten und grünen Kunststoffgebilden, die versuchen, die Natur nachzuahmen, dabei aber doch nur Plastik sind, entstanden in einer großen Fabrik, in der unzählige Menschen arbeiten, die man nicht kennt, und diese Menschen drücken Knöpfe und fügen Teile zusammen und … Weiterlesen Plastik.

Ihr Freund.

Wenn sie allein ist, ist sie nicht allein, und weil sie nicht allein ist, wenn sie allein ist, ist sie nie allein. Sie hat einen Freund, den nur sie sehen kann. Sie weiß, dass niemand sonst diesen Freund sehen kann, und sie weiß, dass dieser Freund niemanden sonst sehen kann, nur sie. Es ist ein … Weiterlesen Ihr Freund.

Margeriten.

Sie schaut auf ihre Schuhe, auf die Art und Weise, wie die Schnürsenkel zur Seite hängen. Sie betrachtet die Stelle, an welcher die lederne Zunge des Schuhs endet und ihr Bein beginnt, diese Grenze zwischen der Haut eines toten Tieres und der Haut eines lebendigen Menschen. Es ist seltsam, wie sich alles ineinanderfügt, aber dennoch … Weiterlesen Margeriten.

Der Elefant.

Sie haben sich lange nicht mehr gesehen, schon seit Jahren, doch als sie sich treffen, sind diese Jahre weggeweht, wie Staub, den man von einer alten Schallplatte pustet, und als ihre Stimme erklingt, setzt sein Herz einen Takt lang aus, und als er ihr Hallo erwidert, registriert sie eine leichte Schwingung in ihrem Innern, und … Weiterlesen Der Elefant.

Schleifpapierhaut.

An ihrem Oberschenkel ist eine raue Stelle. Die Haut ist Schleifpapier dort, grob und unnatürlich. Von Auge ist kein Unterschied auszumachen, die Stelle sieht genau gleich aus wie die umliegende Haut. Doch sie fühlt sich vollkommen anders an. Zunächst fand sie es irritierend, dieses merkwürdige Aufbrechen der ansonsten feinen Oberfläche. Doch seit dem ersten Bemerken … Weiterlesen Schleifpapierhaut.

Die Tänzerin.

Das klingt jetzt sehr seltsam und wohl auch ziemlich unglaubwürdig, aber es ist wahr, voll und ganz und absolut. Es ist keine große Geschichte, sie ist schnell erzählt, ein einziger Satz genügt: In der Nacht, wenn sie ganz allein ist und niemand sie sieht, stellt sich eine junge Frau irgendwo in dieser kleinen Stadt auf … Weiterlesen Die Tänzerin.

Ein Fleck.

Sie blickt von oben hinab auf den Boden mit dem hellen Parkett und dem eigentümlichen Muster. Zunächst war der Fleck kaum zu erkennen, war lediglich ein dunkler Punkt, eine kleine Irritation im großen Ganzen. Aber bald bemerkte die junge Frau eine Veränderung, eine erste Ausdehnung, die täglich zunahm, zuerst nur allmählich, doch dann immer schneller. … Weiterlesen Ein Fleck.

Insomnia.

Schon am Morgen, sofern er diesen verheissungsvollen Namen überhaupt verdiente, war sie nach einer nahezu schlaflosen Nacht viel zu früh erwacht. Draussen vor dem Fenster schlief die ganze Welt, jedes Haus war dunkel, nur beim alten Bäcker brannte Licht, denn obwohl er nicht mehr backen mag, steht er mitten in der Nacht auf, stellt sich … Weiterlesen Insomnia.