Das Gästezimmer.

Sie wirft die alten Blumen in den Komposteimer, spült die Vase aus, füllt frisches Wasser auf und stellt neue Blumen in die Vase. Tulpen, dunkelrot und weiß. Dann geht sie ins Gästezimmer und platziert die Vase auf dem kleinen Tisch am Fenster. Sie sieht sich aufmerksam um, lässt den Blick über Mobiliar und Flächen gleiten, … Weiterlesen Das Gästezimmer.

Wahrscheinlich.

Ein zäher Nebel hat die abendliche Landschaft durchdrungen, in der Dämmerung ragen Straßenlaternen und Bäume dunkel in die graue Masse, die Häuser schälen sich schemenhaft aus dem Dunst, wenn man sich ihnen genügend nähert. Die Welt reduziert ihre Ausdehnung, jede Weite scheint ausgemerzt. Er fährt mit dem Auto über nahezu leere Straßen, der Blick klammert … Weiterlesen Wahrscheinlich.

Wider Erwarten.

Du musst dein Zimmer aufräumen, du musst lesen, du musst schreiben, du musst Danke sagen, du musst höflich sein, du musst addieren und subtrahieren und multiplizieren und dividieren, du musst ein Instrument spielen, lieber Geige als Gitarre, du musst pünktlich sein, du musst lernen, du musst dir Mühe geben, du musst auf die Zähne beißen, … Weiterlesen Wider Erwarten.

Eine Busfahrt.

Die Busse klingen anders als früher. Sie knattern und dröhnen nicht mehr, sie röcheln und husten nicht mehr. Heute hört man ein tiefes Brummen und ein hohes Sirren, das immer wieder anschwillt und abklingt. Mehr nicht. Alles andere wird unterdrückt, und dieses Unterdrücken ist anstrengend, so scheint es. Jedes Mal, wenn der Busfahrer an einer … Weiterlesen Eine Busfahrt.

Ein Leben.

Bei deiner Geburt ist die Nabelschnur eng um deinen Hals gebunden, wie ein dünner Schal oder ein Krawatte, wie ein Tau, und als du zur Welt kommst, tust du es ganz still und dunkelrot, nahezu blau, und eigentlich könnte dein Leben enden, bevor es beginnt, doch der Arzt gibt sein Bestes und sein Bestes ist … Weiterlesen Ein Leben.

Die Leiche.

Da war diese kleine Hütte, sie stand am Rande einer kleinen Lichtung im Wald, direkt neben einem abgestorbenen Baum. Üppiges Grün umwucherte das Fundament, das Holz wirkte morsch und wies unzählige Löcher und Lücken auf. Die wenigen Fenster waren zwar in den meisten Fällen noch intakt, doch das Glas war seltsam schwarz und ließ keinen … Weiterlesen Die Leiche.

Socken.

«Irgendwann wird das Lügen zum Reflex. Irgendwann erzählen sich die Geschichten von selbst, und es sind nicht mehr wirklich deine eigenen, deine wahrhaftigen Geschichten. Man wird zum Protagonisten in einem Theaterstück. Ich kann das nicht mehr.» «Und was willst du tun?» «Aufhören.» «Inwiefern?» «Einfach aufhören.» «Aha.» «Ja.» «Gibt’s keinen anderen Weg?» «Es gibt immer einen … Weiterlesen Socken.

Die Spinne.

Jeder Raum ihrer neuen Wohnung ist Brachland, jeder Winkel erzählt von einem neuen Anfang, die Wände sind nackt, als wären sie gerade erst zur Welt gekommen. Der Geruch von Farbe hängt noch in der Luft, vermengt mit den süßlichen Vanillenuancen der Duftkerzen, die sie anzuzünden pflegt. Sie ist ebenfalls häufig nackt, wie frisch geboren, will … Weiterlesen Die Spinne.

Sieben Tage.

Paul steht neben dem alten Toyota, seine Hand umklammert die Oberkante der geöffneten Fahrzeugtür. Mit ruhigem Blick schaut er die Straße hinunter, eine jener vielen Straßen, die nun vor ihnen liegen. Er stellt sich vor, wie er in einem Film mitspielt, und die Kamera betrachtet ihn, wie er regungslos da steht, neben dem alten Toyota, … Weiterlesen Sieben Tage.

Die Geschichten im Blick.

Manche Menschen tragen ihr Herz in den Augen, vor allem, wenn es schwer ist. Sie war ein solcher Mensch. Ihre Blicke erzählten traurig-trübe Geschichten, die womöglich gar keine richtigen Geschichten waren, höchstens Fragmente, Skizzen. Aber was sind schon richtige Geschichten? Manchmal reichen sechs Wörter, um eine Geschichte zu erzählen. Und ihre Blicke brauchten nicht einmal … Weiterlesen Die Geschichten im Blick.

Unverschoben.

Wenn sie ehrlich mit sich ist, klappt die Sache mit dem Glücklichsein vor allem dann, wenn sie die Augen schließt. Aber Dina ist nicht sonderlich gut darin, ehrlich mit sich zu sein. Am Anfang ist alles schwarz. Dann rötlich, ein dunkles Orange vielleicht. Dann kommen die Bilder. Dina kennt die Frau nicht, und dennoch wirkt … Weiterlesen Unverschoben.

Grob und fies.

Er hatte diesen unförmigen, massigen Körper, er war ein Klumpen Fleisch, rudimentär getarnt als Schulkind. Er war weder klug noch witzig, er war nicht liebenswürdig, er war nicht umgänglich, aber er war groß und stark, größer und stärker als die restlichen Kinder. Und er war laut. Manchmal machte er sich die Mühe, einen Grund vorzubringen, … Weiterlesen Grob und fies.

Der Berg im Fenster.

In seinem Kinderzimmer hingen Poster an der Wand, Bilder von Queen und Kim Wilde und den Blues Brothers, immer wieder andere Gesichter, stetig wechselnde Idole an drei Wänden seiner kleinen Welt. Die vierte Wand war keine Wand, sondern die Fensterseite, mit drei gleich großen Fenstern, und dort waren keine Popstars zu sehen. Dort stand ein … Weiterlesen Der Berg im Fenster.

Spurlos.

Mitten in der Nacht wacht sie auf, gerät in einen Dämmerzustand und hat das Gefühl, dass jemand neben ihr liege. Es ist nicht unangenehm, dieses Gefühl, doch als sie realisiert, dass es eigentlich gar nicht möglich ist, dass jemand bei ihr im Raum ist, zuckt sie zusammen und reißt die Augen auf. Sie blinzelt in … Weiterlesen Spurlos.

Björn Borg.

Seine Hände sind warm und weich, so warm und weich, dass sie erschrickt und zusammenzuckt. Sie entschuldigt sich für ihre Reaktion, doch er schweigt. Maria weiß nicht genau, wann sie zum letzten Mal von einem Mann berührt worden ist, wirklich berührt, bewusst. Vielleicht ist es fünfzehn Jahre her, wahrscheinlich mehr. Damals war es Hugo, ihr … Weiterlesen Björn Borg.

Das Eis schmilzt.

Es wird allmählich zu heiß, und dennoch friert man immer heftiger. Keine Angst, flüstert die Großmutter, keine Angst, doch die Großmutter, sie ist längst tot, wurde zunächst kalt, dann hat man sie verbrannt. Man erinnert sich daran, wie man einst in ihrer Küche stand und die Hand auf die Herdplatte legte, um herauszufinden, ob sie … Weiterlesen Das Eis schmilzt.

In der Klinik.

Sie hat sich nicht abgemeldet, hat niemanden informiert, hat niemandem erklärt, wohin sie geht, weil sie dann hätte erklären müssen, weshalb sie dorthin geht, und das wäre ihr wohl kaum gelungen. Von der verlassenen Anlage hatte sie durch Zufall erfahren; in einem Café hatte ein Mann einer Frau erzählt, dass er dort Fotoaufnahmen gemacht hatte, … Weiterlesen In der Klinik.