Ein Jahr in zwölf Gesprächen.

Januar «Frohes neues Jahr!» «Frohes neues Jahr!» «Ich mache mir eigentlich keine Neujahrsvorsätze. Dieses Mal schon.» «Ach ja?» «Ja. Ich habe mir vorgenommen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf die wichtigen Dinge. Auf die wichtigen Menschen.» «Wichtige Menschen?» «Ja. Gute Freunde.» «Bin ich… Öhm… Gehöre da…» «Ja. Ja. Natürlich.» «Da bin ich froh.» «Ich … Weiterlesen Ein Jahr in zwölf Gesprächen.

Der Fisch.

Als er nach einem kurzen Arbeitstag nach Hause gehen will, nimmt er einen anderen Weg als üblich, denn anders als üblich ist besser als nichts, obwohl es am Ende keinen Unterschied macht. Die Abweichungen sind inszenierte Aufregungen, sinnlose Experimente, die nicht viel bringen, nur Lärm und Verwirrung. Dieser Weg, den Paul nun nimmt, er ist … Weiterlesen Der Fisch.

Helmut hat geschissen.

Helmut hat geschissen, in der Herrentoilette des Großraumbüros, in welchem er arbeitet, zusammen mit vielen anderen Menschen, von denen er manche sehr gerne mag und andere nur gerade ein bisschen. Helmut hat geschissen, und das besagte Ereignis war nahe an explosiver Diarrhöe. Helmut hatte Bauchschmerzen gehabt und war froh, dass sich diese ein wenig entspannten. … Weiterlesen Helmut hat geschissen.

Eigentlich ein Held.

Eigentlich war Erich ein guter Mensch. Bei seinem Begräbnis sagte jemand, dass der Welt nun ein helles Licht fehle, und mehrere Leute nickten zustimmend. Erich war tatsächlich sehr engagiert. Er half Bekannten und Freunden beim Umzug, spendete jedes Jahr einen gewissen Betrag an das Rote Kreuz, er half in Vereinen mit, wenn es nötig war, … Weiterlesen Eigentlich ein Held.

Eine kleine Geschichte (#2).

Diese Geschichte, sie handelt von Jakob, einem Mann, der vieles zu erzählen gehabt hätte, aber dennoch meistens zu schweigen pflegte. Als Jude überlebte er das Konzentrationslager der Nazis nur knapp. Seine Eltern und Geschwister jedoch wurden umgebracht. Trotz der erdrückenden Trauer und Traurigkeit zog Jakob nach dem Krieg in die lauten und lärmigen Städte, nach … Weiterlesen Eine kleine Geschichte (#2).

Engelbert.

Seitdem seine Haare immer spärlicher aus seiner Kopfhaut ragen und die kahlen Stellen stetig mehr Raum beanspruchen, blickt Engelbert seinen Freund Karl und dessen üppige Haarpracht mit wachsender Missgunst an, und diese Missgunst, sie behagt ihm nicht, denn eigentlich ist Engelbert kein missgünstiger Mensch, eigentlich ist ihm die Welt dann am liebsten, wenn es den … Weiterlesen Engelbert.

Schnitzel.

Eine Zeit lang bleibt alles still. Dann beginnt es wieder. Das dumpfe Hämmern ist gleichmäßig und eintönig, ein starrer Rhythmus. Sie betrachtet einen kleinen Fleck an der Decke. Er war schon immer da, der Fleck, so scheint es zumindest; sie kann sich nicht erinnern, dass da kein Fleck gewesen wäre. Der Fleck ist essenziell, und … Weiterlesen Schnitzel.

Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Sie hocken auf den Stühlen im Restaurant des Supermarktes und schauen mit leblosen Augen auf irgendwelche Punkte im Nichts. Vor ihnen auf den Tischen stehen Biergläser, schon von Anfang an halbleer. Manchmal trinken sie einen Schluck, aber nur einen kleinen, damit das Bier länger hält. Man muss die Dinge dehnen, sonst bleibt die Zeit ein … Weiterlesen Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Hitler töten.

Mindestens einmal pro Woche fährt Anja ans Meer. Obwohl, sie fährt nicht wirklich, der Weg ist nicht das Ziel, der Weg spielt keine Rolle. Sie ist einfach da, am Meer, ganz allein, die Luft ist salzig, der Horizont ist leicht gewölbt. Sie kann entscheiden, welche Stelle sie aufsucht, sie kann wählen, ob sie im Sand … Weiterlesen Hitler töten.

Sechs Finger.

Während Iris in ihrem Bett liegt und schläft, träumt sie davon, dass sie in ihrem Bett liegt und wach ist. Im Traum sieht sie, wie ihre Hand über ihren Körper gleitet. Viel mehr bleibt von diesem Traum nicht zurück, als Iris am nächsten Morgen erwacht, nur dieser Moment, mit ihrer Hand, ihrem Körper, ihrer Haut, … Weiterlesen Sechs Finger.

Monopoly.

Ein Italiener, ein Franzose und ein Amerikaner kommen in eine Bar. Sie sehen sich kurz um, dann verlassen sie die Bar wieder, ohne etwas zu trinken. Das ist nicht lustig, das ist kein Witz, Tina kann nicht darüber lachen, denn ihr gehört die Bar, sie ist ihre Leidenschaft, ihr Lebensinhalt, doch wenn die Leute sich … Weiterlesen Monopoly.

Steinzeit, Teil 3: Der Steindrucker.

Dieser Text ist die dritte von drei Episoden, die im Rahmen der dritten Ambulanten Lesung in Speicher/Schweiz zur Aufführung kamen. Gelesen wurde der Text in einer alten Druckwerkstatt. Mehr über das Konzept und die Hintergründe auf ambulantelesung.com. Es gibt ein Lied von der Band Tocotronic. Es heißt Digital ist besser. Ich sage nicht, dass Tocotronic … Weiterlesen Steinzeit, Teil 3: Der Steindrucker.

Steinzeit, Teil 2: Der Radiosammler.

Dieser Text ist die zweite von drei Episoden, die im Rahmen der dritten Ambulanten Lesung in Speicher/Schweiz zur Aufführung kamen. Gelesen wurde der Text beim Haus eines passionierten Radiosammlers. Mehr über das Konzept und die Hintergründe auf ambulantelesung.com. Wenn mich die Leute fragen, was ich denn so anfange mit der Zeit, die in meinen Tagen … Weiterlesen Steinzeit, Teil 2: Der Radiosammler.

Steinzeit, Teil 1: Der Ex-Jogger.

Dieser Text ist die erste von drei Episoden, die im Rahmen der dritten Ambulanten Lesung in Speicher/Schweiz zur Aufführung kamen. Gelesen wurde der Text am Waldrand. Mehr über das Konzept und die Hintergründe auf ambulantelesung.com. In diesem Wald haben sie zum letzten Mal einen Wolf im Appenzellerland erlegt. Einen Wolf! Dieses wilde Tier, dieser stechende … Weiterlesen Steinzeit, Teil 1: Der Ex-Jogger.

Rosa wartet.

Rosa steht gerade unter der Dusche, als das Telefon klingelt. Im ersten Moment will sie das Wasser abdrehen, sich das Frotteetuch greifen und ins Wohnzimmer eilen, doch dann bleibt sie unter der Dusche stehen, lässt das warme Wasser auf ihre Haut prasseln und wartet, bis das Telefon verstummt. In solchen Momenten kommt ihr die Leidenschaft … Weiterlesen Rosa wartet.

Enger.

Das Licht ist anders, auch die Farben. Das ist schon lange so, eine kleine träge Ewigkeit. Wenn er blinzelt, bleiben die Lider manchmal aneinander kleben. Er reißt dann die Augen auf und macht ein langes Gesicht. Seine Hosen sind enger geworden, sie drücken ihn in der Mitte zusammen, doch er will keine neuen Hosen, jedenfalls … Weiterlesen Enger.