Großmutter ist müde.

Genug ist genug, sagt die Großmutter, ich bin müde, ich bin lebensmüde, und dann lacht sie kurz und wirkt dabei wie ein Kind, sie mag die Doppeldeutigkeit von Lebensmüdigkeit, auch ist sie gern amüsiert, das war schon immer so, sie war stets ein ziemlich fröhlicher Mensch, trotz allem, neben den Narben immer die Lachfalten, doch … Weiterlesen Großmutter ist müde.

Ein Mann mit Hut.

Er steht dort oben, der einsamste Mensch der Welt, alles ist dunkel, nur er ist erleuchtet, beleuchtet, das Scheinwerferlicht lässt Schweißtropfen aus seinen Poren dringen, mit dem Handrücken wischt er sich das fettige Glänzen von der Stirn und schiebt dabei den Hut ein wenig nach oben, es ist eine Melone, niemand trägt mehr Melonen in … Weiterlesen Ein Mann mit Hut.

Und sie wartet.

Der Tag beginnt schon, als die Nacht noch nicht zu Ende ist. Sie schlägt die Augen auf und die Decke zurück. Viel zu schnell steht sie auf, Schlaftrunkenheit raubt Gleichgewicht, sie wankt, aber sie fällt nicht. Draußen ist die Welt noch schwarz, die Dunkelheit fließt als zähe Masse in ihr Zimmer. Sie tritt ans Fenster … Weiterlesen Und sie wartet.

Terra.

Wir sind hier und jetzt, sind im Hier und im Jetzt, wir fühlen uns wohl hier und jetzt, was auch nicht verwundert, denn hier und jetzt ist es ziemlich flauschig und bequem. Wir liegen im gemütlichen Bett, mit einer warmen Decke und frisch gewaschenem Laken. Wenn wir schlafen, tun wir es mit einem Lächeln auf … Weiterlesen Terra.

Wartburg.

Er steht alleine am Rand der Autofähre, die grummelnd über den Bodensee gleitet. Es ist kalt und nass, vielleicht November oder Dezember, vielleicht auch Februar. Es ist egal, wie der Monat heißt, irgendwann spielen die Namen keine Rolle mehr. Joseph ist der einzige Passagier auf der Fähre. Da sind er und sein Wartburg und vielleicht … Weiterlesen Wartburg.

Vera.

Sie konnte alles haben, konnte jeden haben, und Vera tat, was Vera konnte, obwohl es nicht war, was Vera wollte. Sie wollte gar nicht alles haben. Auch nicht jeden. Irgendwann ist alles zu wenig. Und irgendwann riechen alle Männer gleich. Manchmal hätte sie Blumen pflücken wollen. Äpfel stehlen. Die Fenster putzen. Die einfachen Dinge. Sie … Weiterlesen Vera.

Chiaroscuro.

Da ist dieses Bild, wenn er die Augen schließt, ein Bild von ihr, ein Bild, das keine Flächen kennt, ein Bild mit mehr als zwei Dimensionen, da ist nicht nur Chiaroscuro, da ist mehr als nur die starke Kontrastierung von Hell und Dunkel, da ist die plastische Wirkung eines Bildes, er schließt die Augen und … Weiterlesen Chiaroscuro.

Finger.

Wir werden es alle gewusst haben, und auch wenn sich nichts ändern wird, und auch wenn es zu spät sein wird, werden wir sagen können, dass wir es gewusst haben, dass wir die Zeichen erkannt haben, dass es viele Zeichen waren, deutliche Zeichen, unzählige Fingerzeige, die eigentlich niemand hätte übersehen können, und wir werden sagen … Weiterlesen Finger.

Schwimmer.

Das Wasser ist kalt. Der Ozean ist zu groß und zu tief, als dass es jemals warm genug werden könnte. Sie weiß das und er weiß das und dennoch frieren sie. Daran kann man nicht viel ändern. Es wird angenehmer, wenn man sich bewegt. Irgendwie wird dann die Heizung unter der Haut aufgedreht. Schwimm mit … Weiterlesen Schwimmer.

Enttäuschende, Kinder.

In einem wunderbaren Film erzählt eine junge Frau davon, wie sie von ihrem Vater physisch und psychisch missbraucht wurde, doch sie schildert nicht die Fakten, sondern liest eine kurze Kindergeschichte vor, die sie geschrieben hat, und diese Kindergeschichte, sie handelt von einem Oktopus, der einen Freund sucht und glaubt, diesen in einem Hai gefunden zu … Weiterlesen Enttäuschende, Kinder.

Cephalopodophobie.

Spätestens in jenem Moment, als sie zum ersten Mal über den Tintenfisch sprach, hätte er es bemerken müssen. Sie waren acht oder elf Jahre ein Paar, und in dieser Zeit hatten sie nie über Tintenfische geredet. Nie. Tintenfische waren in ihrer Beziehung schlicht und einfach nicht präsent, waren kein Thema, standen nicht zur Debatte. Bis … Weiterlesen Cephalopodophobie.

Der Sündenbock.

Sie braucht ihn, braucht ihn dringend, braucht einen Sündenbock. Denn der Sündenbock ist das einzige Tier, das ihr helfen könnte, das einzige Tier, das sie retten könnte. Doch der Sündenbock, er ist des Einhorns finsterer Bruder, und wenn sie die Augen aufschlägt, zerfallen beide Kreaturen gleichermaßen im grellen Licht der Realität, fallen der Welt zum … Weiterlesen Der Sündenbock.

Moral und Anstand.

Um sich in Moral und Anstand zu üben, dürfte es wohl kaum einen besseren Lehrer geben als eine Person, die innerhalb einer Staatsregierung offiziell für diese Themen zuständig ist. Von Simon Lokodo müsste man also einiges lernen können, denn Simon Lokodo ist Minister für Moral und Anstand von Uganda. Der wunderbare und oftmals wunderbar unanständige … Weiterlesen Moral und Anstand.

Nicht bei Bewusstsein.

Der Kopf verliert sein Gewicht, verliert seine Masse, ein hohles Konstrukt ohne Druck und Ballast, die Ströme erstarren, die Zeit, sie bleibt stehen, und die Zeit, sie läuft weiter, sie treibt auseinander und reißt kleine Spalten ins Gefüge, schmale Ritzen, in denen alles verschwindet, wie Staub zwischen Dielen, und das gesamte Bewusstsein, über welches wir … Weiterlesen Nicht bei Bewusstsein.

Tempi passati.

«Ich hätte nicht gedacht, dich hier zu sehen», sagt er. Ich lächle ein wenig gequält und zucke mit den Schultern, was vielleicht ahnungslos wirken soll, doch natürlich weiß ich genau, was er meint. Ein wenig betreten blickt er zu Boden, seine Schuhspitze schiebt einen kleinen Stein über den staubigen Asphalt. Ich mag ihn noch immer … Weiterlesen Tempi passati.

Porzellan.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, und die Porzellankiste, sie fragt Vorsicht immer wieder, wer denn ihr Vater sei, doch Vorsicht schweigt, und die Porzellankiste wirft ihre Frage in immer größere Runden, doch niemand scheint eine Antwort zu kennen oder sich um die Ungewissheit der Porzellankiste zu scheren, und dieser schlägt die offensichtliche Vaterlosigkeit ziemlich … Weiterlesen Porzellan.

Tausend Jahre.

Sie ist tausend Jahre alt. Das Wasser schleift die Steine, trägt die Felsen ab, tiefe Furchen ziehen sich durch das Terrain, alles erodiert. Das Knacken im Gebälk, das Knirschen der Gelenke, und sie merkt, wie sie immer kleiner wird, gebückter geht. Das Blut droht zu gerinnen, kriecht zäh wie Honig durch die schmalen Kanäle. Sie … Weiterlesen Tausend Jahre.

Ohne Maja und Nils.

Als Kind mochte sie die Biene Maja, die war so frech und klug und gewitzt. Sie mochte den kleinen Maulwurf, der war so fröhlich und aufgeweckt. Sie mochte Nils Holgersson, der so viele Abenteuer erleben und mit den Wildgänsen fliegen konnte. Sie mochte die Figuren, sie mochte die flauschig weichen Geschichten, und obwohl sie wusste, … Weiterlesen Ohne Maja und Nils.