Manipulation.

Das Bild vor ihm ist bunt, eine Welt aus Kaugummi und Regenbogen, die Farben sind hell und grell. Er weiß durchaus, dass dies nicht die Realität ist, sondern nur eine minutiös geplante Illusion. Er weiß, dass die Menschen, die er auf dem Bildschirm sieht, zwar echt sind, sich aber nur einer Inszenierung hingeben und eigentlich nur … Weiterlesen Manipulation.

Der Unsympath.

Er ist bekannt, aber man kennt ihn nicht, denn ein Kennen funktioniert nicht, man kann ihn nicht kennen, vor allem aber will man nicht, denn er ist nahezu horrend unsympathisch, und eigentlich könnte man ihn einfach ignorieren, ihm keinen Raum im eigenen Innern zugestehen, schließlich verdient er ihn nicht, aber er ist einfach da, wie … Weiterlesen Der Unsympath.

Palast.

Und dann ein Knacken, viel zu laut, um harmlos zu sein. Das Gebälk findet zum Schweigen zurück, doch aus einer Fuge im Holz rieselt hellbrauner Staub. Dann wieder ein Knacken. Dann wieder Stille. Nur der Atem, der durch den Raum stolpert. Und dann die Angst, der Palast stürze ein. Nicht lärmig und wütend und rauschend, … Weiterlesen Palast.

Bruchteile.

Die Finger stolpern zunächst zaghaft über die nackte Haut, beinahe schüchtern, als wäre da eine Gefahr, der sie sich zu erwehren hätten. Sie gleiten vorsichtig über den Hals und die Schulterknochen, suchen sich dann Wege zwischen den Brüsten hindurch zum Bauch, zu den Hüften, zum Schoss. Allmählich werden sie bestimmter, die Bewegungen drängender. Sich zu … Weiterlesen Bruchteile.

Fernsehabend.

Manchmal vergisst sie, wie groß seine Hände sind. Riesige Pranken, fleischig und breit, unverhältnismäßig groß im Vergleich zum restlichen Körper. Sie hat ihren Vater schon immer für seine enormen Hände bewundert. Vielleicht tut sie es noch immer, aber es fühlt sich anders an als früher. Die Hände der Mutter sind dagegen verschwindend klein, doch sie … Weiterlesen Fernsehabend.

Das Böse.

Da ist diese Frau, man begegnet ihr hin und wieder in der Innenstadt; sie ist außerordentlich hübsch, von der Seite betrachtet, doch nicht deshalb fällt sie auf, sondern wegen des Anblicks, den ihr Gesicht offenbart, wenn man den Blickwinkel ändert und sie von der anderen Seite sieht. Dort ist ihr Antlitz entstellt, die Gesichtszüge sind … Weiterlesen Das Böse.

Gleichartig.

Man geht durch die Stadt, die lärmige, die dröhnende, mit den hupenden Autos und den rufenden Menschen, den plärrenden Lautsprechern und dem konstanten Rauschen, und die Maus, die kleine Maus, man kann sie nicht hören, nicht einmal, wenn sie ganz laut piepst, so laut wie sie kann, ihr Piepsen geht unter, eigentlich taucht es gar … Weiterlesen Gleichartig.

Rost.

Das Fragezeichen ist wie das alte dunkelgrüne klapprige Fahrrad im Keller. Es ist da, und man weiß genau, wie man es verwendet, doch die Staubschicht wird dicker, die Spinnweben werden allmählich zu dünnen Tüchern. Man mag das Fahrrad durchaus, als Kind saß man stundenlang auf dem weichen Sattel, dessen Naht an der Seite ein wenig … Weiterlesen Rost.

Dort, ein Buch.

Einst, vor vielen Jahren, stand ich in einer Buchhandlung im engen Raum zwischen den Regalen und blätterte in einem Buch. Der Autor hatte Briefe an Firmen oder bekannte Persönlichkeiten geschrieben. Diese Briefe und die Antworten darauf waren abgedruckt. Das Buch schien unterhaltsam zu sein, es lag in der Humor-Abteilung auf, neben anderen Büchern, die mit … Weiterlesen Dort, ein Buch.

Negerschlampe.

Er ist noch ziemlich jung, als er zum ersten Mal daran denkt, mit einer schwarzen Frau Sex zu haben. Vielleicht ist es ein Erotikfilm, vielleicht ein Pornoheft; als er zum ersten Mal eine nackte schwarze Frau erblickt, verankert sich dieses Verlangen in ihm. Grundsätzlich mag er Schwarze nicht. Er nennt sie Neger und wischt jegliche … Weiterlesen Negerschlampe.

Tollwut.

Normalerweise fährt er weiter. Zwar betrübt ihn der Anblick, selbst wenn er nur eine Sekunde währt, doch er hält nicht an. Das arme Tier, denkt er vielleicht, und manchmal fühlt er sich böse, obwohl nicht er es war, der das Geschöpf zu Tode fuhr. Er hat noch nie ein Lebewesen überfahren. Aber es könnte geschehen, … Weiterlesen Tollwut.

Morgendliche Frage.

Hast du gut geschlafen? Er stellt ihr diese Frage jeden Morgen. Manchmal sagt sie Ja. Manchmal sagt sie Nein. Manchmal beschreibt sie die Qualität des Schlafes ausführlich. Manchmal bleibt sie einsilbig. Unabhängig davon, was sie ihm antwortet, reagiert er mit einem Nicken. Dann zuckt er mit den Schultern und murmelt etwas, das wie ein Summen … Weiterlesen Morgendliche Frage.

Ein langer Weg.

Da ist kein Blut, nicht einmal kleine Spritzer auf dem Hemd sind zu sehen. Da sind auch keine Leichen, keine leblosen Opfer. Trotzdem besteht kein Zweifel, dass er ein Mörder ist. Ein Serienmörder. Er weiß nicht, wie viele Menschen er bereits getötet und warum er es getan hat. Er weiß nicht einmal, in welchem Land … Weiterlesen Ein langer Weg.

Die Antwort.

Er war zärtlicher als andere, weniger egoistisch, das war angenehm, und obschon es nicht sonderlich ungestüm oder ekstatisch war, hatte sie einen Orgasmus, den ersten seit geraumer Zeit. Jetzt liegt er neben ihr und schaut sie an. Sie weicht seinem Blick aus. Das kann sie gut. Woher kommt die Traurigkeit in deinen Augen? Seine Frage … Weiterlesen Die Antwort.

Die Mausefalle.

Sie kann nicht schlafen, wie so oft in letzter Zeit. Ein kühler Wind weht durch das Kippfenster ins Innere des Schlafzimmers, und als sie die Bettdecke zurückschlägt und aufsteht, zittert ihr Körper kurz. Sie geht nach unten in die Küche, schaltet die kleine Lampe ein, gießt ein wenig Wein in eine Tasse und setzt sich … Weiterlesen Die Mausefalle.

So gut wie möglich.

Das Kind weint, und man müsste es doch trösten, das Herz eines Vaters lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu, aber man kann nicht, zumindest nicht richtig, es ist schwierig, denn man hat das Kind ja selbst zum Weinen gebracht, mit einem Tadel, der zwar nachvollziehbar ist, aber womöglich ein wenig übertrieben war, und nun weiß … Weiterlesen So gut wie möglich.

Hundert Mal schlimmer.

Die Zeit heilt keine Wunden. Man sieht die Sonne nur noch, wenn man sich umdreht. Die Medikamente schlagen nicht mehr an. Bei einem selbst verschuldeten Autounfall tötet man einen Menschen. Die Haut blättert ab. Man lebt in einem Kriegsgebiet. Die Knochenmarkspende brachte keinen Erfolg. Man darf nicht sagen, was man denkt. Man leidet an einer … Weiterlesen Hundert Mal schlimmer.