Die Häsin.

Einmal, als junges Mädchen, hatte Jana einen Hasen gemalt. Er stand auf zwei Beinen, dieser Hase, ein vermenschlichter Hase, eigentlich eine Häsin, denn sie trug ein Kleid. Diese Häsin, sie hatte sehr lange Ohren, so lang, dass sie bis zum Boden reichten. Wenn die Häsin ging oder lief, trat sie dabei immer wieder auf die … Weiterlesen Die Häsin.

Liebenswert.

Sie macht mit ihrem Fingernagel kleine Kreuze auf der Haut. Sie tut dies bisweilen, wenn sie von einer Mücke gestochen wurde. Ihre Mutter meinte einst, dies würde den Juckreiz stillen. Sie weiß nicht, ob es tatsächlich stimmt, womöglich überlagert der leichte Schmerz, den das Kreuz ausgelöst hat, den Juckreiz lediglich. Im Moment ist da kein … Weiterlesen Liebenswert.

Die Welt im Kleinen.

Jedes Mal, wenn er seine leeren Bierflaschen zur Altglassammelstelle bringt, tut er doch eigentlich etwas Gutes, etwas Wertvolles, er rettet die Welt im Kleinen, er übernimmt Verantwortung, er beweist Achtsamkeit, doch er fühlt sich nicht achtsam, fühlt sich nicht wertvoll. An guten Tagen fühlt er gar nichts. Doch die guten Tage sind selten geworden. Vermutlich … Weiterlesen Die Welt im Kleinen.

Gleichgültigkeiten.

Er erinnert sich noch genau an jenen Tag. Dicke flockige Wolken hingen am Himmel, ein leichter Dunst lag über dem See, es war warm, ein zaghafter Wind wehte. Es war ein ermüdend normaler Tag, so schien es, und während er am Ufer stand, griff die Normalität auch auf ihn über; er verspürte eine gewisse Gleichgültigkeit, … Weiterlesen Gleichgültigkeiten.

George Clooney.

Sie steht lange vor der Sonne auf, der frühe Vogel, weiß man ja, kennt man ja, doch meistens ist es noch viel zu dunkel, um etwas zu erkennen; sie sieht nichts, findet keine Würmer, höchstens Zweige, die so aussehen wie Würmer. Irgendwann kommen dann die anderen Vögel hervor, krächzen und kreischen und schlagen mit ihren … Weiterlesen George Clooney.

Die Idee ist gut.

Nachdem sie geduscht hat, steht sie vor dem Spiegel im Badezimmer und lässt ihre Finger durch ihre Haare gleiten. Sie möchte ihre Frisur verändern, möchte etwas Neues ausprobieren, mutig sein, experimentieren. Später, als die Haare endlich trocken sind, versucht sie, die Idee in die Tat umzusetzen; sie steckt Strähnen hoch, modelliert die Haare zu kreativen … Weiterlesen Die Idee ist gut.

Geneviève.

Auf einem kleinen Werbeplakat im Bus wird ein natürliches Heilmittel angepriesen, das für einen gesunden Schlaf sorgen und das innere Gleichgewicht optimieren soll. Eine junge Frau ist neben den Tablettenschachteln abgebildet, sie lacht zufrieden und wirkt ungemein entspannt, was wenig verwundert, schließlich darf sie sich eines gesunden Schlafes und eines optimierten inneren Gleichgewichtes erfreuen. Geneviève … Weiterlesen Geneviève.

Schwarze Flecken.

Manchmal ist sie zwei Personen, zwei Frauen, zumindest scheint es ihr so, und zumeist fällt ihr der trennende Schnitt zwischen Schein und Sein schwer. Sie betrachtet alte Fotos und sieht sich an Orten, an denen sie nie gewesen ist. Sie begegnet Menschen, die sie wie gute Bekannte grüßen, und kann sie nicht zuordnen. Sie zieht … Weiterlesen Schwarze Flecken.

In der Schwebe.

Als sie ein Kind war, träumte sie einige Male den gleichen Traum in leicht veränderten Variationen. Sie konnte fliegen in diesem Traum, zumindest schweben, doch das erwartete Hochgefühl der Vogelfreiheit, es wollte sich nicht einstellen. Stattdessen war ihr die außergewöhnliche Fähigkeit sehr unangenehm. Ihr fehlte die Kontrolle, ihr fehlte jeglicher Halt, und sie verspürte eine … Weiterlesen In der Schwebe.

Millennium.

Die Experten im Fernsehen waren bemüht, immer wieder zu betonen, dass sich kein Szenario ausschließen ließe. Mit großer Wahrscheinlichkeit würden bei den meisten Systemen keine Probleme auftreten. Es könne aber durchaus sein, dass man in manchen Fällen mit Störungen konfrontiert werden würde. Die pessimistischen Stimmen beschrieben derweil den totalen Kollaps. Stromnetze, Verwaltungen, Atomanlagen, Sicherheitssysteme, Kommunikationsmittel … Weiterlesen Millennium.

Akkurat.

Sie schiebt die beiden weißen Frottiertücher auf der Stange zurecht, zupft an einer Ecke noch ein wenig. Dann tritt sie einen Schritt zurück, schaut prüfend, schließt das linke Auge, öffnet es wieder, schließt das rechte Auge, öffnet es wieder. Sie nickt kurz und verlässt das Badezimmer. Ein Mann namens Sebastian ruft an. Er will wissen, … Weiterlesen Akkurat.

Da capo al fine.

Sie greift an den Hals der Violine, ertastet die Saiten und das schmale Griffbrett, lässt die Fingerkuppen über das glatte Holz des Korpus gleiten. Noch immer, nach all den Jahren, hat sie den Eindruck, die Violine sei ein lebendes Geschöpf, ein Wesen, das atmet und empfindet und reagiert. Sie steht in der Mitte ihres Wohnzimmers, … Weiterlesen Da capo al fine.

Ihre Lieder.

Sie hat eine Melodie im Kopf, passende Wortfetzen, die Idee eines Liedes. Sie glaubt, es wäre ein besonderes Lied, und sie möchte es festhalten, möchte es niederschreiben, so gut es geht, doch sie ist unterwegs, ohne Stift, ohne Papier. Sie sieht eine Telefonzelle, geht hinein, schließt die Tür. Sie singt das Lied in die hermetisch … Weiterlesen Ihre Lieder.

Die Katze ist tot.

Die Katze fiel vom Fenstersims. Sie landete auf den Beinen, Katzen landen fast immer auf den Beinen. Das war natürlich erfreulich, und als die Katze offensichtlich unverletzt auf dem Asphalt stand, dürfte sie wohl auch eine adäquate Erleichterung verspürt haben. Zwar war es nur die zweite Etage gewesen, aus welcher sie gefallen war, doch in … Weiterlesen Die Katze ist tot.

So gut wie möglich.

Das Kind weint, und man müsste es doch trösten, das Herz eines Vaters lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu, aber man kann nicht, zumindest nicht richtig, es ist schwierig, denn man hat das Kind ja selbst zum Weinen gebracht, mit einem Tadel, der zwar nachvollziehbar ist, aber womöglich ein wenig übertrieben war, und nun weiß … Weiterlesen So gut wie möglich.

In ihrer Haut.

Die ersten Konturen schälen sich aus der Nacht. Kühles Licht in Grau und Grün tastet sich in den Raum. Marina hat erneut in ihren Kleidern geschlafen. In ihrem Hals steckt ein Stück Jutestoff, zumindest fühlt es sich so an. Das Schlucken fällt schwer, der Kopf schmerzt, da ist ein merkwürdiges Dröhnen und Fiepen. Aber Marina … Weiterlesen In ihrer Haut.

Scherbenreflexion.

Es begab sich zu einer Zeit, als sogar die Kleenex-Schachtel neben seinem Bett Staub ansetzte. Vor den Fenstern wurde es längst nicht mehr richtig hell, die Zeitformen in seinem Dasein zankten sich darüber, welche von ihnen die größte Gleichgültigkeit aufwies. Wenn das Telefon klingelte, hielt er sich die Ohren zu, und irgendwo zwischen existenzialistischen Malereien … Weiterlesen Scherbenreflexion.

Solo für Trompete.

Er steht auf der Bühne, mit seiner Trompete in den Händen, diese blöde Trompete, wer spielt schon Trompete in einer Rockband, nun, er tut es, warum auch immer, man will wohl etwas Besonderes sein, eine außergewöhnliche Band, halt die Band mit der Trompete, und man ist es, und er spielt sie, die Trompete, wenn auch … Weiterlesen Solo für Trompete.

In absentia.

Schon bei ihrer Geburt war sie nicht wirklich da. Zur Welt kam sie ohne Bewusstsein, und erst nach einigen Sekunden konnte ein Arzt ihre Atmung und ihren Kreislauf in Gang bringen. In der Schule betrat sie den Pausenplatz jeweils erst, wenn die Pause zu Ende ging, und häufig blieb sie den Unterrichtsstunden fern, sammelte lieber … Weiterlesen In absentia.