Traumfabrik.

Sie waren dir stets dicht auf den Fersen, waren direkt hinter dir, es waren Männer ohne Gesichter, böse Männer, sie wollten dich, sie wollten dich kriegen, und du hattest keine Ahnung, warum sich dich verfolgten, aber du bist gerannt, so schnell wie möglich, wahrscheinlich noch schneller, und du bist jedes Mal aufgewacht, bevor sie dich … Weiterlesen Traumfabrik.

Der Hauch des Todes.

Er habe Mundgeruch, murmelt sie mit belegter Stimme, ein bisschen, oder vielleicht auch ein bisschen mehr als nur ein bisschen. Mehr sagt sie nicht, sie schläft schon halb, als sie ihm diese Erkenntnis mitteilt, und einige Sekunden später schläft sie wohl ganz, denn ihr Atmen verändert sich, wird regelmäßiger. Eigentlich ist es nett, dass seine … Weiterlesen Der Hauch des Todes.

178 Kilometer.

Dass es ein Fehler sein würde, wusste sie schon, bevor sie ihn machte, aber diese Gewissheit hat sie nicht davon abgehalten. Man sagt, dass man aus Fehlern lernen könne, doch bisher fühlt sie sich nicht klüger. Nur verloren. Und schwankend. Und fremd. Immerhin ist sie frisch geduscht, die Seife im Hotel duftet, wie Seife in … Weiterlesen 178 Kilometer.

Sven Regener.

Ganz egal, woran ich gerade denke, am Ende denk ich immer nur an dich, singt Sven Regener, und die Stimme von Sven Regener klingt wie ein trunkener Abend im schummrigen Licht in einer Kneipe, in der es nach Bier und Gelächter und faltigen Gesichtern und in die Handflächen gestützten Köpfen riecht. Sie war schon so … Weiterlesen Sven Regener.

Kopfschüttler.

Es ist ein sehr lautes Kopfschütteln, der Klang erinnert an ein rostiges Gartentor, was eigentlich überraschend ist, denn Herr und Frau Kopfschüttler sind durchaus geübt im Kopfschütteln, sie tun es häufig und meistens synchron, ab und zu unterbrochen von einem «Tststs» oder einem «Ach» oder einem anderen Laut, der Missbilligung und Unverständnis zum Ausdruck bringen … Weiterlesen Kopfschüttler.

Golden Delicious.

Der Apfel schmeckt nicht nach einem Apfel, sondern nach einer schlechten Kopie eines Apfels. Eigentlich schmeckt er gar nicht, er ist so fad und langweilig, dass Eva die Frucht ein wenig irritiert mustert, als würde sie erwarten, dass sie sich als künstlich entpuppt. Doch es ist kein künstlicher Apfel. Es ist ein echter Apfel, offensichtlich … Weiterlesen Golden Delicious.

Der Specht.

Draußen vor dem Fenster klopft ein Specht. Sie kann ihn hören, und sie kann ihn sehen. Immer wieder zuckt sein Kopf, immer wieder hämmert er seinen Schnabel in die Baumrinde, wie von Sinnen. Es ist ein fürchterliches Bild. Sie würde wohl allein schon bei der Vorstellung, mit ihrem Schädel wiederholt gegen einen Baumstamm klopfen zu … Weiterlesen Der Specht.

Endlich.

Als es endlich zu Ende geht, ist er erstaunt, dass es so lange gedauert hat, und meint damit sowohl das Sterben als auch das Leben. Er hat sich zuvor nur selten Gedanken über die Zeit gemacht, doch jetzt, an ihrem Ende, fragt er sich, was sie eigentlich bedeutet, welchen Wert sie hat, welches Gewicht. Könnte … Weiterlesen Endlich.

Was sie tun würde.

Eigentlich müsste sie aufstehen, müsste sich bereit machen, müsste zur Arbeit gehen, müsste all das tun, was sie jeden Tag tut, doch heute ist nicht jeder Tag, sie mag nicht tun, was sie tun müsste, also bleibt sie liegen und denkt daran, was sie tun würde, wenn es ein Tag wie jeder andere wäre; sie … Weiterlesen Was sie tun würde.

Der große blaue Morpho.

Hans will keine Füllwörter stehen sehen. Hans mag es nicht, wenn Sätze Ballast mit sich tragen. «Mehr ist nicht besser», sagt Hans. Mehr sagt er nicht. «Aber», gibt man zurück, doch Hans vermeidet jegliche Reaktion. Also versucht man, sich etwas gewählter auszudrücken. «Manchmal brauchen die Wörter doch ein wenig Beiwerk, brauchen Schmuck. Wenn man alles … Weiterlesen Der große blaue Morpho.

Die Häsin.

Einmal, als junges Mädchen, hatte Jana einen Hasen gemalt. Er stand auf zwei Beinen, dieser Hase, ein vermenschlichter Hase, eigentlich eine Häsin, denn sie trug ein Kleid. Diese Häsin, sie hatte sehr lange Ohren, so lang, dass sie bis zum Boden reichten. Wenn die Häsin ging oder lief, trat sie dabei immer wieder auf die … Weiterlesen Die Häsin.

Hätte.

Der Gedanke hätte überall auftauchen können, doch er tut es an der Biegung eines Flusses. Eva ist mit ihrer Freundin Diana unterwegs, ein Wanderausflug, längst zur Tradition geworden. Es ist ein relativ warmer Tag, ein lauer Wind schiebt Wolkenfetzen über den Himmel, in den Waldstücken vermengen sich Vogelrufe und das Rauschen der Blätter. Als sie … Weiterlesen Hätte.

Nicht nichts tun.

Am Ende des Himmels kündigt sich freundliches Wetter an, die dichte graue Decke geht in ein mildes Hellblau über, in das sich vereinzelte Wolkenfetzen mischen. Man hatte doch an das Gute geglaubt, man hatte gehofft, weil Hoffnung oftmals die letzte Zuflucht ist, man hatte sich an alles geklammert, das Halt versprach. Manchmal war es schwierig, … Weiterlesen Nicht nichts tun.

Landwirtschaft und Liebe.

Bert liest eine Geschichte von einem, der eine Geschichte liest, und in dieser Geschichte geht es um Landwirtschaft, doch Bert hat keine Ahnung von Landwirtschaft, Agrarwissenschaften sind ihm völlig fremd, und der einzige Bauer, den er kennt, kennt er noch von früher, aus der Schule, damals war er ein stämmiger Junge mit einem dicken Hals, … Weiterlesen Landwirtschaft und Liebe.

Tim oder Tom.

So jung kommen wir nicht mehr zusammen, sagte Dirk, und Olli redete darüber, wie die Zeit sich so beeilt und so wenig bleibt von dem, was einmal war, und David meinte, dass wir Helden sein könnten, nur für einen Tag, doch der Tag, er kam nicht, niemand wurde ein Held, höchstens Tim oder Tom, der … Weiterlesen Tim oder Tom.

Warmwasser.

Der Tag hängt stumm in den Räumen. Vor den Fenstern lässt der hellgraue Himmel die Landschaft matt und bleich wirken, wie eine altes Foto in ungesättigten Farben. Sie lauscht der Stille, fügt sich in das Schweigen, und als sie sich räuspert, zuckt sie erschrocken zusammen, so laut und grob dringt das Geräusch aus ihrer Kehle … Weiterlesen Warmwasser.

Gerda sah ganz anders aus.

Die anderen Mädchen waren die anderen Mädchen. Manche sahen sich sehr ähnlich, manche nicht, manche waren süß, manche nicht, aber eigentlich sahen die meisten Mädchen ganz normal aus, nur Gerda nicht. Gerda sah ganz anders aus. Mit ihren roten Zöpfen hätte sie eigentlich an Pippi Langstrumpf erinnern müssen, doch wenn man bei Gerdas Anblick an … Weiterlesen Gerda sah ganz anders aus.

Tempo.

Man sitzt in diesem Zug, nicht etwa im rumpeligen Regionalbähnchen, sondern in einem dieser Hochgeschwindigkeitszüge, TGV oder ICE oder Shinkansen, und man rast durch die Welt und rast durch die Zeit, und draußen vor dem Fenster sieht alles aus wie ein abstraktes Gemälde, mit verschmierten Flächen in Grün und Braun und Weiß, die Landschaft zerrinnt … Weiterlesen Tempo.