Ein gigantischer Besen.

Sie wünscht sich einen Besen. Keinen normalen Besen. Keinen Rutenbesen, keinen Handbesen, keinen dieser Kunststoffbesen aus dem Baumarkt. Sie braucht auch keinen Hexenbesen; zwar würde sie das Fliegen lieben, doch ihre Höhenangst würde es wohl unerträglich machen. Der Besen, den sie sich wünscht, wäre der größte und stärkste Besen der Welt. Ein überdimensionaler Besen wäre … Weiterlesen Ein gigantischer Besen.

Der fiese Hund.

Er hockt draußen unter der Laterne und bellt in die entvölkerte Nacht. Sie steht am Fenster und schaut hinaus und stellt sich vor, wie seine Augen bedrohlich funkeln wie schwarzes Glas, wie seine spitzen Zähne wütend aus dem Maul ragen und der Sabber von seinem Kinn tropft. Sehen kann sie es nicht, der Hund ist … Weiterlesen Der fiese Hund.

Nita verschwindet.

Ein Romanexperiment von Ralf Bruggmann. «Nita verschwindet» ist ein Roman, doch er lässt sich in beinahe unbegrenzten Variationen lesen. Die 38 Kapitel können in jede Reihenfolge gebracht werden, Sortierung und Nummerierung der Kapitel sind lediglich Hilfsmittel, keine Vorgaben. Nur Prolog und Epilog haben ihren festen Platz im Ablauf. Nita ist verschwunden. Doch wohin? Und warum? … Weiterlesen Nita verschwindet.

Placido Domingo.

Der alte Mann hört im Radio, dass Placido Domingo Frauen belästigt haben soll, und er kennt Placido Domingo eigentlich nicht, er kennt Placido Domingo nur von seiner Frau, denn sie mochte Placido Domingo, mochte seine Stimme, hörte ihn häufig singen, und der alte Mann konnte mit diesen Klängen nie viel anfangen, doch sie vertrieben zumindest … Weiterlesen Placido Domingo.

Hand.

Die Finger werden zu Beinen, der Handrücken zum Rumpf; es braucht keinen Gott, um zu erschaffen. Das kleine Wesen, es schüttelt sich, streckt seine Glieder. Es sind Dehnübungen, es wärmt sich auf, als wäre es im Begriff, Sport zu treiben oder größere Anstrengungen zu unternehmen. Zunächst jedoch tastet sich das Wesen nur ganz langsam voran, … Weiterlesen Hand.

Katzenbabys.

Seitdem er die Medikamente nimmt, fühlt er sich besser, zumindest ein bisschen, ein Schulterzucken besser, aber eigentlich ändert sich nichts, die Schmerzen sind noch da, die verdammten Schmerzen. Am Tag zuvor nannte er einen Freund ein Arschloch, alleine deshalb, weil dieser ihm einen Naturarzt empfohlen hatte. Es ist einer der wenigen Freunde, die er hat, … Weiterlesen Katzenbabys.

Brulguama.

Er steht am Bahnhof und versucht, die Plakate an den Wänden zu entziffern, doch da ist nichts, woran er sich festhalten könnte. Eine leicht bekleidete Frau sieht ihn von einem der Plakate an, in ihrem Blick liegt etwas Forsches und Forderndes, vielleicht auch Aufmunterndes. Neben ihrem Kopf steht das Wort Brulguama! geschrieben, in großen Lettern … Weiterlesen Brulguama.

Kaleidoskop-Augen.

Der Himmel über der Autobahn sieht aus wie das Gemälde eines Künstlers, der halluzinogene Drogen konsumiert hat, wie das Fell einer unbekannten Raubkatze, dunkelbunt und wild. Der Himmel, er zieht ihren Blick an, und eigentlich müsste Evelyn auf die Straße schauen, müsste fokussiert und konzentriert bleiben, doch immer wieder dreht sich der Kopf, um das … Weiterlesen Kaleidoskop-Augen.

Ein Steinwurf.

Dieser Stein war schon vor mir da, denkt er, und wenn ich dereinst nicht mehr existieren werde, dann wird, ach, egal, er denkt nicht mehr weiter, mag sich nicht länger vor Augen führen, dass sein Dasein irgendwann nicht mehr da sein wird, dass es enden wird, dass sein Tod womöglich nur einen Steinwurf entfernt in … Weiterlesen Ein Steinwurf.

Der Mauerbau.

Eines Tages blickt Eva sich um, betrachtet die Schatten der Bäume an den Häuserwänden, lauscht den vereinzelten Rufen eines Bussards und dem leisen Rauschen der nahen Autobahn. Sie kratzt sich an der Schläfe und wischt mit dem Handrücken über ihren Mund. Dann beginnt Eva damit, eine Mauer zu bauen. Sie baut sie hoch, sie baut … Weiterlesen Der Mauerbau.

Verdammte Ambivalenz.

Nach dem Regen die Würmer auf dem Asphalt, ihr seltsames Fortbewegen, diese Wellen, die durch den langen Körper fließen, und später werden einige von diesen Regenwürmern vertrocknen, werden spröde und hart werden und sterben und dann wie verkohlte Gummischnüre auf dem Boden liegen, übersät von Ameisen, aber jetzt, jetzt leben sie noch, obwohl man nicht … Weiterlesen Verdammte Ambivalenz.

Der Gescheckte Nagekäfer.

Sara beobachtet den Käfer auf dem Fenstersims. Er geht einige Schritte und bleibt dann stehen, tastet mit seinen Fühlern um sich. Dann geht er weiter, bleibt wieder stehen, geht weiter, bleibt stehen, seine Bewegungen wirken wie ein Tanz, ungelenk zwar, aber dennoch mit einer gewissen Eleganz. Sara schließt den Fensterladen. Es ist heiß draußen, ein … Weiterlesen Der Gescheckte Nagekäfer.

Entfernt.

Bis zum nächsten Mal, hat man gesagt, bis bald, bis irgendwann, doch irgendwann kam nie, das nächste Mal, es blieb aus, und nun entfällt es endgültig. Man hätte Gelegenheiten gehabt, hätte sie nur ergreifen müssen, doch keiner von beiden regte oder bewegte sich, und einer von beiden kann es nun nicht mehr. Man nannte sich … Weiterlesen Entfernt.

Fliegenschiss.

Mira hängt die Vorhänge ab. Sie hatte es schon lange vorgehabt, aber immer wieder hinausgezögert. Verdammte Prokrastination. Die Vorhänge hingen schon da, als Mira einzog, sie gehörten der alten Frau, die vor ihr in der Wohnung lebte. Sie war hier gestorben, die alte Frau, lag wahrscheinlich schon ziemlich lange tot auf dem Boden, bevor man … Weiterlesen Fliegenschiss.

Die Walze.

Sie liegt auf dem Boden in ihrem Wohnzimmer und liegt zugleich auf dem grauen Asphalt eines Parkplatzes oder einer öden Industriebrache, irgendwo in einem leblosen Viertel der Welt. Sie war noch nie hier, doch sie kennt den Ort dennoch gut, viel zu gut. Der Ort, er ist unbewohnt, er ist ungewohnt, doch sie ist es … Weiterlesen Die Walze.

Emmanuelle.

Ich hasse dich, ruft sie, oder nein, sie schreit es, sie brüllt, und man könnte glauben, sie meine es erst, doch Egon glaubt das nicht, er bezweifelt, dass sie es ernst meint, aber allein schon die Möglichkeit, dass es so sein könnte, macht ihm ein wenig Angst. Außerdem sieht ihr Gesicht schrecklich aus, fürchterlich, furchteinflößend. … Weiterlesen Emmanuelle.

Ulla steht im Wind.

Ulla steht im Wind, und der Wind, er zerrt an ihren Haaren, er zerrt an ihren Kleidern, er zerrt an ihrer Nase, vor allem an ihrer Nase, und manchmal gerät sie ein wenig ins Wanken, fällt beinahe um. Einst trat ein Mann zu ihr heran und sagte, ihre Nase sei so groß, geradezu riesig, die … Weiterlesen Ulla steht im Wind.