Tom Linde Elendiger Ficker.

Es ist der letzte Tag im Leben dieser Parkbank, doch abgesehen von einigen Mitarbeitenden der Stadtverwaltung ist dies bisher niemandem bekannt, auch die Parkbank selbst weiß nicht, was ihr blüht, was jedoch in der Natur der Sache liegt, schließlich mangelt es Parkbänken grundsätzlich an kognitiven Fähigkeiten, und eigentlich ist es auch falsch, vom letzten Tag … Weiterlesen Tom Linde Elendiger Ficker.

Siehst du?

Siehst du? fragt sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Siehst du? wiederholt sie. Ich habe es doch gewusst! Ich habe es ja gesagt! Bisweilen schiebt sie dann ein verächtliches Ha! hinterher, als ob sie eine Wette gewonnen hätte. Als sie zum ersten Mal mit dem Flugzeug in den Urlaub reist, ist sie überzeugt, dass die … Weiterlesen Siehst du?

Herr Ernst tanzt.

Herr Ernst war gar nicht sonderlich ernst, Ernst war lediglich sein Name, er selbst hingegen war ziemlich lustig, zumindest wäre er es gerne häufiger gewesen, doch er kam nur selten dazu, tatsächlich lustig zu sein, denn er hatte allzu häufig keine Zeit, hatte viel zu tun, musste viele Dinge erledigen, und wenn er gerade nichts … Weiterlesen Herr Ernst tanzt.

Zerren am Gewebe.

Wenn sie sich berührt, fühlt sie sich lächerlich. Das war nicht immer so, im Gegenteil. Sie pflegte es zu genießen, im Alleinsein noch viel stärker als in jeglicher Art der Zweisamkeit. Diese Momente der absoluten Intimität verliehen ihr eine Art der Zufriedenheit, die weit über die rein körperliche Befriedigung hinausging. Sie empfand ein Gefühl der … Weiterlesen Zerren am Gewebe.

Flatulenzen.

Sie ist durchaus nicht empfindlich oder zimperlich. Sie kann es gut ertragen, wenn jemand rülpst oder geräuschvoll den Rotz durch die Nasenhöhlen schleift. Im Gegensatz zu vielen ihrer Freundinnen stört es Eva nicht besonders, wenn ein Mann ausspuckt. Und grundsätzlich findet sie auch Flatulenzen keineswegs verwerflich. Menschen furzen. Das ist natürlich, ein biologischer Prozess, ganz … Weiterlesen Flatulenzen.

Ein Herz aus Gold.

Auf dem Asphalt, nahe am Rand des Gehsteigs, liegt ein Herz aus Gold. Es ist mit einer Halskette verbunden, ebenfalls aus Gold, feingliedrig und zart. Das Herz aus Gold liegt schon eine Weile da, als Anna es findet. Oh, wie schön! ruft sie stumm, aber fröhlich aus. Sie hebt die Halskette hoch und blickt sich … Weiterlesen Ein Herz aus Gold.

Martha.

Sie war anders. Er füllte seinen Kopf mit so vielen Eindrücken, mit Gesichtern und Händen und Körpern, mit Frauen und Männern, mit Namen und Daten, mit Häuserecken und Heuschrecken, mit Meereswellen und Markenlogos, mit sexuellen Erfahrungen und emotionalen Entbehrungen. Er füllte alles in seinen Kopf, und irgendwann tröpfelte und floss es wieder hinaus, versickerte im … Weiterlesen Martha.

Der Friseur.

Man war längst kein Kind mehr, aber auch noch nicht wirklich erwachsen; man taumelte irgendwo dazwischen, in einer Schleuse zwischen den Zeiten, diffus und verführerisch zugleich. Manche standen auf wackligen Beinen im Berufsleben, andere studierten, wieder andere überlegten noch, was auch immer. Einige wohnten noch bei ihren Eltern, einige hatten bereits ihre eigenen Wohnungen, klein … Weiterlesen Der Friseur.

54 Textfragmente für Glückskekse.

Für die Kulturlandsgemeinde 2017 in Herisau unter dem Motto «grösser glücklicher gerechter» entstanden 54 Textfragmente, die sich im weitesten Sinne mit Glück, mit Optimierungen, mit Lebenskunst und Fragestellungen auseinandersetzten. Die Texte wurden dem Publikum in Form von Glückskeksen serviert. *** 27 Glückskekse stellen das Glück in Frage. Wie viel Wahrheit braucht das Glück? Wann haben … Weiterlesen 54 Textfragmente für Glückskekse.

In der Schwebe.

Als sie ein Kind war, träumte sie einige Male den gleichen Traum in leicht veränderten Variationen. Sie konnte fliegen in diesem Traum, zumindest schweben, doch das erwartete Hochgefühl der Vogelfreiheit, es wollte sich nicht einstellen. Stattdessen war ihr die außergewöhnliche Fähigkeit sehr unangenehm. Ihr fehlte die Kontrolle, ihr fehlte jeglicher Halt, und sie verspürte eine … Weiterlesen In der Schwebe.

Nur ein Felsbrocken.

Er weiß nicht, ob er gerade erst aufgetaucht ist oder schon immer da war. Er weiß nicht, woher er kommt und weshalb er genau an dieser Stelle liegt. Aber er ist da, grob und kantig, groß und stumm. Es ist nur ein Felsbrocken, sagt er sich. Nur ein Felsbrocken. Nur ein Felsbrocken. Zu Beginn macht … Weiterlesen Nur ein Felsbrocken.

Sefi wollte doch.

Sefi wollte doch Kinderkrankenschwester werden, damals als kleines Mädchen, auch Fotomodell wollte sie werden, später dann Tiefseeforscherin; Sefi wollte doch bedeutsame Momente erleben; Sefi wollte doch warten, auf den richtigen Mann, auf den richtigen Zeitpunkt, sie wollte, dass es wunderschön wird; Sefi wollte doch etwas darstellen mit ihrem Sein, wollte etwas bedeuten mit ihrem Ich; … Weiterlesen Sefi wollte doch.

Die Glühbirne im Kühlschrank.

Ich wäre ein schlechter Vergewaltiger, sagt er, unaufgefordert, und das ist befremdend. Wenn jemand explizit danach gefragt wird oder sich ein Gespräch in diese Richtung entwickelt, ist eine solche Aussage wohl zumeist spontan und unüberlegt, unreflektiert. Wer diese Wörter jedoch ohne konkrete Aufforderung seinem Mund entweichen lässt, hat sie zuvor offensichtlich bereits sortiert und zurechtgelegt, … Weiterlesen Die Glühbirne im Kühlschrank.

Kaputt.

Ein Mann erzählt, wie sein Vater starb. Er ist verreckt, sagt er. Erbärmlich verreckt. Am Ende war er nur noch Haut und Knochen, nur noch Haut und Knochen. Ganz bleich, die Haut wie Papier, oder nein, wie Gips. Als er endlich starb, war er schon lange nicht mehr am Leben. Er redet über den Vater … Weiterlesen Kaputt.

Bettwäsche.

Die Bettwäsche aus ihrer Kindheit, sie ist blau. Pastellblau. RAL 5024, vielleicht. Darauf weiße Blumen mit fünf Blütenblättern und einem kurzen Stiel, die Blumen scheinbar achtlos hingestreut auf den pastellblauen Grund, erst bei genauem Hinsehen zeigt sich ein regelmäßiges Muster. Die Bettwäsche duftet nach Waschmittel, und das Waschmittel duftet so, wie Waschmittel dufteten, bevor sie … Weiterlesen Bettwäsche.

Hinter dem Haus.

Er ist wohl gar nicht so alt, wie man im ersten Moment vermuten mag, vielleicht ist er fünfzig, womöglich sogar jünger. Doch er wirkt alt, alles an ihm gemahnt an die Unerbittlichkeit der Zeit, und wäre er ein Haus, würde der Wind durch die Löcher in seinen dünnen und brüchigen Wänden pfeifen. Natürlich fragt man … Weiterlesen Hinter dem Haus.

Eine Kugel.

Herr T. mag seinen Whisky und er mag seine Pistole. Daneben mag er nicht sonderlich viele Dinge; auch sich selbst mag er nicht besonders, doch der Whisky macht es erträglich, macht ihn erträglich. Eines Tages hantiert Herr T. in seiner kleinen Wohnung mit der Waffe, ist aber so betrunken, dass er die Pistole kaum halten … Weiterlesen Eine Kugel.

Dieffenbachia.

Nein, er würde es nicht Liebe nennen. Nicht unbedingt, weil er nicht so empfindet; er tut es, er liebt, durchaus. Aber die Leute lassen sich in diesem Zusammenhang schnell in falsche Vermutungen und Argwohn treiben, wenn von Liebe die Rede ist. Trotzdem, er liebt sie, seine Dieffenbachia. Vielleicht sollte er doch von Liebe sprechen. Aber … Weiterlesen Dieffenbachia.