Die Fotografin.

Ihr Mann zuckt mit den Schultern, murmelt etwas und räuspert sich, ihre Mutter wischt sich die Hände an der Schürze ab und zieht die Nase hoch, ihr Vater schaltet auf einen anderen Fernsehkanal, und die Freundinnen, die guten wie die austauschbaren, sie finden es ganz toll und wechseln dann das Thema. Sie hat bei einem … Weiterlesen Die Fotografin.

Die Haut wirft Falten.

Wenn er nackt im kalten Badezimmer steht und seinem Körper entlang nach unten blickt, sieht er den Penis eines alten Mannes. Er nimmt ihn zwischen die Finger, dreht und wendet ihn lustlos. Er fühlt sich klein und fremd an, ein absonderliches Ding, die Haut wirft Falten, aber das tut sie am gesamten Körper. Das Hautkleid … Weiterlesen Die Haut wirft Falten.

Werner und die Suffragetten.

Werner sagt, dass die Frauen endlich aufhören sollen, sich zu beklagen, schließlich hätten sie es ja gut, im Vergleich zu früher, im Vergleich zu anderen Ländern, so ganz allgemein und grundsätzlich, und dann zieht er die Nase hoch, macht einen unlustigen Witz und lächelt schief. Werner hat keine Ahnung, wer Emmeline Pankhurst und Emily Davison … Weiterlesen Werner und die Suffragetten.

Luigi und Gandhi.

Sein Name war Luigi, zumindest stand dieser Name auf dem kleinen Holzschild, mit welchem er seinen Imbisswagen beschriftet hatte, und damals glaubte sie fast alles, was sie sah, vor allem am Strand in der Nähe von Pescara an der italienischen Adriaküste. Sie war sieben Jahre alt, acht Jahre alt, dann neun, dann zehn, elf, zwölf, … Weiterlesen Luigi und Gandhi.

Hitler und der Zölibat.

In einer kleinen Gemeinde im Montafon verteidigt ein Pfarrer den Zölibat. Im Pfarrblatt schreibt Eberhard Amann unter anderem, dass die Neomarxisten nicht nur den besagten Eheverzicht zerstören möchten, sondern auch das Bollwerk der Einehe und die Familie an sich. Um Sinn und Zweck des Zölibats zu verdeutlichen, zieht der Pfarrer dann einen merkwürdigen Vergleich. «In … Weiterlesen Hitler und der Zölibat.

Teenager.

Man sitzt im Zug und liest, eher von Langeweile denn von Interesse getrieben, eine Zeitschriftenkolumne, verfasst von einem Herrn, dessen Jugendjahre offensichtlich unter dickem Staub vergraben liegen, denn genau darüber schreibt er, über die Jugendjahre, nicht über seine eigenen, sondern über jene der Menschen, die sie gegenwärtig erleben, und jeder Satz schreit förmlich nach größtmöglicher … Weiterlesen Teenager.

In ihrer Haut.

Die ersten Konturen schälen sich aus der Nacht. Kühles Licht in Grau und Grün tastet sich in den Raum. Marina hat erneut in ihren Kleidern geschlafen. In ihrem Hals steckt ein Stück Jutestoff, zumindest fühlt es sich so an. Das Schlucken fällt schwer, der Kopf schmerzt, da ist ein merkwürdiges Dröhnen und Fiepen. Aber Marina … Weiterlesen In ihrer Haut.

Moon River.

Er besucht seinen Vater im Krankenhaus. Eine Hüftoperation, nicht bedrohlich, aber notwendig. Man werde halt älter, sagt der Vater und wirkt dabei jünger als noch einige Monate zuvor. Dann erzählt der Vater von jenem Mann, mit dem er in den letzten Tagen das Krankenhauszimmer geteilt hat. Der ist vorhin gegangen, musste direkt weiter in die … Weiterlesen Moon River.

Salbe.

Man geht wegen Rückenschmerzen zum Arzt, und dieser stellt einige Fragen, macht einige Tests, verschreibt dann einige Medikamente und eine Salbe, und bei der Salbe hat man zwei Produkte zur Auswahl, eine rote Tube mit trivialen grafischen Symbolen und eine blaue Tube mit grünen Pflanzen, und man denkt, dass die blaue Tube mit den grünen … Weiterlesen Salbe.

Saba und Momo und Pepe.

Er sagt den Leuten, sie sollen ihn einfach Saba nennen. Eigentlich heißt er Sabahudin, doch er will niemandem das Aussprechen des ganzen Namens aufzwingen, er will auch keine Ursprünge erläutern; überhaupt will er möglichst nicht zur Last fallen. Momo ist einer von denen, die man die Jungen nennt, und eigentlich kann er diesbezüglich kaum widersprechen. … Weiterlesen Saba und Momo und Pepe.

Richtung.

Sie liegt auf ihrem Rücken und auf ihm, er liegt unter ihr und auf dem Bett. Ihre Augen sind geschlossen, es wäre sowieso zu dunkel, um etwas zu erkennen, und dennoch blicken sie in die gleiche Richtung. Seine Hände gleiten über ihren Körper, energisch und forsch, eine ungewohnte Vehemenz, die von Lust und Verlangen erzählt … Weiterlesen Richtung.

Auf dem Balkon.

Er weiß nicht, wann genau ein Mann zu einem alten Mann wird, doch er weiß, dass dieser Moment weit hinter ihm liegt. Seine Hände sind von Flecken übersät, und manchmal, wenn er sie zu Fäusten ballt, werden sie von unsichtbaren Messern durchbohrt. Ansonsten ist er gesund. Das Wort rüstig findet er furchtbar. Wenn er sie … Weiterlesen Auf dem Balkon.

Ungereimtheiten.

Will man sich einen Reim auf die Dinge des Lebens machen, ist man mit der englischen Sprache oftmals besser bedient. Hier finden zum Beispiel rain und pain ganz harmonisch zusammen, pain wird vom rain einfach weggewaschen, was eine überaus reinigende und befreiende Prozedur zu sein scheint. Auf Deutsch reimt sich vieles auf Regen, aber legen … Weiterlesen Ungereimtheiten.

Schrauben.

Sie würde die Schrauben am Türschloss wieder festdrehen müssen. Es war ein altes Haus, und wenn jeweils eine Tür zu heftig zugeknallt wurde, lösten sich die Schrauben aus dem Gewinde. Seine Worte hingen noch im Raum, wie der hartnäckige Geruch von faulenden Äpfeln. Ich gehe. Sie wusste nicht, wohin er zu gehen gedachte, was er … Weiterlesen Schrauben.

Flüchtling.

Herr Talpa war eigentlich ganz glücklich. Er hatte sich ein schönes Heim geschaffen, weit verzweigt und durchaus stabil, mit mehreren Ausgängen und zahlreichen Rückzugsmöglichkeiten. Es war vielleicht nicht viel, aber es war ein Zuhause, und Herr Talpa kannte nur wenige Worte, die schöner waren. Manchmal, wenn er auf Artgenossen traf, erzählte er beinahe übermütig von … Weiterlesen Flüchtling.

Was ist dir lieber?

Was ist dir lieber; dass ein Elefant dein Badewasser austrinkt, ein Vogel dein Mittagessen stiehlt, ein Schwein deine Kleider anzieht oder ein Nilpferd in deinem Bett schläft? Eine gute Frage. Sie entstammt einem Kinderbuch von John Burningham. Darin stehen noch andere erfreuliche und unerfreuliche Möglichkeiten zur Wahl, unter anderem kann man sich zwischen Spinnenschnitzel, Schneckenknödel, … Weiterlesen Was ist dir lieber?

Eine Ahnung.

Vielleicht gibt es das Wissen, das definitive, erst im Rückblick, vielleicht ist alles, was gerade ist oder noch kommt, nur Glauben und Hoffen und Bangen, und vielleicht ist dieses nur gar nicht angebracht, und manchmal redet man voller Bitterkeit und betrübtem Zorn davon, dass man keine Ahnung von Liebe habe, und vielleicht weiß man, dass … Weiterlesen Eine Ahnung.

Vergeblich.

Als sie ein Kind war, sprach ein alter Mann im Religionsunterricht von Vergebung. Sie schaute aus dem Fenster auf die kleine Wiese vor dem Schulhaus. Dort stand ein Baum, und auf dem Baum saß ein Vogel, und der Vogel sang ein Lied, und obwohl sie es nicht hören konnte, wusste sie, wie es klang. Sie … Weiterlesen Vergeblich.

Das Gift im Zahn.

Womöglich spielt es keine Rolle, wann es begann und weshalb. Die Details verlieren zunehmend an Relevanz. Im Vergleich zum Aufbau, zur Formung verläuft der Zerfall meistens in größeren Stücken, in groben Brocken, die sich lösen und zu Boden stürzen, häufig stumm und kaum bemerkt. Hin und wieder blättern sie in den alten Fotoalben auf der … Weiterlesen Das Gift im Zahn.