Kaninchen.

Du bist das Kaninchen im Scheinwerferlicht, wie in dem Song, den Thom Yorke singt, und im Musikvideo zum Song läuft ein Mann durch einen Straßentunnel, wird immer wieder angefahren, fällt hin, wird beschimpft, und schließlich stellt er sich mitten auf die Straße, mit nacktem Oberkörper, breitet die Arme aus und wird von einem Auto erfasst, … Weiterlesen Kaninchen.

Im Boden ist ein Loch.

Wenn sie auf ihre nackten Füße schaut, sieht sie, was die meisten Menschen sehen, wenn sie auf ihre nackten Füße schauen. Zehn Zehen, zwei Mittelfüße, darüber zwei Schienbeine, überhaupt zwei Beine. Sie ist eine Zweibeinerin, und beide Beine funktionieren wie vorgesehen. Sie steht auf diesen beiden Beinen auf dem Boden. So kennt sie ihr Leben. … Weiterlesen Im Boden ist ein Loch.

Hut ab.

Er war ein guter Mann. Aufrecht, rechtschaffen, redlich; solche Adjektive entsprachen ihm, auch wenn er abgewehrt hätte, denn bescheiden war er auch. Sein Leben lang hatte er als Lastwagenfahrer gearbeitet, war loyal und verlässlich gewesen, hatte seine Arbeit mit Stolz und Enthusiasmus verrichtet, auch wenn sie seine Gesundheit ruiniert hatte. Sein Rücken war so ausgeleiert … Weiterlesen Hut ab.

Der Gast.

Man hat ihn nicht eingeladen. Man hat ihn nicht zu sich gewinkt, hat ihm nicht die Tür geöffnet, hat ihm keinen roten oder andersfarbigen Teppich ausgerollt, überhaupt hat man ihm nichts dargebracht, sich ihm nicht einmal zugewendet. Man hat ihn in keiner Weise glauben lassen, er sei willkommen. Dennoch sitzt er nun da, ein weiteres … Weiterlesen Der Gast.

Das gesegnete Zimmer.

Im Jahr 1992 war Hong Kong noch Kronkolonie von Großbritannien, die Übergabe an China aber längst beschlossene Sache. Chris Patten war im Juli zum achtundzwanzigsten und gleichzeitig letzten britischen Gouverneur berufen worden und bemühte sich redlich, die keineswegs problemlosen Beziehungen zur Volksrepublik in den letzten Jahren vor dem Machtwechsel durch liberal-demokratische Reformen zusätzlich zu strapazieren. … Weiterlesen Das gesegnete Zimmer.

Überflüssig.

So vieles im Leben und auf der Welt ist ziemlich überflüssig, absolut verzichtbar und vollkommen unnötig. Zum Beispiel manche Adjektive. Schnecken im Salatbeet. Die Tatsache, dass Nutellabrote beim Herunterfallen immer mit der Nutellaseite auftreffen. Die Art und Weise, wie man das Klischee, dass Nutellabrote beim Herunterfallen immer mit der Nutellaseite auftreffen, zur Tatsache erklärt. Mücken … Weiterlesen Überflüssig.

delfin (Ein Roman)

Am 2. September 2024 erscheint «delfin» von Ralf Bruggmann im orte Verlag. Angesiedelt in einer zweigeteilten Stadt am Meer, erzählt der Roman vom Akzeptieren und Loslassen, von leblosen Körpern und suchenden Seelen. Vor allem erzählt «delfin» von zwei Frauen, die sich – jede auf ihre eigene Weise – mit einem Ende konfrontiert sehen. Die beiden Protagonistinnen Nina … Weiterlesen delfin (Ein Roman)

Gazpacho.

Draußen hängt die Hitze zwischen den Zweigen der Birke im Garten des Nachbarn. Die Hitze hängt auch im Brombeerbusch, im Gestrüpp neben den Briefkästen, über dem Asphalt der kleinen Quartierstrasse, zwischen den Speichen des alten Fahrrads, das offensichtlich niemandem gehört und stumm vor sich hin rostet. Die Hitze, sie hängt überall, nur in Lena hängt … Weiterlesen Gazpacho.

Heul doch!

Herbert schaut einen banalen Hollywood-Film, als etwas Merkwürdiges geschieht. Gezeigt wird, wie sich ein Mann und sein Vater nach langem Streit versöhnen und in die Arme schließen. Die Filmmusik ist voller Geigen, das Bild wird geflutet von warmen Farben, doch das Merkwürdige ist nicht die Szene an sich, sondern das, was sie mit Herbert macht. … Weiterlesen Heul doch!

Erosion.

Die Wege, die sie üblicherweise geht, tragen keine Verbindlichkeit in sich. Die Bilder, die das Licht in ihre Augen malt, wirken diffus und fremd. Die Gerüche, die ihr vertraut sein müssten, wecken lediglich Verunsicherung. Die Berge, denen sie entgegenruft, werfen keinen Widerhall zu ihr zurück. Die Worte, die sie spricht, klingen wie Behauptungen, die früher … Weiterlesen Erosion.

Immer ist was.

Immer, wenn sie denkt, dass immer was ist, fragt sie sich, warum immer was ist und ob es nicht möglich wäre, dass für einmal nichts ist. Immer ist was. Immer, wenn sie sich hinsetzen möchte, fällt ihr etwas ein, das zu tun wäre oder das sie erledigen müsste, und meistens tut sie es und erledigt … Weiterlesen Immer ist was.

Winken, ertrinken.

Er ist da draussen. Du kannst seinen Kopf sehen, die Haare, manchmal einen Arm, der aus dem Wasser ragt und zaghaft winkt. Es ist ein Mensch, ganz sicher ist es ein Mensch, und wahrscheinlich ist der Mensch ein Mann, doch er ist zu weit weg, um sicher sein zu können. Du vermutest, dass es ein … Weiterlesen Winken, ertrinken.

So einfach.

Wenn die Sonne in ihr Gesicht scheint, schliesst sie die Augen, legt den Kopf in den Nacken, spürt die Wärme auf der Haut, sieht kleine Punkte vor den geschlossenen Lidern tanzen, und dann, in diesem Moment, denkt sie, dass es doch so einfach sein könnte, alles könnte so einfach sein, die Widerhaken in der Zeit … Weiterlesen So einfach.

Schreckliche Kinder.

Kinder sind schrecklich. Und ja, alle Kinder, ohne jede Ausnahme. Kinder sind aus schrecklich vielen Gründen schrecklich. Kinder sind schrecklich, weil sie ihre ersten Schritte vielleicht noch in die Richtung ihrer Eltern gehen, sich danach aber wieder entfernen, immer mehr, Schritt um Schritt, Tag für Tag. Kinder sind schrecklich, weil sie nicht vergessen, dass man … Weiterlesen Schreckliche Kinder.

Unvollendet.

Es ist nicht fertig geworden. Es ist nicht fertig geworden, das Buch, denn jener, der es schrieb, ist nicht fertig geworden, bevor er starb. Obwohl, das Buch, es ist eigentlich fertig geworden, es ist gedruckt, es ist veröffentlicht, man hält es in Händen, doch der Untertitel bezeichnet es als unvollendeten Roman. Ein Fragment, vielleicht, doch … Weiterlesen Unvollendet.

Andi.

Andi war ein bisschen dicker als die anderen Kinder, sein Mittelscheitel war ein bisschen zu akkurat, seine Stimme war ein bisschen höher, seine Hosen waren stets ein bisschen zu klein und die Schuhe ein bisschen zu groß. Andi war einfach ein bisschen anders als der Rest, doch dieses Bisschen reichte, um regelmäßig gehänselt, ausgelacht, ignoriert, … Weiterlesen Andi.