Im Netz.

Manchmal denkt sie, ohne erkennbaren Anlass, an die Suffragetten oder an Simone de Beauvoir. Dann fühlt sie sich jeweils klein und unbedeutend, aber auch bestärkt und ein wenig stolz, alles im gleichen Moment. Die divergenten Empfindungen ziehen und zerren an ihr, schieben sie in alle Richtungen, dass sie ins Wanken und Stolpern gerät. Ihr morgendlicher … Weiterlesen Im Netz.

Hummel und Pinguin.

Jemand versucht, eine herannahende Hummel fortzujagen, und Eva sagt, dass eine Hummel eigentlich gar nicht fliegen können dürfte, bei Anwendung der physikalischen Gesetze und in Anbetracht von Körpergewicht und Flügelspannweite müsste ihr das Fliegen unmöglich sein. Trotzdem fliegt die Hummel, sagt Eva. Der triumphierende Ausdruck auf ihrem Gesicht mutet an, als hätte sie soeben alle … Weiterlesen Hummel und Pinguin.

Bambi.

Sie steht früh auf, noch bevor der Tag erwacht, denn jeder Sonnenaufgang ist ein Versprechen, und sie kann solche Versprechen gut gebrauchen, daran kann sie sich halten, zumindest so lange, bis sie loslassen muss. Sie macht einen Spaziergang, saugt die frische Morgenluft in ihre Lunge und bläst hinaus, was davon übrigbleibt. Auf einer Wiese am … Weiterlesen Bambi.

Ehemalige Kinder.

Sie haben im Trüben gefischt, haben mit schlecht gezimmerten Ködern nach dem Wesen der Zeit geangelt, aber nichts gefangen. Jetzt sitzen sie an einem Tisch, der viel zu klein ist, in einem Raum, der viel zu groß ist, und reden über nichts, das von Belang sein könnte. Sie entstammen jenem Zauberreich, in welchem alles wichtig … Weiterlesen Ehemalige Kinder.

Zehn Momente vor dem Jetzt.

Nachdem ein Vogel gegen das große Wohnzimmerfenster geflogen war und sich das Genick gebrochen hatte, ging Jonas der Gedanke durch den Kopf, dass dies ein unheilvolles Vorzeichen sei und dass etwas Schlimmes geschehen werde. Als eine Woche später sein Vater stirbt, hat Jonas den toten Vogel längst vergessen. Julia war überzeugt, dass David der Mann … Weiterlesen Zehn Momente vor dem Jetzt.

Liebenswert.

Sie macht mit ihrem Fingernagel kleine Kreuze auf der Haut. Sie tut dies bisweilen, wenn sie von einer Mücke gestochen wurde. Ihre Mutter meinte einst, dies würde den Juckreiz stillen. Sie weiß nicht, ob es tatsächlich stimmt, womöglich überlagert der leichte Schmerz, den das Kreuz ausgelöst hat, den Juckreiz lediglich. Im Moment ist da kein … Weiterlesen Liebenswert.

Die Welt im Kleinen.

Jedes Mal, wenn er seine leeren Bierflaschen zur Altglassammelstelle bringt, tut er doch eigentlich etwas Gutes, etwas Wertvolles, er rettet die Welt im Kleinen, er übernimmt Verantwortung, er beweist Achtsamkeit, doch er fühlt sich nicht achtsam, fühlt sich nicht wertvoll. An guten Tagen fühlt er gar nichts. Doch die guten Tage sind selten geworden. Vermutlich … Weiterlesen Die Welt im Kleinen.

Gleichgültigkeiten.

Er erinnert sich noch genau an jenen Tag. Dicke flockige Wolken hingen am Himmel, ein leichter Dunst lag über dem See, es war warm, ein zaghafter Wind wehte. Es war ein ermüdend normaler Tag, so schien es, und während er am Ufer stand, griff die Normalität auch auf ihn über; er verspürte eine gewisse Gleichgültigkeit, … Weiterlesen Gleichgültigkeiten.

Doppelt drehen.

Doppelt drehen. Doppelt drehen ist wichtig. Doppelt drehen macht sicher, macht sicherer. Der Metallbolzen ragt dann weiter in den Türrahmen hinein. Eigentlich weiß er, dass auch dann, wenn er nur einmal drehen würde, ziemlich sicher niemand in seine Wohnung eindringen würde. Wahrscheinlich nicht einmal dann, wenn er die Tür unverschlossen ließe. Trotzdem, sicher ist sicher, … Weiterlesen Doppelt drehen.

Ein Fußabdruck.

Sie machen die Straße neu, wieder einmal, neue Wege braucht das Land, alles will erschlossen sein, alles will erobert werden. Die Bauarbeiter hocken auf ihren Baumaschinen oder klammern sich an ein Werkzeug, und sie schauen grimmig, sie alle. Einer wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, ein anderer raucht eine Zigarette. Eine … Weiterlesen Ein Fußabdruck.

Der Teufel.

Sie vermag nicht einzuschätzen, wann es begann. Es dauert schon lange an, glaubt sie, doch die Zeit hat ihre Kalkulierbarkeit verloren; Stunden sind kaum von Tagen zu trennen, die Wochen sind Treibgut in einem trägen Fluss. In meiner Brust ballt der Teufel eine Faust. So lautet ihre Antwort, wenn jemand fragt, was los sei. Kaum … Weiterlesen Der Teufel.

Eigentlich ein Ei.

Am Anfang war das Huhn, und am Anfang war das Huhn ein Ei, doch eigentlich spielt es keine Rolle, es ist nicht von Belang, ein Ei ist eigentlich einerlei, und wenn man ein Poulet mit einer Mischung aus Salz und Eiweiss bedeckt, damit im auf 220 Grad vorgeheizten Ofen während 60 Minuten schliesslich eine schöne … Weiterlesen Eigentlich ein Ei.

Persona non grata.

Es kann sein, dass man nach einem Telefongespräch mit einem Menschen, den man schätzt oder mag oder liebt, den Hörer auflegt und die besagte Person bald darauf vom Tod erwischt wird, man selbst davon aber nichts erfährt, weil man nicht zum engsten Kreis und darum nicht zu jenen zählt, die direkt und persönlich informiert werden, … Weiterlesen Persona non grata.

Auf Grund.

Er hat einen ziemlich ungewohnten Nachnamen, doch sie bemüht sich gar nicht erst, sich die komplizierte Schreibweise einzuprägen. In absehbarer Zeit wird er nicht mehr dort liegen, wo er jetzt liegt, neben ihr im Bett. Sie wundert sich, dass sie manchmal neben ihm – oder neben anderen – einschläft, ganz nahe am anderen Körper, vielleicht … Weiterlesen Auf Grund.

Gehen und bleiben.

Da ist ein Totenkopf, auf einem Bild an einer Wand, da ist dieses knöcherne Etwas, das früher zu einem Menschen gehörte, zu einem Leben, zu tausend Gedanken und tausend Erinnerungen, und man fragt sich, was bleibt, wenn ein Mensch geht. Man fragt sich, wie viel von einem Menschen stirbt und ob etwas weiterlebt und wie … Weiterlesen Gehen und bleiben.

George Clooney.

Sie steht lange vor der Sonne auf, der frühe Vogel, weiß man ja, kennt man ja, doch meistens ist es noch viel zu dunkel, um etwas zu erkennen; sie sieht nichts, findet keine Würmer, höchstens Zweige, die so aussehen wie Würmer. Irgendwann kommen dann die anderen Vögel hervor, krächzen und kreischen und schlagen mit ihren … Weiterlesen George Clooney.

Pepe macht Schabernack.

Eigentlich heißt er ja Josef, doch weil er Paella und das spanische Temperament mag und schwarze Haare hat, nennt er sich José, und als er erkennt, dass José ein allzu häufiger spanischer Männername ist, bittet er jeden, ihn mit Pepe anzusprechen. Pepe passt zu ihm, Pepe klingt freundlich und nahbar, zumindest findet das Pepe. Wer … Weiterlesen Pepe macht Schabernack.

Dieser Körper.

Bisweilen befreit sie sich von diesem Körper, zieht ihn aus wie eine Taucherin ihren Neoprenanzug, hängt ihn an den Haken und muss sich zunächst daran gewöhnen, dass ihr Inneres freigelegt ist. Meistens legt sie sich dann ins Bett, deckt sich zu und wartet, bis sie in den Schlaf gleitet. Dort ist sie sicher. Eigentlich ist … Weiterlesen Dieser Körper.