Nicht nichts tun.

Am Ende des Himmels kündigt sich freundliches Wetter an, die dichte graue Decke geht in ein mildes Hellblau über, in das sich vereinzelte Wolkenfetzen mischen. Man hatte doch an das Gute geglaubt, man hatte gehofft, weil Hoffnung oftmals die letzte Zuflucht ist, man hatte sich an alles geklammert, das Halt versprach. Manchmal war es schwierig, … Weiterlesen Nicht nichts tun.

Gerda sah ganz anders aus.

Die anderen Mädchen waren die anderen Mädchen. Manche sahen sich sehr ähnlich, manche nicht, manche waren süß, manche nicht, aber eigentlich sahen die meisten Mädchen ganz normal aus, nur Gerda nicht. Gerda sah ganz anders aus. Mit ihren roten Zöpfen hätte sie eigentlich an Pippi Langstrumpf erinnern müssen, doch wenn man bei Gerdas Anblick an … Weiterlesen Gerda sah ganz anders aus.

Tempo.

Man sitzt in diesem Zug, nicht etwa im rumpeligen Regionalbähnchen, sondern in einem dieser Hochgeschwindigkeitszüge, TGV oder ICE oder Shinkansen, und man rast durch die Welt und rast durch die Zeit, und draußen vor dem Fenster sieht alles aus wie ein abstraktes Gemälde, mit verschmierten Flächen in Grün und Braun und Weiß, die Landschaft zerrinnt … Weiterlesen Tempo.

Margeriten.

Sie schaut auf ihre Schuhe, auf die Art und Weise, wie die Schnürsenkel zur Seite hängen. Sie betrachtet die Stelle, an welcher die lederne Zunge des Schuhs endet und ihr Bein beginnt, diese Grenze zwischen der Haut eines toten Tieres und der Haut eines lebendigen Menschen. Es ist seltsam, wie sich alles ineinanderfügt, aber dennoch … Weiterlesen Margeriten.

Der Elefant.

Sie haben sich lange nicht mehr gesehen, schon seit Jahren, doch als sie sich treffen, sind diese Jahre weggeweht, wie Staub, den man von einer alten Schallplatte pustet, und als ihre Stimme erklingt, setzt sein Herz einen Takt lang aus, und als er ihr Hallo erwidert, registriert sie eine leichte Schwingung in ihrem Innern, und … Weiterlesen Der Elefant.

Insomnia.

Schon am Morgen, sofern er diesen verheissungsvollen Namen überhaupt verdiente, war sie nach einer nahezu schlaflosen Nacht viel zu früh erwacht. Draussen vor dem Fenster schlief die ganze Welt, jedes Haus war dunkel, nur beim alten Bäcker brannte Licht, denn obwohl er nicht mehr backen mag, steht er mitten in der Nacht auf, stellt sich … Weiterlesen Insomnia.

Wie es ist.

Es ist, wie es ist, sagt der alte Mann und faltet die Hände; er hat noch nie gebetet und wird jetzt nicht mehr damit anfangen. Er sitzt in seinem Sessel und lässt die Schultern hängen. Schräg vor ihm steht das Sofa, auf dem schon lange niemand mehr sass, und unter dem Sofa bemerkt er den … Weiterlesen Wie es ist.

Grashalmtag.

Manche Tage sind wie die Grashalme auf den Wiesen; jeder gleicht dem anderen, keiner tut sich hervor, keiner drängt sich auf, und will man Unterschiede oder Einzigartigkeiten ausmachen, muss man sehr genau hinschauen, und eigentlich sind nicht nur manche, sondern die meisten Tage Grashalme, darum gibt es wohl so viele Wiesen (und es gibt sehr … Weiterlesen Grashalmtag.

Ein Sturm zieht auf.

Ein Sturm zieht auf. Draußen auf dem kleinen Platz zwischen den Häusern stehen Männer und ziehen an ihren Zigaretten und sie zieht die Vorhänge zu und zieht sich zurück ins Schlafzimmer und zieht sich aus. Ganz langsam zieht sie sich aus, sie hat keine Eile, die Zeit zieht sich hin, zieht Fäden wie flüssiger Käse. … Weiterlesen Ein Sturm zieht auf.

Staub.

Früher war hier mal ein Schuppen. Dunkelgrau und nahezu fensterlos, schlicht und einfach. Er sah schon aus weiter Ferne verstaubt und müde aus, wie ein altersschwaches Tier auf einer kargen Wiese, umgeben von trauernden Bäumen. Wenn man beim Näherkommen aber auf die Empfindungen der Haut achtete, konnte man spüren, wie eine seltsame Wärme vom Schuppen … Weiterlesen Staub.

Hugo und das Känguruh (mit h am Ende).

Hugo liest Wolfgang Borchert. Das Känguruh, heißt die Geschichte, und in dieser Geschichte sagt einer ein Gedicht auf. Es war einmal ein Känguruh, das nähte sich den Beutel zu, mit einer Nagelfeile, aus lauter Langeweile. Die Geschichte handelt eigentlich von anderen Dingen, schlimmen Dingen, doch Hugo staunt vor allem über das Wort Känguruh. Früher war … Weiterlesen Hugo und das Känguruh (mit h am Ende).

Ein Steinwurf.

Dieser Stein war schon vor mir da, denkt er, und wenn ich dereinst nicht mehr existieren werde, dann wird, ach, egal, er denkt nicht mehr weiter, mag sich nicht länger vor Augen führen, dass sein Dasein irgendwann nicht mehr da sein wird, dass es enden wird, dass sein Tod womöglich nur einen Steinwurf entfernt in … Weiterlesen Ein Steinwurf.

Der Spagat.

Beim Aufräumen des Kellers gerät Eva ein Foto zwischen die Finger. Es zeigt sie als kleines Mädchen im Wohnzimmer ihres Elternhauses. Der Teppich ist grau, er weckt Erinnerungen, sie weiß noch immer, wie er sich anfühlte unter den Handflächen. Im Hintergrund sieht man eine alte Anrichte mit Glaseinsätzen in den Schranktüren. Einmal zerbrach eine dieser … Weiterlesen Der Spagat.

Gloria geht ins Kino.

Zum Programmkino gehört eine kleine Bar mit überschaubarem Angebot und einigen Tischen. Auf dem Tresen liegen Prospekte und Karten von Filmen, und dahinter steht eine Frau mit müden Augen. Wenn sie fragt, was man trinken will, klingt ihre Stimme warm und freundlich, und man bestellt ein Glas Wein, obwohl man sich doch eigentlich auf ein … Weiterlesen Gloria geht ins Kino.

Es kommt.

Leise rieselt der Schnee. Die Welt ist so dicht eingehüllt, dass fast nichts mehr klingt, nur in der Ferne glaubt sie das Brummen eines Schneeräumungsfahrzeuges wahrzunehmen. Sie schließt das Badezimmerfenster wieder und stellt sich vor den Spiegel, drückt sich ein wenig Körperlotion in die Handfläche und beginnt, ihre Haut einzureiben. Sie mag das, mag diese … Weiterlesen Es kommt.

Sein Raumschiff.

Manchmal, wenn die Nachtluft eisig kalt und der Himmel wolkenlos ist, blickt Leo hinauf zu den Sternen und denkt an sein Raumschiff. Er kann es förmlich sehen, dieses plumpe Gebilde, dessen Umrisse an ein großes D erinnerten, das wehrlos auf dem Rücken lag. Leo hat längst akzeptiert, was ihm zugestoßen ist. Er hat die Entführung … Weiterlesen Sein Raumschiff.

Eigentlich ein Held.

Eigentlich war Erich ein guter Mensch. Bei seinem Begräbnis sagte jemand, dass der Welt nun ein helles Licht fehle, und mehrere Leute nickten zustimmend. Erich war tatsächlich sehr engagiert. Er half Bekannten und Freunden beim Umzug, spendete jedes Jahr einen gewissen Betrag an das Rote Kreuz, er half in Vereinen mit, wenn es nötig war, … Weiterlesen Eigentlich ein Held.