In alten Mauern.
Knarren im Gebälk, hier ein Knacken, dort ein Knirschen. Die Wände tragen tiefe Furchen, und in den Furchen sammeln sich Staub und Schmutz und tote Zeit. Durch die kleinen Fenster dringt entsättigtes Licht in die Räume, malt monochrome Bilder. Sie blinzelt. Ihre Schulter schmerzt, und wenn sie ihren Kopf neigt, hört sie ein leises Klicken, … Weiterlesen In alten Mauern.
Da.
An der Kantonsstraße zwischen Speicher und Teufen im Appenzellerland stehen bei der Bushaltestelle mit der hübschen Bezeichnung «Abzw. Obertobel» zwei kleine Garagenhäuschen einträchtig nebeneinander, eines braun mit weißem Tor, eines weiß mit braunem Tor, und am braunen Garagenhäuschen hängt über dem weißen Tor ein kleines Emailschild. Das Schild ist ebenfalls weiß, und in blauer Schrift … Weiterlesen Da.
Ausfransen.
Sie waren doch Hüter und Helden. Waren so gross und so gescheit. Waren Beschützer und Betreuer. Waren so lebendig und so lustig. Waren Lehrer und Lenker. Waren so warm und so wachsam. Waren Heim und Herz. Waren so geistvoll und so gegenwärtig. Sie waren doch all das. Und so viel mehr. Was bleibt von allem? … Weiterlesen Ausfransen.
Hier und jetzt.
Hier und jetzt ist alles in Ordnung. Hier und jetzt sind wir genau richtig. Hier und jetzt kann uns nichts passieren. Hier und jetzt kann uns niemand etwas tun. Hier und jetzt sind wir ganz bei uns. Hier und jetzt schließen wir die Augen und sehen klarer. Hier und jetzt ist alles neu. Hier und … Weiterlesen Hier und jetzt.
Im Hinterzimmer.
Irgendwo in einem Hinterzimmer in ihrem Kopf springt ein Hund an ihr hoch, und der Hund hat schmutzige Pfoten, schrecklich schmutzige Pfoten, und die schmutzigen Pfoten lassen Spuren auf ihrem hellen Kleid zurück, und sie denkt, na toll, jetzt ist mein Kleid schmutzig, wie sieht das denn aus, und das alles nur wegen diesem dummen … Weiterlesen Im Hinterzimmer.
Alles so leicht.
Die hohen Grashalme neigen sich leicht im Wind und der Wind ist warm und die Wärme ist spürbar auf der Haut, die Sonnenstrahlen dringen durch die Poren, durch Fleisch und Blut bis tief hinein ins Innerste, und die wenigen Wolken hängen in Fetzen am Himmel, jede von ihnen wirkt wie eine wilde und freie Kreatur, … Weiterlesen Alles so leicht.
Kaninchen.
Du bist das Kaninchen im Scheinwerferlicht, wie in dem Song, den Thom Yorke singt, und im Musikvideo zum Song läuft ein Mann durch einen Straßentunnel, wird immer wieder angefahren, fällt hin, wird beschimpft, und schließlich stellt er sich mitten auf die Straße, mit nacktem Oberkörper, breitet die Arme aus und wird von einem Auto erfasst, … Weiterlesen Kaninchen.
Im Boden ist ein Loch.
Wenn sie auf ihre nackten Füße schaut, sieht sie, was die meisten Menschen sehen, wenn sie auf ihre nackten Füße schauen. Zehn Zehen, zwei Mittelfüße, darüber zwei Schienbeine, überhaupt zwei Beine. Sie ist eine Zweibeinerin, und beide Beine funktionieren wie vorgesehen. Sie steht auf diesen beiden Beinen auf dem Boden. So kennt sie ihr Leben. … Weiterlesen Im Boden ist ein Loch.
Hut ab.
Er war ein guter Mann. Aufrecht, rechtschaffen, redlich; solche Adjektive entsprachen ihm, auch wenn er abgewehrt hätte, denn bescheiden war er auch. Sein Leben lang hatte er als Lastwagenfahrer gearbeitet, war loyal und verlässlich gewesen, hatte seine Arbeit mit Stolz und Enthusiasmus verrichtet, auch wenn sie seine Gesundheit ruiniert hatte. Sein Rücken war so ausgeleiert … Weiterlesen Hut ab.
Bettet mich zu den Toten.
«Bettet mich zu den Toten.» Bettet mich zu den Toten? «Ja, bettet mich zu den Toten. Obwohl: Das ist eine Übertreibung, eine wahrscheinlich unnötige dazu. Mir ist wohl gar nicht danach, zu den Toten gebettet zu werden. Was soll ich da? Die Toten sind noch stiller als ich. Sie sind eine garstige Gesellschaft. Man kann … Weiterlesen Bettet mich zu den Toten.
Der Gast.
Man hat ihn nicht eingeladen. Man hat ihn nicht zu sich gewinkt, hat ihm nicht die Tür geöffnet, hat ihm keinen roten oder andersfarbigen Teppich ausgerollt, überhaupt hat man ihm nichts dargebracht, sich ihm nicht einmal zugewendet. Man hat ihn in keiner Weise glauben lassen, er sei willkommen. Dennoch sitzt er nun da, ein weiteres … Weiterlesen Der Gast.
Staubpartikel und die Stimme von Wayne Coyne.
Wenn sie die Augen schließt, könnte es sein, dass alles verschwindet. Wenn sie die Augen wieder öffnet, ist alles noch da, ist alles noch gleich wie zuvor. Da ist der Parkettboden. Da ist der breite Einbauschrank, hinter dessen Türen sich die Relikte ihrer Vergangenheit sammeln. Da ist das Bild, das eine Freundin gemalt hat, und … Weiterlesen Staubpartikel und die Stimme von Wayne Coyne.
Das gesegnete Zimmer.
Im Jahr 1992 war Hong Kong noch Kronkolonie von Großbritannien, die Übergabe an China aber längst beschlossene Sache. Chris Patten war im Juli zum achtundzwanzigsten und gleichzeitig letzten britischen Gouverneur berufen worden und bemühte sich redlich, die keineswegs problemlosen Beziehungen zur Volksrepublik in den letzten Jahren vor dem Machtwechsel durch liberal-demokratische Reformen zusätzlich zu strapazieren. … Weiterlesen Das gesegnete Zimmer.
Überflüssig.
So vieles im Leben und auf der Welt ist ziemlich überflüssig, absolut verzichtbar und vollkommen unnötig. Zum Beispiel manche Adjektive. Schnecken im Salatbeet. Die Tatsache, dass Nutellabrote beim Herunterfallen immer mit der Nutellaseite auftreffen. Die Art und Weise, wie man das Klischee, dass Nutellabrote beim Herunterfallen immer mit der Nutellaseite auftreffen, zur Tatsache erklärt. Mücken … Weiterlesen Überflüssig.
Gazpacho.
Draußen hängt die Hitze zwischen den Zweigen der Birke im Garten des Nachbarn. Die Hitze hängt auch im Brombeerbusch, im Gestrüpp neben den Briefkästen, über dem Asphalt der kleinen Quartierstrasse, zwischen den Speichen des alten Fahrrads, das offensichtlich niemandem gehört und stumm vor sich hin rostet. Die Hitze, sie hängt überall, nur in Lena hängt … Weiterlesen Gazpacho.
Heul doch!
Herbert schaut einen banalen Hollywood-Film, als etwas Merkwürdiges geschieht. Gezeigt wird, wie sich ein Mann und sein Vater nach langem Streit versöhnen und in die Arme schließen. Die Filmmusik ist voller Geigen, das Bild wird geflutet von warmen Farben, doch das Merkwürdige ist nicht die Szene an sich, sondern das, was sie mit Herbert macht. … Weiterlesen Heul doch!