Der Stürmer.

Die Sonne brennt auf der Haut, lässt die Schweißtropfen wie Perlen glitzern. Er atmet ein. Er atmet aus. Dann läuft er los. Die Rufe der Menschen zu allen Seiten vermengen sich zu einem Rauschen, ein betäubendes Brausen erfüllt die heiße Luft des Nachmittags. Sein Herz schlägt schneller, ungeahnte Kräfte treiben ihn immer weiter. Neben sich … Weiterlesen Der Stürmer.

Vier Hunde.

Sie sitzen nebeneinander, wie ein altes Paar, das sich im Fließen der Zeit die Liebe bewahrt hat, und vielleicht sind sie das, sind sich in Vertrauen verbunden. Es ist, wie es immer war, sie redet und er hört zu, er legt hin und wieder den Kopf schräg, doch er sagt nichts. Kein Werten, kein Bewerten, … Weiterlesen Vier Hunde.

Kopfscheiße und Danny DeVito.

Wenn die Sonne strahlte, es angenehm warm war, ein schwacher Wind Sommerdüfte durch den Tag schob und die ganze Welt ein pittoresker Haufen voller Harmonie, Pracht und Herrlichkeit zu sein schien, fand Felix die Gesamtsituation noch ekliger als sonst. Schon aus dramaturgischer Sicht war schönes Wetter enorm unpassend. Er hatte Probleme. Kopfscheiße, irgendwie. Er mochte … Weiterlesen Kopfscheiße und Danny DeVito.

Eine Prinzessin.

Das Licht schwindet, Abenddämmerung, die Straßen der kleinen Stadt sind leer, leblose Venen einer schlafenden Kreatur. Einige Laternen leuchten, zwei davon flackern. Ein kleines Mädchen, es hält die Hand der Mutter, hüpft über Risse im Asphalt. Die Mutter ist schön und stolz, ihr Rücken ist außergewöhnlich gerade, sie trägt einen kurzen Rock aus leichtem Stoff, … Weiterlesen Eine Prinzessin.

Eine unerfreuliche Situation.

Auf einer Holzbank an einer Bushaltestelle sitzt ein junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig, vielleicht auch dreißig Jahre alt, mit akkuratem Haarschnitt und glänzenden Lederschuhen. Man muss ihn nicht kennen, um zu ahnen, dass er entweder bei einer Bank, einer Versicherung, einem Wirtschafts- oder Beratungsunternehmen arbeitet. Sein Anzug ist zwar noch ein wenig zu groß, doch er … Weiterlesen Eine unerfreuliche Situation.

Im Innern, im Erinnern.

Vor den Fenstern ein lautes Krachen. Sie zuckt zusammen, doch die Augen bleiben geschlossen. Vielleicht ein Unfall, vielleicht eine Explosion. Vielleicht der Krieg, vielleicht die Apokalypse. Es ist ihr egal. Es ist weit weg. Es ist draußen. Sie ist im Innern, im Erinnern. Das krachende Geräusch verhallt, versickert in der Ferne, die unmittelbar nach den … Weiterlesen Im Innern, im Erinnern.

Der Tee wird kalt.

Sie beobachtet die Ziffern der kleinen digitalen Küchenuhr; die Zeit läuft rückwärts, drei Minuten verringern sich, schwinden und verschwinden, bis zum letzten leeren Viereck auf der Anzeige, vier identische Zahlen ohne Wert, und dann der stoische Signalton. Sie drückt einen Knopf, nimmt vorsichtig den Teebeutel aus der Tasse und legt ihn auf einen kleinen Teller, … Weiterlesen Der Tee wird kalt.

Trigonometrie.

Der A. mag den B. sehr gerne, sie bezeichnen sich als Freunde, als gute Freunde, und auch wenn sie als Männer nicht von Zuneigung sprechen mögen, ist das, was sie füreinander empfinden, genau das, was man gemeinhin unter Zuneigung versteht, und wenn man den A. mit der Frage überrascht, wer in seinem Leben besonders wichtig … Weiterlesen Trigonometrie.

Der Konsul von Gambia.

Er hatte ein kleines Unternehmen aufgebaut, und als Kraft und Motivation allmählich schwanden, legte er es in die Hände seines Sohnes, der es in seinem Sinne weiterführte. Der Vater, er war von ruhelosem Geist, auch wenn sich dies nie in aufdringlicher Weise zeigte. Er wirkte stets besonnen und geduldig, würdevoll. Nach dem beruflichen Rückzug konzentrierte … Weiterlesen Der Konsul von Gambia.

Das relative Meer.

Sie war noch nie am Meer, und wenn sie das sagt, sind die Leute überrascht. Echt jetzt? Aufrichtiges Erstaunen. Wirklich? Der Klang der Stimmen erzählt von Ungläubigkeit und Verwunderung, aber nicht selten auch von einer gewissen Herablassung, von den unliebsamen Seiten des Mitleids, von einem Ungleichgewicht in den Biografien. Danach folgt meistens das Belehrende. Da … Weiterlesen Das relative Meer.

Abhandenkommen.

Irgendwann werde ich nicht mehr da sein, sagt sie, und man kann kaum überrascht sein, auch wenn man leer schluckt und erfolglos nach Worten ringt. Es ist eine biologische Tatsache, unabwendbar und nachvollziehbar, außerdem kenn man den Satz seit Jahren, Jahrzehnten, hört ihn immer wieder aus ihrem Mund, manchmal seltener und beiläufiger, manchmal häufiger und … Weiterlesen Abhandenkommen.

T. und Raumschiff.

Irgendwann stand es einfach da, auf einem grünen Feld, weit hinter den Straßen und den Bürgersteigen, weit weg von den Dächern und gepflegten Gärten. Niemand wusste, woher es gekommen war und wer sein Auftauchen veranlasst hatte. Man war überzeugt, dass ein solches Unterfangen keinesfalls hätte unbemerkt bleiben können, und doch fiel das Raumschiff erst auf, … Weiterlesen T. und Raumschiff.

Die Seiltänzerin.

Die Luft ist staubig, so durchdringend staubig, dass man sich kaum vorstellen kann, wie das Bild ohne Staub aussähe. Der Boden wirkt sandig, so allgegenwärtig sandig, dass man sich in einer Wüste wähnt, und sehr viel, was man sieht, ist Boden. Das war nicht immer so, doch die Häuser, sie wurden eben diesem Boden gleichgemacht, … Weiterlesen Die Seiltänzerin.

Billy.

Man macht Fotos und stellt sie in die Regale aus lackiertem Holzfurnier, und während die Zeit unaufhörlich schrumpft, sammelt sich der Staub, setzt sich fest auf der Oberfläche, und mehr ist da nicht, mehr bleibt nicht übrig, alles ist Oberfläche, auch das Bild hat keine Tiefe, es ist nur ein erstarrter Moment in einem kleinen … Weiterlesen Billy.

Ein Moment ohne Ort.

Jemand sagte ihr einst, ein Moment erhalte seine Form erst im Rückblick, im Erinnern. In der Gegenwart, also in ihm selbst, lasse sich der Moment gar nicht erfassen und greifen. Somit, denkt sie sich, müsste jedes Bild, das man von einem Moment hat, erst nach diesem Moment entstanden sein. Was bedeuten würde, dass es gar … Weiterlesen Ein Moment ohne Ort.

An einem Sonntagabend.

Da war diese Frau. Nach dem Versinken des Tageslichts tauchte sie auf. Jeden Sonntagabend, immer wieder, ohne Unterlass, schon seit Wochen. Am Anfang ließ sich Besorgnis in den Augen der Leute ausmachen, eine kleinmütige Anteilnahme. Da waren Fragezeichen, zwar kümmerlich und in schludriger Schrift skizziert, aber immerhin. Warum ist sie nackt? Warum weint sie stumm? … Weiterlesen An einem Sonntagabend.

William Wilson und das ungewisse Etwas.

Der Satz steht da, auf einem Stück Papier, das an der Wand hängt, ausgeschnitten aus der Modestrecke eines populärkulturellen Magazins, wo es seltsam unpassend wirkte, weitaus unpassender als hier an der Wand. «Bis ans Ende der Welt floh ich vergebens.» Ein Fragment aus «William Wilson», einer Geschichte von Edgar Allen Poe. Ein Zusammenhang des Satzes … Weiterlesen William Wilson und das ungewisse Etwas.

Neun oder acht oder zehn.

An jedem vierzehnten Februar verschenkt sie neun oder acht oder zehn Blumensträuße, denn der Valentinstag ist schließlich der Tag der Liebe, und sie liebt neun Menschen, in manchen Jahren auch nur acht, in anderen sogar zehn, das ändert sich, zumindest ein wenig, fast alles ändert sich, verändert sich, da ist es gut, wenn manches bleibt, … Weiterlesen Neun oder acht oder zehn.