Abbiegen.

Sie betrachtet ihre Hände, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel treten hervor, ragen empor wie baumlose Hügel. Bei einem Knöchel blättert die Fassade ab, die Haut ist geschunden, aufgeplatzt, doch sie kann sich nicht erinnern, etwas oder jemanden geschlagen oder zumindest heftig berührt zu haben. Zaghaft streichelt sie den verletzten Knöchel mit dem Daumen der … Weiterlesen Abbiegen.

Der beste Roman, den ich je geschrieben habe.

Ich könnte ein Heilmittel gegen AIDS erfinden, den Hunger in der Dritten Welt nachhaltig tilgen und das am verführerischsten duftende Parfum aller Zeiten komponieren. Und noch immer würde ich größte Mühe bekunden, diese Leistungen, meine Leistungen, als gut oder gar besser als gut zu bezeichnen. Das ist nicht Understatement. Das ist nicht Bescheidenheit. Das ist … Weiterlesen Der beste Roman, den ich je geschrieben habe.

Wie es scheint.

Ein kleines Flugzeug fliegt über den Kongo, und wenn man aus dem kleinen Fenster auf den Fluss blickt, der in ruhigen Bahnen durch den dicht bewachsenen Regenwald zieht, glaubt man, dass dort unten das Paradies sein muss, eine verwunschene Welt mit wunderlichen Wesen und weicher Natur, man glaubt, dass sich unter den Baumkronen ein unberührtes … Weiterlesen Wie es scheint.

Ohrenbetäubend still.

Da war dieser Mann, der Kaffee trank, wie jeden Tag, eigentlich nichts Außergewöhnliches, eher Gewohnheit als Genuss, der Kaffee sah aus wie immer, schmeckte wie immer, doch als die Tasse leer war, blieben auf deren Boden braune Kaffeeresten zurück. Braune Kaffeeresten sind relativ häufig und wären auch an jenem Tag kaum bemerkenswert gewesen, hätten sie … Weiterlesen Ohrenbetäubend still.

Außer bei Regen.

Er stand jeden Tag vor dem Haus an der Straße, außer bei starkem Regen, dann war er wohl drin, saß an einem alten Eichentisch oder auf einem hellbraunen Sofa, jedenfalls sah man ihn nicht, sah nur Licht im Fenster, also war er da. Niemand schien wirklich etwas über ihn zu wissen, aber man kannte ihn, … Weiterlesen Außer bei Regen.

Die Träne im Ohr.

Der Nachhall treibt noch in der trägen Luft, das Pochen im Kopf verliert nur langsam an Intensität. Eine Träne ist wie flüssiger Honig über ihre Schläfe geschlichen, bis hin zu ihrem Ohr und hinein in den Gehörgang, ein einzelner Tropfen nur. Es fühlt sich seltsam an, störend und unangenehm, doch Lara bleibt reglos. Irgendwann wird … Weiterlesen Die Träne im Ohr.

Olaf und die egoistischen Feiglinge.

Er war doch so lustig, er war doch so gut. Jetzt ist er tot. Nun nennen sie ihn einen traurigen Clown, eine tragische Figur, ein einzigartiges Genie, einen großen Menschen. Und manche nennen ihn einen Feigling. Einen selbstsüchtigen, egoistischen Feigling. Weil er nicht an Krebs gestorben ist, nicht bei einem Verkehrsunfall, nicht bei einem Flugzeugabsturz. … Weiterlesen Olaf und die egoistischen Feiglinge.

Wirklich sehr gut.

Sie steht da, inmitten von lachenden Menschen, alle unterhalten sich über Triviales und Banales, alles wirkt luftig und leicht, nur bei ihr scheint die Schwerkraft stärker, die Schultern hängen, ihr Körper trägt ein unsichtbares Gewicht, und man könnte annehmen, ihre Füße würden tiefe Dellen im Boden hinterlassen, wenn sie einen Schritt zur Seite täte, und … Weiterlesen Wirklich sehr gut.

Bert und Anita.

Sie war ihm unweigerlich aufgefallen. Schöne Frauen fallen ihm meistens auf, und sie war außergewöhnlich schön, zumindest nach seinem Empfinden. Sie war mit einem Mann im Lokal, der offensichtlich ihr Freund oder Liebhaber war; sie saßen sich gegenüber, einige Meter von Bert entfernt. Immer wieder tauschten sie die Blicke aus, die man aus Filmen kennt, … Weiterlesen Bert und Anita.

Toni du Misgeburt.

Manchmal ist es gut, wenn man in Begleitung eines graphologischen Gutachters unterwegs ist, denn graphologische Gutachter können durchaus praktisch sein und verfügen zumeist über gut frisiertes Haupthaar. Doch jetzt und hier ist kein graphologischer Gutachter vonnöten. «Toni du Misgeburt» hat jemand an eine Hauswand geschrieben, und die wackligen Buchstaben und die orthographischen Unzulänglichkeiten lassen das … Weiterlesen Toni du Misgeburt.

Sie sehen alles.

Sie sind hunderttausend Jahre alt und neu geboren, immer wieder. Sie liegt auf ihm, ihr Rücken auf seinem Bauch, sie formen eine Einheit, und wie seine Hände über ihre Haut gleiten, drängend, verlangend, so berührt er auch sich selbst, in ihr. Es ist vollkommen dunkel, doch sie sehen alles, sie malen Bilder mit ihren Fingern … Weiterlesen Sie sehen alles.

Zahnfleischbluten.

Irgendwann, an irgendeinem Tag in irgendeiner Woche, putzte er sich die Zähne, und als er die Zahnpasta ins Spülbecken spuckte, hob sich vor seinen Augen diese bräunlich-gelbe Masse mit rötlichen Fetzen und Streifen vom weißen Porzellan ab, auch die Zahnbürste hatte sich auf diese Weise verfärbt, und er fand das merkwürdig, aber nur ein wenig, … Weiterlesen Zahnfleischbluten.

In ihren Augen.

Da war dieser Mann, der hatte eigentlich alles, und alles, was er hatte, fand er ganz fürchterlich. Das Geld, die klimatisierten Räume, die sogenannten Freunde, mit denen er teure Weine trank, den großen Tisch in seinem großen Büro, die goldene Uhr an seinem Handgelenk; dieser Dinge und ihrer vermeintlichen Kultur war er allmählich überdrüssig geworden. … Weiterlesen In ihren Augen.

Luftlöcher.

Er ist nicht sonderlich groß, wohl unter dem Durchschnitt, doch manchmal überragt er selbst jene, die auf den Schultern des Riesen stehen, sein Kopf reicht weit über die Wolken und die Brust droht zu explodieren, alles droht zu explodieren, die fast unerträgliche Schönheit der Welt hat nicht annähernd Platz in seinem hageren Leib, alles muss … Weiterlesen Luftlöcher.

Der Alpendoktor.

Frau K. spuckte. Nicht nur hin und wieder, nicht nur ein wenig. Sondern riesige Mengen. Bei jedem Wort. Das war mehr als nur eine feuchte Aussprache. Es grenzte an ein Wunder, dass sie beim Reden neben all dem Speichel auch noch Wörter zwischen ihren schmalen Lippen hindurch ins Klassenzimmer zu befördern vermochte. Wer sich als … Weiterlesen Der Alpendoktor.

Titicacasee.

Die Ehrfurcht vor der Felswand und der Nebel in den verwinkelten Tälern, das weite Schweifen des Blickes und das Stocken des Atems, das Paradies und Paris, all die Orte, von denen sie erzählen, all die Orte, die man sich ausmalt, weil die Schilderungen nur Strichzeichnungen bleiben, all die Orte; die Pyramiden von Gizeh und der … Weiterlesen Titicacasee.

Dynamit.

Er ist explodiert. Seit ihrer Hochzeit vor acht Jahren hat er Bier getrunken und gesalzene Erdnüsse gegessen. Nun ist er explodiert. Irgendwie. Jemand hat ihm eine Dynamitstange in den Arsch geschoben und die Lunte angezündet. Der Knall war überraschend leise. Jetzt hört sie sein Ächzen. Er sitzt noch immer im Wohnzimmer und sieht fern, zieht … Weiterlesen Dynamit.