Da ist kein klarer Schnitt im Gefüge der Zeit, da ist keine Grenze, die eine Seite von der anderen trennt. Der Lauf ihres Lebens war und ist so linear wie der Lauf jedes Lebens. Keine gerade Linie zwar, aber gezeichnet, ohne abzusetzen, von einer Hand, die stets ein wenig zittert. Auch die Hand, die das Foto hält, zittert ein wenig. Sie wendet ihren Blick ab und starrt auf das Muster des Parkettbodens. Ein Quadrat fügt sich ans nächste, geometrisch, eingebunden in einen optischen Rhythmus. Quadrat. Quadrat. Quadrat.
Das Verhältnis der Seite eines Quadrats zu dessen Diagonale ergibt keine rationale Zahl. Die beiden Größen haben kein gemeinsames Maß, lassen sich nicht direkt vergleichen. Eine Mathematikerin würde von inkommensurabel sprechen, aber sie ist keine Mathematikerin. Auch die Frau auf dem Foto ist keine Mathematikerin. Die Frau auf dem Foto und die Frau, die das Foto hält, sind die gleiche Frau. Die Frau auf dem Foto und die Frau, die das Foto hält, könnten kaum unterschiedlicher sein.
Die Erde benötigt dreihundertfünfundsechzig Tage, fünf Stunden, neunundvierzig Minuten und zwölf Sekunden für eine Umrundung der Sonne. So lange dauert ein Jahr. Das Jahr ist eine gute Einheit, um zu rechnen. Um der Zeit einen Maßstab zu geben. Um Ereignisse und Erlebnisse einordnen und verorten zu können. Sie ist nicht sicher, wie viele Jahre zwischen der Frau auf dem Foto und der Frau, die das Foto hält, liegen. Aber sie vermutet, dass das Jahr die falsche Einheit ist. Es ist eine andere Form der Distanz. Keine zeitliche. Auch keine räumliche. Eine emotionale Distanz. Aber nicht nur das.
Das Foto in ihrer Hand zeigt eine Frau, die ein Foto macht. Die Frau auf dem Foto und die Frau, die das Foto gemacht hat, und die Frau, die das Foto hält, sind die gleiche Frau. Sie tragen den gleichen Namen, haben die gleichen Augen, sprechen mit der gleichen Stimme. In ihnen fließt das gleiche Blut, sie kamen am gleichen Tag zur Welt. Und tatsächlich gleichen sich die Frau auf dem Foto und die Frau, die das Foto gemacht hat. Sie sind sich nah. Nur ein Spiegel steht zwischen ihnen; nicht um zu trennen, sondern um zu verbinden. Doch zwischen der Frau auf dem Foto und der Frau, die das Foto hält, steht mehr als nur ein Spiegel. Da ist kein klarer Schnitt im Gefüge der Zeit, da ist keine Grenze, die eine Seite von der anderen trennt. Aber etwas trennt. Etwas Großes. So groß, dass die Linie, von zittriger Hand gezeichnet, darunter und dahinter verschwindet. Und erst auf der anderen Seite wieder auftaucht.
Das Verhältnis der Frau auf dem Foto zur Frau, die das Foto hält, ergibt keine rationale Zahl. Die beiden Frauen haben kein gemeinsames Maß, lassen sich nicht direkt vergleichen. Eine Mathematikerin würde von inkommensurabel sprechen. Aber sie ist keine Mathematikerin.
