Ein Wimpernschlag.

Er stellt sich vor sie hin. Sein Gesicht ist ganz nah bei ihrem, ihre Füsse berühren sich beinahe, und sie spürt seine Wärme, spürt die Präsenz seines Körpers. Sie registriert, wie sich kleine Vibrationen in ihrem Innern bilden, ein ungewohntes Ziehen an einigen Stellen, ein Schieben an anderen. Der Moment löst sich aus der Zeit, … Weiterlesen Ein Wimpernschlag.

Ein Sturm zieht auf.

Ein Sturm zieht auf. Draußen auf dem kleinen Platz zwischen den Häusern stehen Männer und ziehen an ihren Zigaretten und sie zieht die Vorhänge zu und zieht sich zurück ins Schlafzimmer und zieht sich aus. Ganz langsam zieht sie sich aus, sie hat keine Eile, die Zeit zieht sich hin, zieht Fäden wie flüssiger Käse. … Weiterlesen Ein Sturm zieht auf.

Eefje.

Sie trafen sich in einem Pub in London. Er weiß nicht mehr, wie es hieß, doch er redet sich ein, dass man das Pub Destiny nannte, Schicksal. Er redet sich vieles ein. Manchmal schnüffelt er an seinem Unterarm und will sich davon überzeugen, dass er dabei winzig kleine Partikel von ihr einatmet, die dem Wind … Weiterlesen Eefje.

Im Fluss.

Das Wasser umspielt einen großen kantigen Stein am Ufer, wechselt rasch die Richtung und verleiht der Wasseroberfläche eine ungewöhnliche Form, eine neue Struktur. Sie steht einige Meter davon entfernt und blickt auf das fließende Gewässer, das längst kein Bach mehr ist, aber auch noch nicht als Fluss bezeichnet werden könnte. Sie ist immer wieder erstaunt, … Weiterlesen Im Fluss.

Viersamkeit.

Man kennt sich seit Jahren, da ist jene Vertrautheit, die vieles selbstverständlich macht. Mara heißt eigentlich Maria, aber außer ihrer Mutter nennt sie niemand bei diesem Namen; alle haben akzeptiert, dass sie sich als Mara begreift, vor allem Felix, ihr langjähriger Freund und Vertrauter. Felix hat eine große krumme Nase, ist davon abgesehen aber ein … Weiterlesen Viersamkeit.

Geneviève.

Auf einem kleinen Werbeplakat im Bus wird ein natürliches Heilmittel angepriesen, das für einen gesunden Schlaf sorgen und das innere Gleichgewicht optimieren soll. Eine junge Frau ist neben den Tablettenschachteln abgebildet, sie lacht zufrieden und wirkt ungemein entspannt, was wenig verwundert, schließlich darf sie sich eines gesunden Schlafes und eines optimierten inneren Gleichgewichtes erfreuen. Geneviève … Weiterlesen Geneviève.

Kleine Fluchten.

Eigentlich raucht er nicht, hat noch nie geraucht, konnte sich nie dafür begeistern. Jetzt kauft er sich eine Schachtel, setzt sich auf eine kleine Mauer am Seeufer, zündet sich eine Zigarette an, hustet kurz und heftig und lässt dann seinen Blick über die Wellen gleiten. Eigentlich gibt sie sich jedes Wochenende dem Nachtleben hin, zieht … Weiterlesen Kleine Fluchten.

Allein in der Stadt.

Er fährt in eine Stadt, die er nicht kennt, er fährt ohne Begleitung, ganz allein, ihm ist niemand bekannt, der in jener Stadt wohnt oder zumindest in relativer Nähe lebt, er ist ein Fremder ohne jegliche Bezugspunkte; jedes Gesicht ist ein neues Gesicht, jede Gasse ist unbekanntes Terrain, jede Häuserecke ist Neuland, und alles, was … Weiterlesen Allein in der Stadt.

Unter Kühen.

Es klingt beinahe gewaltsam, wenn die Kühe mit ihren großen Mäulern das Gras ausreißen. Eine rohe Urkraft, und dennoch so gemächlich und ruhig. Ihr stoisches Kauen schafft einen taktlosen Rhythmus, und wenn sich hin und wieder ein Bein bewegt, wirkt es wie ein störendes Element im ansonsten ebenmässigen Bild. Das eigentliche störende Element ist derweil … Weiterlesen Unter Kühen.

Kapla.

Das Kind baut einen Turm aus schmalen Holzklötzen. Es ist kein schnöder Turm, der da entsteht, sondern ein filigranes, durchaus elegantes Bauwerk, ein Konstrukt mit klaren Linien, einer subtilen Formensprache und spannenden Details. Man sieht bereits den Architekten vor sich, oder den Künstler, einen kreativen Freigeist. Eigentlich mag man es nicht, den Weg der Kinder … Weiterlesen Kapla.

Eine mögliche Bewegung.

Da war eine Bewegung, ein Schatten womöglich, oder ein Teil eines Körpers, ein Fragment eines Menschen. Nur ganz kurz war es zugegen, im Augenwinkel, in dieser nebulösen Zone neben den Dingen, die sich klar zeigen, wenn man die Welt mit Blicken ordnet. Die Bewegung, sie ereignete sich in einem Haus in einer gewissen Entfernung, aber … Weiterlesen Eine mögliche Bewegung.

Wenigstens den Sand.

Draußen scheißt der Hund auf den Bürgersteig. Scheißhund, sagt sie leise, doch niemand ist da, um sie zu hören. Sie schaut weiterhin aus dem Fenster und schüttelt langsam ihren Kopf. Natürlich kann der Hund nichts dafür. Kein Mensch ist zu sehen, nur der Hund. Vielleicht ist dann gar niemand schuld. Manchmal wünscht sie sich, die … Weiterlesen Wenigstens den Sand.

Saba und Momo und Pepe.

Er sagt den Leuten, sie sollen ihn einfach Saba nennen. Eigentlich heißt er Sabahudin, doch er will niemandem das Aussprechen des ganzen Namens aufzwingen, er will auch keine Ursprünge erläutern; überhaupt will er möglichst nicht zur Last fallen. Momo ist einer von denen, die man die Jungen nennt, und eigentlich kann er diesbezüglich kaum widersprechen. … Weiterlesen Saba und Momo und Pepe.

Fliegende Fenster.

Man sitzt im Zug, und vor dem Fenster fliegen die Fenster vorüber, kleine gelbe Vierecke, und hinter jedem Viereck eine Welt; irgendwo weint ein Kind, weil es das falsche Geschenk bekommen hat, irgendwo haben zwei Menschen Sex, ohne sich zu lieben, irgendwo lieben sich zwei Menschen, ohne Sex zu haben, irgendwo macht sich ein alter … Weiterlesen Fliegende Fenster.

Wenn die Welt knirscht.

Manchmal sitzt man einfach da, ganz bei sich oder bei anderen, auf einem Hocker oder zwischen den Stühlen, rundum proben Menschen das Menschsein, und plötzlich ruht die Zeit. Die Welt knirscht und knattert und kommt dann zum Stillstand, dreht sich nicht mehr. Das alles währt nur einen Moment, und obschon niemand dessen Dauer genau ermessen … Weiterlesen Wenn die Welt knirscht.

Darling.

Wir standen am Hafen von Travemünde und warteten darauf, dass sich die Schranken hoben und mein Vater unser Auto auf die Fähre steuern durfte. Bei unserer Ankunft hatten wir zu den ersten Passagieren gezählt, doch mittlerweile war die anfänglich ziemlich trostlos wirkende Zufahrt zum riesigen Schiff munter bevölkert. Die Strahlen der sommerlichen Sonne prallten lautlos … Weiterlesen Darling.

Garstige Dinge.

Die Melodie ist vergleichsweise simpel, eine Reihe von einzelnen Tönen, gespielt auf einem Klavier, unaufgeregt, sanft, und vielleicht liegt gerade in dieser relativen Einfachheit der Schlüssel zur uneingeschränkten Klangschönheit, die sich tief in ihn hinein zu tasten scheint. Er hört die Musik nicht zum ersten Mal, keineswegs, er hat sie ziemlich häufig im Ohr, doch … Weiterlesen Garstige Dinge.

Titicacasee.

Die Ehrfurcht vor der Felswand und der Nebel in den verwinkelten Tälern, das weite Schweifen des Blickes und das Stocken des Atems, das Paradies und Paris, all die Orte, von denen sie erzählen, all die Orte, die man sich ausmalt, weil die Schilderungen nur Strichzeichnungen bleiben, all die Orte; die Pyramiden von Gizeh und der … Weiterlesen Titicacasee.

Eine unerfreuliche Situation.

Auf einer Holzbank an einer Bushaltestelle sitzt ein junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig, vielleicht auch dreißig Jahre alt, mit akkuratem Haarschnitt und glänzenden Lederschuhen. Man muss ihn nicht kennen, um zu ahnen, dass er entweder bei einer Bank, einer Versicherung, einem Wirtschafts- oder Beratungsunternehmen arbeitet. Sein Anzug ist zwar noch ein wenig zu groß, doch er … Weiterlesen Eine unerfreuliche Situation.