Golden Delicious.

Der Apfel schmeckt nicht nach einem Apfel, sondern nach einer schlechten Kopie eines Apfels. Eigentlich schmeckt er gar nicht, er ist so fad und langweilig, dass Eva die Frucht ein wenig irritiert mustert, als würde sie erwarten, dass sie sich als künstlich entpuppt. Doch es ist kein künstlicher Apfel. Es ist ein echter Apfel, offensichtlich … Weiterlesen Golden Delicious.

Der Specht.

Draußen vor dem Fenster klopft ein Specht. Sie kann ihn hören, und sie kann ihn sehen. Immer wieder zuckt sein Kopf, immer wieder hämmert er seinen Schnabel in die Baumrinde, wie von Sinnen. Es ist ein fürchterliches Bild. Sie würde wohl allein schon bei der Vorstellung, mit ihrem Schädel wiederholt gegen einen Baumstamm klopfen zu … Weiterlesen Der Specht.

Endlich.

Als es endlich zu Ende geht, ist er erstaunt, dass es so lange gedauert hat, und meint damit sowohl das Sterben als auch das Leben. Er hat sich zuvor nur selten Gedanken über die Zeit gemacht, doch jetzt, an ihrem Ende, fragt er sich, was sie eigentlich bedeutet, welchen Wert sie hat, welches Gewicht. Könnte … Weiterlesen Endlich.

Was sie tun würde.

Eigentlich müsste sie aufstehen, müsste sich bereit machen, müsste zur Arbeit gehen, müsste all das tun, was sie jeden Tag tut, doch heute ist nicht jeder Tag, sie mag nicht tun, was sie tun müsste, also bleibt sie liegen und denkt daran, was sie tun würde, wenn es ein Tag wie jeder andere wäre; sie … Weiterlesen Was sie tun würde.

Gnu.

Das Gnu dampft. Ein leichter Nebel steigt vom Körper auf, als hätte man ihn direkt aus einem heißen Ofen gezogen. Warum das Gnu dampft, kann sie sich nicht erklären. Allein die Tatsache, dass ein Gnu vor ihr auf dem Boden liegt, ist ziemlich überraschend. Eigentlich dürfte da kein Gnu liegen, denn Gnus leben im südlichen … Weiterlesen Gnu.

Antonio sieht etwas.

(Bei diesem Text handelt es sich um ein Kapitel aus dem Romanexperiment «Nita verschwindet». Mehr darüber auf nitaverschwindet.com) Er mag das. Zu den Leuten nach Hause zu gehen, ihre Heizungen zu überprüfen oder zu reparieren, in ihre Wohnungen zu blicken und den Duft darin einzuatmen, ihnen helfen zu können, wie ein Samariter, ein technischer Samariter, … Weiterlesen Antonio sieht etwas.

Die Jungfrau Maria.

Maria mochte keinen Tintenfisch essen. Zwar hatte sie noch nie von dieser merkwürdigen Spezialität gekostet, hatte nicht einmal jemanden beim Verspeisen von Tintenfisch beobachtet, aber Maria war trotzdem überzeugt, dass sie Tintenfisch nicht mochte. Das lag gar nicht so sehr daran, dass sie Tintenfischen außergewöhnlich wohlgesinnt war, sie hegte keine besondere Sympathie für diese merkwürdigen … Weiterlesen Die Jungfrau Maria.

Jussi aus Utti.

Er hatte nicht damit gerechnet, hatte es nicht erwartet, hatte nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, schon allein deshalb, weil Gedanken kein Spielzeug sind, jedenfalls war die Überraschung groß, als er es erkannte, und einen kurzen Moment lang blieb ihm der Atem stehen, und hätte er gerade Kaugummi gekaut, wäre ihm der Kaugummi wohl vor … Weiterlesen Jussi aus Utti.

Cindy und Bert.

Da ist dieser Teebeutel. Es ist zu bezweifeln, dass es viele gute Geschichten gibt, die mit einem Teebeutel beginnen. Doch einerseits ist es auch zu bezweifeln, dass diese Geschichte eine gute Geschichte ist. Und andererseits steht der Teebeutel nicht am Anfang der Geschichte, sondern mittendrin, und vielleicht sogar schon kurz vor dem Ende. Cindy ist … Weiterlesen Cindy und Bert.

Der große blaue Morpho.

Hans will keine Füllwörter stehen sehen. Hans mag es nicht, wenn Sätze Ballast mit sich tragen. «Mehr ist nicht besser», sagt Hans. Mehr sagt er nicht. «Aber», gibt man zurück, doch Hans vermeidet jegliche Reaktion. Also versucht man, sich etwas gewählter auszudrücken. «Manchmal brauchen die Wörter doch ein wenig Beiwerk, brauchen Schmuck. Wenn man alles … Weiterlesen Der große blaue Morpho.

Delirium.

Eva erschrickt, als es kurz nach dem Eintreten hell wird im Flur. Die Wohnung der alten Anna ist generell schlecht beleuchtet, doch der Eingangsbereich ist zweifellos die dunkelste Stelle von allen, zumindest bis anhin. Jetzt hängt da eine kleine Lampe an der Wand, wahrscheinlich batteriebetrieben, eine kleine Kunststoffkugel lässt auf einen Bewegungsmelder schließen, was wiederum … Weiterlesen Delirium.

Die Häsin.

Einmal, als junges Mädchen, hatte Jana einen Hasen gemalt. Er stand auf zwei Beinen, dieser Hase, ein vermenschlichter Hase, eigentlich eine Häsin, denn sie trug ein Kleid. Diese Häsin, sie hatte sehr lange Ohren, so lang, dass sie bis zum Boden reichten. Wenn die Häsin ging oder lief, trat sie dabei immer wieder auf die … Weiterlesen Die Häsin.

Hätte.

Der Gedanke hätte überall auftauchen können, doch er tut es an der Biegung eines Flusses. Eva ist mit ihrer Freundin Diana unterwegs, ein Wanderausflug, längst zur Tradition geworden. Es ist ein relativ warmer Tag, ein lauer Wind schiebt Wolkenfetzen über den Himmel, in den Waldstücken vermengen sich Vogelrufe und das Rauschen der Blätter. Als sie … Weiterlesen Hätte.

Das Maß aller Dinge.

Vera schraubt die Kappe des Lippenstifts ab, führt ihn an ihren Mund, trägt ihn auf, achtsam, sparsam, nicht zu viel, nicht zu wenig, mit größter Akkuratesse. Das richtige Maß ist wichtig, das richtige Maß ist entscheidend, das ist bei allen Dingen so. Sie schürzt die Lippen und schaut in den Spiegel. Die Frisur sitzt perfekt, … Weiterlesen Das Maß aller Dinge.