Vampire.

Zu Beginn war es nur ein kleiner Tropfen, ein roter Punkt, der sich an die Oberseite ihres Fingers heftete, nachdem sie ihre Nase berührt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass sie Nasenbluten hatte, deshalb machte sie sich keine Gedanken. Sie glaubte, das Bluten hätte bereits wieder aufgehört, doch sie irrte sich. Es wurde … Weiterlesen Vampire.

Ihre Lieder.

Sie hat eine Melodie im Kopf, passende Wortfetzen, die Idee eines Liedes. Sie glaubt, es wäre ein besonderes Lied, und sie möchte es festhalten, möchte es niederschreiben, so gut es geht, doch sie ist unterwegs, ohne Stift, ohne Papier. Sie sieht eine Telefonzelle, geht hinein, schließt die Tür. Sie singt das Lied in die hermetisch … Weiterlesen Ihre Lieder.

Die alte Kälte.

Man mag ihn nicht, hat ihn nie gemocht. Vielleicht hat man es zu Beginn noch versucht, aber nie wirklich geschafft, und irgendwann hat man dann wohl aufgehört, es überhaupt in Betracht zu ziehen. Man hat sich damit abgefunden, dass man gewisse Menschen liebenswert oder sympathisch findet, er aber nicht zu diesen Menschen zählt. Die Abneigung, … Weiterlesen Die alte Kälte.

Sie rennt.

Am Anfang sind die Schritte noch zaghaft, unsicher gar, ein vorsichtiges Tasten auf vorgegebenen Wegen. Die Straßen sind asphaltiert, die Gassen von Mauern gesäumt, dekorative Elemente aus Stahl oder Beton verleihen selbst kleinen Plätzen eine gewisse Struktur und Ordnung. Hin und wieder kommen ihre Füße von der Spur ab, doch sie korrigiert derartige Abweichungen rasch, … Weiterlesen Sie rennt.

Wilde Tiere.

Man träumt sich in einen Wald, grün die Blätter, grau die Luft, feuchte Kälte hängt zwischen den Bäumen. Einige Momente lang ist alles still, die Welt liegt gefroren in der Zeit. Doch plötzlich ein Knacken, ein Rascheln, einige Zweige, die sich abrupt biegen; ein Vogel fliegt auf, schwarz und krähend. Und dann beginnt die Raserei. … Weiterlesen Wilde Tiere.

Berührend.

Es war einmal ein Mann, der musste die Frauen berühren. Nicht alle Frauen, nur solche, die ihm gefielen. Nicht immer, aber hin und wieder. Er wusste, dass man das eigentlich nicht macht. Aber er musste es tun. Er konnte nicht anders. Manchmal, da wehrte er sich, sträubte sich, bisweilen sogar mit Erfolg. Doch dann wieder … Weiterlesen Berührend.

Eine Weise.

Sie war die älteste Frau im Dorf. Vielleicht war sie ein Elefant, vielleicht ein Geist, vielleicht eine hölzerne Statue, vom Leben geschnitzt. Man wusste es nicht, und man fragte sie nicht. Stattdessen fragte man sie alles andere. Die Kinder fragten nach dem Blau des Himmels, nach dem Donner und dem Blitz, nach der Körpergröße der … Weiterlesen Eine Weise.

Die Katze ist tot.

Die Katze fiel vom Fenstersims. Sie landete auf den Beinen, Katzen landen fast immer auf den Beinen. Das war natürlich erfreulich, und als die Katze offensichtlich unverletzt auf dem Asphalt stand, dürfte sie wohl auch eine adäquate Erleichterung verspürt haben. Zwar war es nur die zweite Etage gewesen, aus welcher sie gefallen war, doch in … Weiterlesen Die Katze ist tot.

Retro.

Früher waren da andere Farben in den Fotos. Da war mehr Gelb, da waren mehr rötliches Braun und mehr bräunliches Rot, da war weniger Blau, und wenn da Blau war, dann ein wärmeres Blau als heute. Die Kleider der damaligen Kinder wirkten dicker und wärmender als die Kleider der heutigen Kinder. Und wenn Bildbearbeitungsprogramme versuchen, … Weiterlesen Retro.

Das Erkennen.

Manchmal sind die Körper vergesslich, vielleicht auch nur abgelenkt oder träge, manchmal ist die Haut nicht viel mehr als die unterste Schicht der Kleidung, manchmal ist ein Kuss nur eine einstudierte Geste, ein Automatismus, und vielleicht gebührt diesen Begebenheiten durchaus Raum, vielleicht bedarf jedes gute Zusammenspiel einer gewissen Routine, wiederholter Übung, doch dann wieder, wenn … Weiterlesen Das Erkennen.

Bild ohne Ton.

In allen Bildern der verlorenen Zeit wohnt ein Klang; manchmal Musik, manchmal das eigene Atmen, laut und müde, manchmal auch nur das Rauschen, das bleibt, wenn alles schweigt. Alle Bilder, real oder irreal, tragen die Möglichkeit einer Geräuschkulisse, alle Bilder lassen sich in Gedanken vertonen. Nur dieses Bild nicht. Das Seil geht mitten durch den … Weiterlesen Bild ohne Ton.

Sie hieß Kurt.

Er war eine schöne Frau. Vielleicht nicht von außen, ganz sicher nicht aus der Distanz, aber womöglich aus der Nähe. Und hoffentlich im Innern. Merkwürdigerweise traf man sie stets an der Altglassammelstelle in der Nähe des Einkaufszentrums. Manchmal entsorgte sie ihre Flaschen dort, manchmal stellte sie auch einfach ihr Moped auf den Parkplatz neben den … Weiterlesen Sie hieß Kurt.

Ein Sack Reis.

«In China hat man vor den Olympischen Spielen 2008 etwa eineinhalb Millionen Menschen vertrieben, weil man dort, wo sie wohnten und beheimatet waren, eine Sportanlage bauen wollte.» Man weiß nicht, weshalb sie dies erzählt. Niemand sprach gerade von derlei Dingen. Die Diskussion drehte sich um Banales und war eigentlich gar keine Diskussion, sondern ein unkoordiniertes … Weiterlesen Ein Sack Reis.

Viel zu laut.

Da ist diese Liebe, vollkommen, unumstößlich, bedingungslos, wie sie wohl nur das eigene Kind auszulösen vermag. Ein Gefühl, das keines Hinterfragens bedarf, keiner Deutung; ein Gefühl, so klar und schön und gut. Und dann das. Man wird laut. Sehr laut. Viel zu laut für die Situation, viel zu laut für jede Situation. Ein Tadel wäre … Weiterlesen Viel zu laut.

Chuck Norris.

Die Kulisse ist beeindruckend und beängstigend zugleich. Schauplatz ist eine kleine Stadt in Afghanistan oder Irak oder Syrien, man ist da nicht kleinlich. Im Hintergrund ragen graue Betonruinen in den gelblich-grauen Himmel. Im Vordergrund türmen sich derweil Schutt und Geröll. Staub und Sand und Rauch vermengen sich mit der heißen Luft. Man hört Rufe, einige … Weiterlesen Chuck Norris.

Zumindest das Schweigen.

Mitunter sind die banalsten Sätze auch die unerträglichsten, den einfachsten Fragen folgen bedrückend komplizierte und dennoch unverbindliche Antworten. Man könnte fragen: Warum Krieg? Eine Frage, auf die schon Einstein und Freud in ihrem publizierten Briefwechsel keine abschließende Klärung fanden. Man könnte fragen, wohin man geht, wenn man am Ende angekommen ist, doch man weiß, dass die … Weiterlesen Zumindest das Schweigen.

Orion.

Der riesenhafte Jäger Orion befreite die Insel Chios von wilden Tieren. Dort verliebte er sich in Merope, die Tochter des Oinopion. Jedoch stimmte Oinopion einer Vermählung nicht zu. Wütend versuchte Orion, Merope mit Gewalt zu nehmen, was ihren Vater veranlasste, ihn betrunken zu machen und ihm die Augen auszustechen. Der erblindete Orion aber schritt gegen … Weiterlesen Orion.

Die Reifeprüfung.

Sie war Witwe geworden, lange bevor sie Großmutter wurde, und heute fragt sie sich, ob die Witwe und die Großmutter wohl die Frau in ihr vertrieben haben. Sie schaut einmal pro Monat Die Reifeprüfung, obwohl sie den Film gar nicht sonderlich mag. Ihre Tochter versichert ihr manchmal, sie sehe gut aus für ihr Alter, und … Weiterlesen Die Reifeprüfung.

Diese Leute.

Man nimmt an einer Kundgebung teil, es geht um den Frieden, es geht um Flüchtlinge, um Respekt, da sind Regenbogenfarben und klare Worte auf Transparenten, man geht durch die Gassen der Stadt, einige hundert Menschen vielleicht, jung und alt, hell und dunkel, fröhlich und nachdenklich, laut und leise; man bewegt sich vorwärts, den Schaufenstern und … Weiterlesen Diese Leute.