Sein Raumschiff.

Manchmal, wenn die Nachtluft eisig kalt und der Himmel wolkenlos ist, blickt Leo hinauf zu den Sternen und denkt an sein Raumschiff. Er kann es förmlich sehen, dieses plumpe Gebilde, dessen Umrisse an ein großes D erinnerten, das wehrlos auf dem Rücken lag. Leo hat längst akzeptiert, was ihm zugestoßen ist. Er hat die Entführung … Weiterlesen Sein Raumschiff.

Ein Jahr in zwölf Gesprächen.

Januar «Frohes neues Jahr!» «Frohes neues Jahr!» «Ich mache mir eigentlich keine Neujahrsvorsätze. Dieses Mal schon.» «Ach ja?» «Ja. Ich habe mir vorgenommen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf die wichtigen Dinge. Auf die wichtigen Menschen.» «Wichtige Menschen?» «Ja. Gute Freunde.» «Bin ich… Öhm… Gehöre da…» «Ja. Ja. Natürlich.» «Da bin ich froh.» «Ich … Weiterlesen Ein Jahr in zwölf Gesprächen.

Engelbert.

Seitdem seine Haare immer spärlicher aus seiner Kopfhaut ragen und die kahlen Stellen stetig mehr Raum beanspruchen, blickt Engelbert seinen Freund Karl und dessen üppige Haarpracht mit wachsender Missgunst an, und diese Missgunst, sie behagt ihm nicht, denn eigentlich ist Engelbert kein missgünstiger Mensch, eigentlich ist ihm die Welt dann am liebsten, wenn es den … Weiterlesen Engelbert.

Schnitzel.

Eine Zeit lang bleibt alles still. Dann beginnt es wieder. Das dumpfe Hämmern ist gleichmäßig und eintönig, ein starrer Rhythmus. Sie betrachtet einen kleinen Fleck an der Decke. Er war schon immer da, der Fleck, so scheint es zumindest; sie kann sich nicht erinnern, dass da kein Fleck gewesen wäre. Der Fleck ist essenziell, und … Weiterlesen Schnitzel.

Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Sie hocken auf den Stühlen im Restaurant des Supermarktes und schauen mit leblosen Augen auf irgendwelche Punkte im Nichts. Vor ihnen auf den Tischen stehen Biergläser, schon von Anfang an halbleer. Manchmal trinken sie einen Schluck, aber nur einen kleinen, damit das Bier länger hält. Man muss die Dinge dehnen, sonst bleibt die Zeit ein … Weiterlesen Die alten Männer aus dem Restaurant des Supermarktes.

Hitler töten.

Mindestens einmal pro Woche fährt Anja ans Meer. Obwohl, sie fährt nicht wirklich, der Weg ist nicht das Ziel, der Weg spielt keine Rolle. Sie ist einfach da, am Meer, ganz allein, die Luft ist salzig, der Horizont ist leicht gewölbt. Sie kann entscheiden, welche Stelle sie aufsucht, sie kann wählen, ob sie im Sand … Weiterlesen Hitler töten.

Sechs Finger.

Während Iris in ihrem Bett liegt und schläft, träumt sie davon, dass sie in ihrem Bett liegt und wach ist. Im Traum sieht sie, wie ihre Hand über ihren Körper gleitet. Viel mehr bleibt von diesem Traum nicht zurück, als Iris am nächsten Morgen erwacht, nur dieser Moment, mit ihrer Hand, ihrem Körper, ihrer Haut, … Weiterlesen Sechs Finger.

Enger.

Das Licht ist anders, auch die Farben. Das ist schon lange so, eine kleine träge Ewigkeit. Wenn er blinzelt, bleiben die Lider manchmal aneinander kleben. Er reißt dann die Augen auf und macht ein langes Gesicht. Seine Hosen sind enger geworden, sie drücken ihn in der Mitte zusammen, doch er will keine neuen Hosen, jedenfalls … Weiterlesen Enger.

Im Netz.

Manchmal denkt sie, ohne erkennbaren Anlass, an die Suffragetten oder an Simone de Beauvoir. Dann fühlt sie sich jeweils klein und unbedeutend, aber auch bestärkt und ein wenig stolz, alles im gleichen Moment. Die divergenten Empfindungen ziehen und zerren an ihr, schieben sie in alle Richtungen, dass sie ins Wanken und Stolpern gerät. Ihr morgendlicher … Weiterlesen Im Netz.

Hummel und Pinguin.

Jemand versucht, eine herannahende Hummel fortzujagen, und Eva sagt, dass eine Hummel eigentlich gar nicht fliegen können dürfte, bei Anwendung der physikalischen Gesetze und in Anbetracht von Körpergewicht und Flügelspannweite müsste ihr das Fliegen unmöglich sein. Trotzdem fliegt die Hummel, sagt Eva. Der triumphierende Ausdruck auf ihrem Gesicht mutet an, als hätte sie soeben alle … Weiterlesen Hummel und Pinguin.

Bambi.

Sie steht früh auf, noch bevor der Tag erwacht, denn jeder Sonnenaufgang ist ein Versprechen, und sie kann solche Versprechen gut gebrauchen, daran kann sie sich halten, zumindest so lange, bis sie loslassen muss. Sie macht einen Spaziergang, saugt die frische Morgenluft in ihre Lunge und bläst hinaus, was davon übrigbleibt. Auf einer Wiese am … Weiterlesen Bambi.

Ehemalige Kinder.

Sie haben im Trüben gefischt, haben mit schlecht gezimmerten Ködern nach dem Wesen der Zeit geangelt, aber nichts gefangen. Jetzt sitzen sie an einem Tisch, der viel zu klein ist, in einem Raum, der viel zu groß ist, und reden über nichts, das von Belang sein könnte. Sie entstammen jenem Zauberreich, in welchem alles wichtig … Weiterlesen Ehemalige Kinder.

Zehn Momente vor dem Jetzt.

Nachdem ein Vogel gegen das große Wohnzimmerfenster geflogen war und sich das Genick gebrochen hatte, ging Jonas der Gedanke durch den Kopf, dass dies ein unheilvolles Vorzeichen sei und dass etwas Schlimmes geschehen werde. Als eine Woche später sein Vater stirbt, hat Jonas den toten Vogel längst vergessen. Julia war überzeugt, dass David der Mann … Weiterlesen Zehn Momente vor dem Jetzt.

Liebenswert.

Sie macht mit ihrem Fingernagel kleine Kreuze auf der Haut. Sie tut dies bisweilen, wenn sie von einer Mücke gestochen wurde. Ihre Mutter meinte einst, dies würde den Juckreiz stillen. Sie weiß nicht, ob es tatsächlich stimmt, womöglich überlagert der leichte Schmerz, den das Kreuz ausgelöst hat, den Juckreiz lediglich. Im Moment ist da kein … Weiterlesen Liebenswert.

Die Welt im Kleinen.

Jedes Mal, wenn er seine leeren Bierflaschen zur Altglassammelstelle bringt, tut er doch eigentlich etwas Gutes, etwas Wertvolles, er rettet die Welt im Kleinen, er übernimmt Verantwortung, er beweist Achtsamkeit, doch er fühlt sich nicht achtsam, fühlt sich nicht wertvoll. An guten Tagen fühlt er gar nichts. Doch die guten Tage sind selten geworden. Vermutlich … Weiterlesen Die Welt im Kleinen.