Wollen müssen.

Man muss nur wollen, sagt eine Person, die Sofia kennt, also nur rudimentär kennt, eine Peripherbekanntschaft sozusagen. Sofia erinnert sich nur an guten Tagen an den Vornamen dieser Person, und heute will ihr der Vorname nicht einfallen. Sie spielt das Alphabet durch, um so vielleicht herauszufinden, mit welchem Buchstaben der Vorname beginnt, aber sie gelangt … Weiterlesen Wollen müssen.

Und vielleicht sogar Magie.

Sie wundert sich darüber, dass es in Filmen manchmal so wirkt, als würden sich die Räder eines Autos rückwärtsbewegen, obwohl das Auto vorwärtsfährt. Sie findet dieses Phänomen äußerst merkwürdig, rätselhaft, geradezu faszinierend. Und weil sie nicht genau weiß, woran es liegt, und sich auch nicht sonderlich stark darum bemüht, es herauszufinden, bewahren sich die rückwärtsdrehenden … Weiterlesen Und vielleicht sogar Magie.

Der dreibeinige Hund.

Sie erinnert sich nicht an den Hund. Den Hund hat sie nie gesehen, nicht wirklich. Sie erinnert sich an das Bild des Hundes, an eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Diese Fotografie hat sie gesehen, tatsächlich. Doch es ist lange her. Der Hund war nicht klein und auch nicht groß, weder Dackel noch Schäferhund. Sie hat keine Ahnung von … Weiterlesen Der dreibeinige Hund.

Widersinn.

Manchmal sieht sie ein einzelnes Mauerstück auf einer weiten Wiese, ganz für sich, ohne Anbindung, fern von jeglichen Bauten. Manchmal steht sie im Wald und betrachtet die Bäume, die allesamt aufrecht dastehen, nebeneinander aufgereiht wie brave Soldaten, nur ein Baum liegt darnieder, gefällt vom letzten Sturm. Manchmal sitzt sie allein auf ihrem blauen Sofa im … Weiterlesen Widersinn.

Glätte.

Eigentlich dürfte er nicht überrascht sein, schließlich war die Gefahr offensichtlich. Die bitterkalte Luft über der winterlichen Landschaft. Das Knacken und Knirschen unter seinen Füssen. Das verräterische Glitzern auf dem Weg vor ihm. Er wusste um das Risiko, das eine von Eis bedeckte Straße in der Regel birgt, kannte die Unberechenbarkeit der Oberfläche. Aber bereits … Weiterlesen Glätte.

Ihr Problem.

Ihr Problem ist, dass sie im Winter immer den warmen Sommer herbeisehnt und im Sommer stets die Kühle und Frische und Stille des Winters vermisst. Ihr Problem ist, dass sie Herbst und Frühling nur als Übergangsstadien betrachtet, als Brachland zwischen den Zeiten. Ihr Problem ist, dass sie dort, wo sie steht, meistens einen Schritt neben … Weiterlesen Ihr Problem.

Da sein.

Sie ist immer da. Wenn das Kind mit dem Rad hinfällt und sich das Knie blutig schrammt, ist sie da. Wenn die Heizung ausfällt und der Handwerker kommt, ist sie da. Wenn der Mann betrunken heimkehrt, ist sie da. Wenn die Nachbarin verreist und die Katze gefüttert werden muss, ist sie da. Wenn irgendwo Wut … Weiterlesen Da sein.

Die Wölfin.

Draußen heulen die Wölfe. Sie bohrt in der Nase. Nicht zwanghaft, eher beiläufig. Zwanghaftes Nasenbohren wird als Rhinotillexomanie bezeichnet, ein suchtartiges Verhalten mit Krankheitswert, zumindest sagte das einst ihr Onkel, und ihr Onkel musste es wissen, schließlich war er Psychiater. Sie hat keine Ahnung, warum sie sich noch an den Begriff Rhinotillexomanie erinnert, er ist … Weiterlesen Die Wölfin.

Auf dünnem Eis.

Es wird brechen, das Eis, daran besteht kaum ein Zweifel. Noch trägt es, und solange sie sich nicht bewegt, kann sie diesen Moment der Sicherheit noch ausdehnen, kann ihn in die Länge oder vielmehr in die Breite ziehen. Aber irgendwann muss sie sich bewegen. Ohne Bewegung gibt es kein Weiterkommen. Wer sich nicht bewegt, ist … Weiterlesen Auf dünnem Eis.

Asbest.

Du zündest eine Kerze an. Die brennende Kerze, sie dient nicht dem Zweck, Licht zu spenden oder Wärme. Du magst lediglich die Stimmung, die sie erzeugt, doch darüber hinaus wohnt ihr keinerlei überhöhte Symbolik inne, sie soll an niemanden erinnern, und dennoch erinnert sie dich an jemanden. Jemand, den du kennst, ist verbrannt, in seinem … Weiterlesen Asbest.

Ein sich die Haare raufendes Nein.

Es ist wichtig, dass man darüber redet. Es ist wichtig, dass man die Dinge ausspricht, sie diskutiert. Es ist wichtig, dass man sich auf die Meinung des Gegenübers einlässt und sie mit der eigenen vergleicht. Dass man sich auf die eigenen Argumente berufen kann, ohne anderslautenden Wortmeldungen gleich die Existenzberechtigung abzusprechen. Es ist wichtig, dass … Weiterlesen Ein sich die Haare raufendes Nein.

Zeitrechnung.

Irgendjemand sagt, das Leben sei ein Nullsummenspiel, doch irgendjemand irrt sich, findet sie. Natürlich weiß sie es nicht; Gewissheit gibt es erst, wenn sie nicht mehr vonnöten ist. Aber sie glaubt nicht, dass am Ende ihres Lebens eine Null stehen wird. Die Gleichung mag aufgehen, muss wohl aufgehen. Dass aber nichts mehr übrigbleibt, erscheint ihr … Weiterlesen Zeitrechnung.

Das perfekte Versteck.

Ein Stück Rinde steht vom Holzstapel ab, ragt hinaus und zeichnet sich wie ein Dolch vor dem schwarzrotblauen Himmel ab, der sich von Minute zu Minute verdunkelt. Er würde das merkwürdige Objekt gerne berühren, es in die Hände nehmen, doch es befindet sich zu weit oben; um es zu erreichen, müsste er am Holzstapel hochklettern, … Weiterlesen Das perfekte Versteck.

Denkwürdig.

Sie hat ein Eichhörnchen überfahren. Es lief vor ihr über die Straße, und die Straße war nass, und die Sonne, die durch die Wolkendecke gebrochen war, hatte sie geblendet, und sie war wirklich aufmerksam und konzentriert, sie war eigentlich eine gute Autofahrerin, und sie hat noch versucht, dem Tier auszuweichen, doch das alles ändert nichts … Weiterlesen Denkwürdig.

Mojito.

6 cl weißer Rum, 1 TL weißer Rohrzucker, 1 Limette, 6 bis 8 Blatt frische Minze, Sodawasser, Crushed Ice. Sie ist alkoholisch geschult und weiß, dass es sich um die Zutatenliste für einen Mojito handelt, doch warum sie auf der Zahnpastatube geschrieben steht, ist ihr ein Rätsel, wenngleich nur ein mittelgroßes. Ungleich grösser ist das … Weiterlesen Mojito.

Kopf hoch.

Lach doch mal, hat er gesagt. Komm schon, hat er gesagt. Schau doch nicht so grimmig, hat er gesagt. Sie hat nichts gesagt, sondern nur eine Stelle auf dem Parkettboden gemustert, die drei Astlöcher, die sich zueinander fügen und an ein Gesicht erinnern, das Gesicht eines erstaunten Gespenstes vielleicht. Nicht traurig sein, hat er gesagt. … Weiterlesen Kopf hoch.

Passat.

Wenn sie in ihrem Badezimmer die Toilettenspülung betätigt, klingt der Spülkasten einen kurzen Moment lang wie der VW Passat ihres Großvaters. Ihr Großvater hatte nie einen anderen Wagen besessen, nur diesen einen VW Passat; er war hellbraun und sah stets sehr sauber aus und glänzte in der Sonne, und wenn Großmutter mit Großvater im Wagen … Weiterlesen Passat.

Pickel.

Da ist ein Pickel, eine Pustel, auf seiner Wange, neben der Nase, und selbige rümpft er, denn er ist eigentlich zu alt für Akne, viel zu alt, Akne ist ein Problem der Jungen, eine eitrige Bürde der Pubertät, welcher er längst entwachsen ist, doch die Pickel kehren immer wieder zurück, zwar nur vereinzelt, aber unvermindert … Weiterlesen Pickel.

Wurst.

Der kleine Vogel war wohl aus dem Nest gefallen. Er lag unter einem Baum auf dem Asphalt und zitterte, konnte sich kaum bewegen. Sie kniete sich neben ihn hin, redete auf ihn ein, doch Worte konnten den Vogel nicht retten, das wusste sie. Also nahm sie ihn hoch und trug ihn nach Hause, baute ihm … Weiterlesen Wurst.