Der Friseur.

Man war längst kein Kind mehr, aber auch noch nicht wirklich erwachsen; man taumelte irgendwo dazwischen, in einer Schleuse zwischen den Zeiten, diffus und verführerisch zugleich. Manche standen auf wackligen Beinen im Berufsleben, andere studierten, wieder andere überlegten noch, was auch immer. Einige wohnten noch bei ihren Eltern, einige hatten bereits ihre eigenen Wohnungen, klein … Weiterlesen Der Friseur.

54 Textfragmente für Glückskekse.

Für die Kulturlandsgemeinde 2017 in Herisau unter dem Motto «grösser glücklicher gerechter» entstanden 54 Textfragmente, die sich im weitesten Sinne mit Glück, mit Optimierungen, mit Lebenskunst und Fragestellungen auseinandersetzten. Die Texte wurden dem Publikum in Form von Glückskeksen serviert. *** 27 Glückskekse stellen das Glück in Frage. Wie viel Wahrheit braucht das Glück? Wann haben … Weiterlesen 54 Textfragmente für Glückskekse.

In der Schwebe.

Als sie ein Kind war, träumte sie einige Male den gleichen Traum in leicht veränderten Variationen. Sie konnte fliegen in diesem Traum, zumindest schweben, doch das erwartete Hochgefühl der Vogelfreiheit, es wollte sich nicht einstellen. Stattdessen war ihr die außergewöhnliche Fähigkeit sehr unangenehm. Ihr fehlte die Kontrolle, ihr fehlte jeglicher Halt, und sie verspürte eine … Weiterlesen In der Schwebe.

Nur ein Felsbrocken.

Er weiß nicht, ob er gerade erst aufgetaucht ist oder schon immer da war. Er weiß nicht, woher er kommt und weshalb er genau an dieser Stelle liegt. Aber er ist da, grob und kantig, groß und stumm. Es ist nur ein Felsbrocken, sagt er sich. Nur ein Felsbrocken. Nur ein Felsbrocken. Zu Beginn macht … Weiterlesen Nur ein Felsbrocken.

Sefi wollte doch.

Sefi wollte doch Kinderkrankenschwester werden, damals als kleines Mädchen, auch Fotomodell wollte sie werden, später dann Tiefseeforscherin; Sefi wollte doch bedeutsame Momente erleben; Sefi wollte doch warten, auf den richtigen Mann, auf den richtigen Zeitpunkt, sie wollte, dass es wunderschön wird; Sefi wollte doch etwas darstellen mit ihrem Sein, wollte etwas bedeuten mit ihrem Ich; … Weiterlesen Sefi wollte doch.

Die Glühbirne im Kühlschrank.

Ich wäre ein schlechter Vergewaltiger, sagt er, unaufgefordert, und das ist befremdend. Wenn jemand explizit danach gefragt wird oder sich ein Gespräch in diese Richtung entwickelt, ist eine solche Aussage wohl zumeist spontan und unüberlegt, unreflektiert. Wer diese Wörter jedoch ohne konkrete Aufforderung seinem Mund entweichen lässt, hat sie zuvor offensichtlich bereits sortiert und zurechtgelegt, … Weiterlesen Die Glühbirne im Kühlschrank.

Kaputt.

Ein Mann erzählt, wie sein Vater starb. Er ist verreckt, sagt er. Erbärmlich verreckt. Am Ende war er nur noch Haut und Knochen, nur noch Haut und Knochen. Ganz bleich, die Haut wie Papier, oder nein, wie Gips. Als er endlich starb, war er schon lange nicht mehr am Leben. Er redet über den Vater … Weiterlesen Kaputt.

Bettwäsche.

Die Bettwäsche aus ihrer Kindheit, sie ist blau. Pastellblau. RAL 5024, vielleicht. Darauf weiße Blumen mit fünf Blütenblättern und einem kurzen Stiel, die Blumen scheinbar achtlos hingestreut auf den pastellblauen Grund, erst bei genauem Hinsehen zeigt sich ein regelmäßiges Muster. Die Bettwäsche duftet nach Waschmittel, und das Waschmittel duftet so, wie Waschmittel dufteten, bevor sie … Weiterlesen Bettwäsche.

Hinter dem Haus.

Er ist wohl gar nicht so alt, wie man im ersten Moment vermuten mag, vielleicht ist er fünfzig, womöglich sogar jünger. Doch er wirkt alt, alles an ihm gemahnt an die Unerbittlichkeit der Zeit, und wäre er ein Haus, würde der Wind durch die Löcher in seinen dünnen und brüchigen Wänden pfeifen. Natürlich fragt man … Weiterlesen Hinter dem Haus.

Eine Kugel.

Herr T. mag seinen Whisky und er mag seine Pistole. Daneben mag er nicht sonderlich viele Dinge; auch sich selbst mag er nicht besonders, doch der Whisky macht es erträglich, macht ihn erträglich. Eines Tages hantiert Herr T. in seiner kleinen Wohnung mit der Waffe, ist aber so betrunken, dass er die Pistole kaum halten … Weiterlesen Eine Kugel.

Dieffenbachia.

Nein, er würde es nicht Liebe nennen. Nicht unbedingt, weil er nicht so empfindet; er tut es, er liebt, durchaus. Aber die Leute lassen sich in diesem Zusammenhang schnell in falsche Vermutungen und Argwohn treiben, wenn von Liebe die Rede ist. Trotzdem, er liebt sie, seine Dieffenbachia. Vielleicht sollte er doch von Liebe sprechen. Aber … Weiterlesen Dieffenbachia.

Das Entfliehen.

Irgendwann bleibt sie stehen und blickt sich mit blinzelnden Augen um. Sie fragt sich, wo sie ist und wie sie hier gelandet ist. Eigentlich hätte es ein Spaziergang auf wohlbekanntem Terrain werden sollen. Doch dann kamen ihre Gedanken vom Weg ab und schließlich auch ihr Körper. Solche Dinge ereignen sich immer wieder, immer häufiger, wie … Weiterlesen Das Entfliehen.

Auf dem Parkett.

Man lud einige Freunde nach Hause ein, man verspeiste Speisen, man trank Getränke, und einer mischte sich einen Wodka mit Red Bull, er trank Glas um Glas, immer wieder, und mit jedem Schluck wurde seine Stimme schwammiger, seine Geschichten wurden abenteuerlicher, bisweilen abstrus, seine Fantasie reckte und streckte sich, und irgendwann, nach einer weiteren fantastischen … Weiterlesen Auf dem Parkett.

Häuser bauen.

A.F. baute seiner Frau ein Haus, und ja, er baute es vor allem für sie, denn sie hatte immer davon geträumt und geredet, ein eigenes Haus zu haben, während er selbst auch in der alten Mietwohnung glücklich und zufrieden geblieben wäre und keinerlei Bedürfnis nach einem Haus verspürte, hingegen umso mehr das Bedürfnis, seiner Frau … Weiterlesen Häuser bauen.

Meeresgrund.

Im Supermarkt ist jeder Salat in der Gemüseabteilung verfault, jeder einzelne Salatkopf grinst mit braunen Blättern aus seiner Kunststoffverpackung. Sie hebt einen Salatkopf hoch, wendet ihn in ihren zitternden Händen und knallt ihn wieder zurück ins Regal, greift sich den nächsten Salatkopf und schleudert auch diesen wieder zurück. Alles ist verfault! brüllt sie in die … Weiterlesen Meeresgrund.

Perpetuum Mobile.

Irgendwann fragte die Therapeutin, ob er gerne Musik höre. Pino antwortete, dass er sich nie viel aus Musik gemacht habe. Musik sei für ihn ein wenig wie Straßenverkehr. Nebengeräusch. Die Therapeutin begann dann zu schwärmen, von Tom Waits, vom Penguin Cafe Orchestra, von Nina Simone. Pino kannte diese Namen nicht. Noch nicht. Eigentlich wusste er, … Weiterlesen Perpetuum Mobile.

Kein Maßstab.

Er ist noch ein Kind, als eines Tages ein Versicherungsvertreter zur Familie nach Hause kommt und sich mit seinen Eltern unterhält. Der Versicherungsvertreter hat dunkles Haar und ist freundlich und hat eine Ledermappe dabei, und in dieser Ledermappe befindet sich neben einem Notizblock und irgendwelchen Papieren auch ein Maßstab. Es ist kein normaler Maßstab, denn … Weiterlesen Kein Maßstab.