Leichenwagen.

Er steht neben dem toten Körper. Das Wort Leiche widerstrebt ihm. Es wirkt so leer, so unpersönlich. Es klingt wie etwas, das nicht mehr funktioniert. Natürlich trifft dies eigentlich auch zu. Trotzdem möchte er den toten Körper nicht Leiche nennen. Auch wenn es nur eine Taube ist. Nur eine Taube. Nur. Die Beine ragen wie … Weiterlesen Leichenwagen.

Stimmbänder.

Wenn er in den Keller geht, dann nicht zum Lachen, sondern meistens, um seine Stimmbänder zu trainieren. Es geht ihm nicht um Klangfarbe oder Intonation, das Timbre ist ihm egal, überhaupt ist er ein furchtbarer Sänger. Trotzdem arbeitet er an seiner Stimme, damit sie möglichst lautstark wird. Lautstärke ist alles, findet er. Er sagt Dinge … Weiterlesen Stimmbänder.

Ja.

Das Kind hat diese Angewohnheit, man könnte es Spleen nennen oder Marotte, jedenfalls hängt es bei manchen Sätzen ein Ja ans Ende, einfach so oder vielleicht, um die Aussage zu verstärken. Der Lego-Mann kann sehr hoch springen, höher als ein Haus, ja. Häufig ist der Blick des Kindes dann ernsthaft und sehr fokussiert. Die Dinosaurier … Weiterlesen Ja.

Das letzte Kind.

In den kalten Nächten gefriert die Zeit, die Kühe geben nur noch saure Milch, auf riesigen Halden in entlegenen Gebieten verrottet altes Fleisch, in den Supermärkten sammelt sich Staub auf leeren Regalflächen, in den Krankenhäusern flackern einige letzte Lampen in stummen Korridoren, und er taumelt durch diese Welt, der jede Wärme entzogen ist, stolpert über … Weiterlesen Das letzte Kind.

Irreführende Werbung.

Was ist schon Wahrheit, sagt er, und zuckt mit den Schultern, und womöglich weiß er es tatsächlich nicht. Er wischt sich ein wenig Staub vom Hemd, vielleicht sind es auch Hautschuppen. In einem merkwürdigen Automatismus sieht er den Zerfall, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Sie lässt ihre Finger über die Haut gleiten. Sie ist … Weiterlesen Irreführende Werbung.

Keine wirkliche Geschichte.

An einem Dienstagabend im Januar konnte man auf einigen Nachrichtenplattformen im Internet die Meldung lesen, dass in Kalifornien eine Schießerei in einem Militärkrankenhaus im Gange sei. Ein aktiver Schütze sei im Gebäude unterwegs, Angestellte und Patienten sollen sich verstecken, wegrennen oder kämpfen. Mehr sei derzeit nicht bekannt. Es hätte eine wirkliche Geschichte werden können. Nicht … Weiterlesen Keine wirkliche Geschichte.

Zwei Kollisionen.

Du verdammtes Arschloch, ruft man in die kühle Morgenluft, doch niemand hört die Worte, erst recht nicht der Fahrer des mittelgroßen Lieferwagens, der soeben beim Wegfahren von der Tankstelle eine mittelgroße Delle im Blech des mittelgroßen Autos hinterlassen hat, das nun verletzt an der Tankstelle steht, und womöglich hat der Fahrer des Lieferwagens sein Missgeschick … Weiterlesen Zwei Kollisionen.

Weiße Finger.

Es geschieht mitunter sogar an warmen Sommertagen, vor allem aber dann, wenn die Luft frisch und kalt über die Gassen und Felder zieht; ihre Finger werden klamm, kühlen ab bis auf die Knochen, und schließlich verlieren sie Blut und Farbe, werden weiß und taub und starr. Und obwohl der Haut jegliche Empfindsamkeit fehlt, ist da … Weiterlesen Weiße Finger.

Rasiert.

Er war Hausmeister einer Schule. Die Schule war klein, aber er war groß. Er war beinahe zwei Meter hoch, doch er wirkte seltsam zierlich und unscheinbar, er ging stets ein wenig gebückt und überdies den Menschen gern aus dem Weg, und wenn man ihm begegnete und ihn anschaute, wichen seine Augen den Blicken aus. Manchmal … Weiterlesen Rasiert.

Ungespielt.

Da wohnt niemand mehr, da klammert sich nur noch der Staub der vergangenen Zeit an die Dinge, da trägt jeder Widerhall nur noch ein ewiges Schweigen mit sich. Das Pulsieren ist vorbei, der Fluss ist ausgetrocknet, alles ruht. Irgendwo steht ein Klavier, doch wenn niemand mehr die weißen und schwarzen Tasten drückt, erklingt kein Ton … Weiterlesen Ungespielt.

Wasserfarbenbild.

Auf einem Flohmarkt siehst du ein Gemälde, ein fürchterlich kitschiges Wasserfarbenbild, es zeigt eine klischeehafte Szene in Paris, mitsamt Metro-Schild und Eiffelturm im Hintergrund, und deine Lider drängen nach unten, um deine Augen vor dem Anblick zu beschützen, doch du wehrst dich, starrst noch einige Sekunde auf das entsetzliche Werk, nicht nur, weil das Hässliche … Weiterlesen Wasserfarbenbild.

Altpapier.

Sie wohnte im großen Backsteinhaus am Ende der Straße, in diesem unförmigen Brocken mit breiten Wänden und riesigen Fenstern. Hin und wieder sah er sie, wie sie auf hohen Schuhen über den Asphalt ging, ruhig und beinahe schwebend. Sie war schlank, ihr Rücken außergewöhnlich gerade, die hellen Haare flossen in sanften Wellen ihrem Gesicht entlang, … Weiterlesen Altpapier.

Kokosnusslikör.

Am Ende eines warmen Tages saß man dort, am Waldrand beim kleinen Felsen. Ein Feuer brannte, mitunter viel zu heiß und hell. Man trank Bier und Wein und klebrigen Kokosnusslikör, man rauchte Gras und Zigaretten, und hin und wieder lachte jemand völlig ohne Grund. Aus einem kleinen Radio mit CD-Spieler erklang Musik von Tocotronic. So … Weiterlesen Kokosnusslikör.

Beileid.

Manche Menschen tragen eine gewisse Herzlichkeit in sich, da ist Wärme in den Augen, ein inneres Strahlen sogar, man glaubt, das pulsierende Herz erkennen zu können, aber sie, sie gehört nicht zu diesen Menschen; ihre Lippen sind schmal und oftmals zusammengekniffen, die Augen häufig zu dünnen Schlitzen geformt, die nur ausgetrunkene Blicke entweichen lassen, ihre … Weiterlesen Beileid.

Kaugummi.

Am Boden klebt ein Kaugummi, ganz alt und hellgrau und zertreten. Sie blickt auf den runden Fleck auf dem Asphalt und schüttelt den Kopf. Manchmal wundert sie sich über die Leute, die ihre Kaugummis auf den Bürgersteig spucken. Diese Bequemlichkeit ist ihr zuwider, sie sieht nicht ein, weshalb die Kaugummis nicht einfach im Mülleimer entsorgt … Weiterlesen Kaugummi.

Socken, selektiv.

Es war warm am einzigen Abend mit ihr, trockene Grashalme kitzelten die Stellen zwischen den Zehen, man war barfuß im Park, und irgendwann wurde es dunkel, und man zog sich Socken und Schuhe wieder an, warum auch immer, denn es war nach wie vor warm, doch eigentlich ist es egal, es spielt keine Rolle, was … Weiterlesen Socken, selektiv.

Die 33 Fragezeichen, Teil 2.

Wann wird ein Moment zur Vergangenheit? Wann wird Vergangenheit zur Geschichte? Wer entscheidet, was Geschichte macht? Wann merkt man, ob Geschichte geschrieben wurde oder lediglich eine Fußnote, wenn nicht sogar nur leere Worte? Wenn die Vergangenheit nur eine Geschichte ist, die wir in Worte kleiden, sind wir dann nicht einfach Märchenerzähler mit einem Anspruch auf … Weiterlesen Die 33 Fragezeichen, Teil 2.