Ulla steht im Wind.

Ulla steht im Wind, und der Wind, er zerrt an ihren Haaren, er zerrt an ihren Kleidern, er zerrt an ihrer Nase, vor allem an ihrer Nase, und manchmal gerät sie ein wenig ins Wanken, fällt beinahe um. Einst trat ein Mann zu ihr heran und sagte, ihre Nase sei so groß, geradezu riesig, die … Weiterlesen Ulla steht im Wind.

Langfinger.

In Gedanken legt er seine Hand auf ihren nackten Bauch, der Nabel verschwindet, doch die Muttermale bleiben, hingestreute Punkte, kleine und große, und dann schaut er zu, wie seine Finger zu wachsen beginnen, immer länger werden, sich strecken und über ihre Haut kriechen, über ihre Rippen hin zu ihren Brüsten, dann zu den Schultern und … Weiterlesen Langfinger.

Stolpern.

Er ist überzeugt, dass ein überzeugendes Auftreten wichtig ist, dass man mehr erreicht, wenn man in beeindruckender Weise Eindruck hinterlässt, er glaubt, dass man den Schein wahren muss, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, ganz nach oben zu gelangen, doch eines Tages geht er eine Treppe hinauf und ist in Gedanken bereits dort, wo er hin … Weiterlesen Stolpern.

Lena, Herr Rossi, Idris Elba und Cristiano Ronaldo.

Sie hat sich ein Meerschweinchen gekauft. Manchmal wird sie gefragt, warum sie sich dieses Meerschweinchen gekauft hat, und dann zuckt Lena mit den Schultern und sagt Einfach so, obwohl sie weiss, dass dies nicht stimmt. Es ist dennoch die richtige Antwort, denn es gibt dazu nichts zu sagen, findet Lena, es gibt nichts darüber zu … Weiterlesen Lena, Herr Rossi, Idris Elba und Cristiano Ronaldo.

Nach München.

Er ist eher ein Katzenmensch als ein Hundemensch. Er mag Katzen, mag ihre Eleganz, ihre Größe, er mag, dass sie ihren eigenen Willen haben und nicht irgendwelchen seltsamen Befehlen gehorchen. Draußen regnet es. Er ist drinnen, er sitzt im Zug, fährt bis nach München. Er hat keine Katze, dazu fühlt er sich nicht in der … Weiterlesen Nach München.

Opossum.

Es existieren mehr Möglichkeiten als Tatsachen, da ist mehr Fantasie als Realität, und die Welt, die sein könnte, ist ungleich bunter und reicher als die Welt, die ist. Luisa weiß nicht immer, wo die Grenzen liegen. Aber vielleicht ist es auch nicht wichtig, sie mit Bestimmtheit zu ziehen. Manchmal legt sie sich auf den Boden, … Weiterlesen Opossum.

Lehrer Herrmann.

Die Kinder, sie mögen Lehrer Herrmann. Er hat zwei Männer im Namen, den Herrn und den Mann. Seine Augen sind ganz klein, doch manchmal, wenn er redet, werden sie riesig groß, dann sieht es so aus, als würden sie gleich aus ihren Löchern kullern. Lehrer Herrmann wird nie laut, er ist immer freundlich, er macht … Weiterlesen Lehrer Herrmann.

Es kommt.

Leise rieselt der Schnee. Die Welt ist so dicht eingehüllt, dass fast nichts mehr klingt, nur in der Ferne glaubt sie das Brummen eines Schneeräumungsfahrzeuges wahrzunehmen. Sie schließt das Badezimmerfenster wieder und stellt sich vor den Spiegel, drückt sich ein wenig Körperlotion in die Handfläche und beginnt, ihre Haut einzureiben. Sie mag das, mag diese … Weiterlesen Es kommt.

Sein Raumschiff.

Manchmal, wenn die Nachtluft eisig kalt und der Himmel wolkenlos ist, blickt Leo hinauf zu den Sternen und denkt an sein Raumschiff. Er kann es förmlich sehen, dieses plumpe Gebilde, dessen Umrisse an ein großes D erinnerten, das wehrlos auf dem Rücken lag. Leo hat längst akzeptiert, was ihm zugestoßen ist. Er hat die Entführung … Weiterlesen Sein Raumschiff.

Ein Jahr in zwölf Gesprächen.

Januar «Frohes neues Jahr!» «Frohes neues Jahr!» «Ich mache mir eigentlich keine Neujahrsvorsätze. Dieses Mal schon.» «Ach ja?» «Ja. Ich habe mir vorgenommen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf die wichtigen Dinge. Auf die wichtigen Menschen.» «Wichtige Menschen?» «Ja. Gute Freunde.» «Bin ich… Öhm… Gehöre da…» «Ja. Ja. Natürlich.» «Da bin ich froh.» «Ich … Weiterlesen Ein Jahr in zwölf Gesprächen.

Engelbert.

Seitdem seine Haare immer spärlicher aus seiner Kopfhaut ragen und die kahlen Stellen stetig mehr Raum beanspruchen, blickt Engelbert seinen Freund Karl und dessen üppige Haarpracht mit wachsender Missgunst an, und diese Missgunst, sie behagt ihm nicht, denn eigentlich ist Engelbert kein missgünstiger Mensch, eigentlich ist ihm die Welt dann am liebsten, wenn es den … Weiterlesen Engelbert.

Schnitzel.

Eine Zeit lang bleibt alles still. Dann beginnt es wieder. Das dumpfe Hämmern ist gleichmäßig und eintönig, ein starrer Rhythmus. Sie betrachtet einen kleinen Fleck an der Decke. Er war schon immer da, der Fleck, so scheint es zumindest; sie kann sich nicht erinnern, dass da kein Fleck gewesen wäre. Der Fleck ist essenziell, und … Weiterlesen Schnitzel.

Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Sie hocken auf den Stühlen im Restaurant des Supermarktes und schauen mit leblosen Augen auf irgendwelche Punkte im Nichts. Vor ihnen auf den Tischen stehen Biergläser, schon von Anfang an halbleer. Manchmal trinken sie einen Schluck, aber nur einen kleinen, damit das Bier länger hält. Man muss die Dinge dehnen, sonst bleibt die Zeit ein … Weiterlesen Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Hitler töten.

Mindestens einmal pro Woche fährt Anja ans Meer. Obwohl, sie fährt nicht wirklich, der Weg ist nicht das Ziel, der Weg spielt keine Rolle. Sie ist einfach da, am Meer, ganz allein, die Luft ist salzig, der Horizont ist leicht gewölbt. Sie kann entscheiden, welche Stelle sie aufsucht, sie kann wählen, ob sie im Sand … Weiterlesen Hitler töten.

Sechs Finger.

Während Iris in ihrem Bett liegt und schläft, träumt sie davon, dass sie in ihrem Bett liegt und wach ist. Im Traum sieht sie, wie ihre Hand über ihren Körper gleitet. Viel mehr bleibt von diesem Traum nicht zurück, als Iris am nächsten Morgen erwacht, nur dieser Moment, mit ihrer Hand, ihrem Körper, ihrer Haut, … Weiterlesen Sechs Finger.

Enger.

Das Licht ist anders, auch die Farben. Das ist schon lange so, eine kleine träge Ewigkeit. Wenn er blinzelt, bleiben die Lider manchmal aneinander kleben. Er reißt dann die Augen auf und macht ein langes Gesicht. Seine Hosen sind enger geworden, sie drücken ihn in der Mitte zusammen, doch er will keine neuen Hosen, jedenfalls … Weiterlesen Enger.