Abbiegen.

Sie betrachtet ihre Hände, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel treten hervor, ragen empor wie baumlose Hügel. Bei einem Knöchel blättert die Fassade ab, die Haut ist geschunden, aufgeplatzt, doch sie kann sich nicht erinnern, etwas oder jemanden geschlagen oder zumindest heftig berührt zu haben. Zaghaft streichelt sie den verletzten Knöchel mit dem Daumen der … Weiterlesen Abbiegen.

Wie es scheint.

Ein kleines Flugzeug fliegt über den Kongo, und wenn man aus dem kleinen Fenster auf den Fluss blickt, der in ruhigen Bahnen durch den dicht bewachsenen Regenwald zieht, glaubt man, dass dort unten das Paradies sein muss, eine verwunschene Welt mit wunderlichen Wesen und weicher Natur, man glaubt, dass sich unter den Baumkronen ein unberührtes … Weiterlesen Wie es scheint.

Außer bei Regen.

Er stand jeden Tag vor dem Haus an der Straße, außer bei starkem Regen, dann war er wohl drin, saß an einem alten Eichentisch oder auf einem hellbraunen Sofa, jedenfalls sah man ihn nicht, sah nur Licht im Fenster, also war er da. Niemand schien wirklich etwas über ihn zu wissen, aber man kannte ihn, … Weiterlesen Außer bei Regen.

Toni du Misgeburt.

Manchmal ist es gut, wenn man in Begleitung eines graphologischen Gutachters unterwegs ist, denn graphologische Gutachter können durchaus praktisch sein und verfügen zumeist über gut frisiertes Haupthaar. Doch jetzt und hier ist kein graphologischer Gutachter vonnöten. «Toni du Misgeburt» hat jemand an eine Hauswand geschrieben, und die wackligen Buchstaben und die orthographischen Unzulänglichkeiten lassen das … Weiterlesen Toni du Misgeburt.

Sie sehen alles.

Sie sind hunderttausend Jahre alt und neu geboren, immer wieder. Sie liegt auf ihm, ihr Rücken auf seinem Bauch, sie formen eine Einheit, und wie seine Hände über ihre Haut gleiten, drängend, verlangend, so berührt er auch sich selbst, in ihr. Es ist vollkommen dunkel, doch sie sehen alles, sie malen Bilder mit ihren Fingern … Weiterlesen Sie sehen alles.

Luftlöcher.

Er ist nicht sonderlich groß, wohl unter dem Durchschnitt, doch manchmal überragt er selbst jene, die auf den Schultern des Riesen stehen, sein Kopf reicht weit über die Wolken und die Brust droht zu explodieren, alles droht zu explodieren, die fast unerträgliche Schönheit der Welt hat nicht annähernd Platz in seinem hageren Leib, alles muss … Weiterlesen Luftlöcher.

Titicacasee.

Die Ehrfurcht vor der Felswand und der Nebel in den verwinkelten Tälern, das weite Schweifen des Blickes und das Stocken des Atems, das Paradies und Paris, all die Orte, von denen sie erzählen, all die Orte, die man sich ausmalt, weil die Schilderungen nur Strichzeichnungen bleiben, all die Orte; die Pyramiden von Gizeh und der … Weiterlesen Titicacasee.

Dynamit.

Er ist explodiert. Seit ihrer Hochzeit vor acht Jahren hat er Bier getrunken und gesalzene Erdnüsse gegessen. Nun ist er explodiert. Irgendwie. Jemand hat ihm eine Dynamitstange in den Arsch geschoben und die Lunte angezündet. Der Knall war überraschend leise. Jetzt hört sie sein Ächzen. Er sitzt noch immer im Wohnzimmer und sieht fern, zieht … Weiterlesen Dynamit.

Der Stürmer.

Die Sonne brennt auf der Haut, lässt die Schweißtropfen wie Perlen glitzern. Er atmet ein. Er atmet aus. Dann läuft er los. Die Rufe der Menschen zu allen Seiten vermengen sich zu einem Rauschen, ein betäubendes Brausen erfüllt die heiße Luft des Nachmittags. Sein Herz schlägt schneller, ungeahnte Kräfte treiben ihn immer weiter. Neben sich … Weiterlesen Der Stürmer.

Vier Hunde.

Sie sitzen nebeneinander, wie ein altes Paar, das sich im Fließen der Zeit die Liebe bewahrt hat, und vielleicht sind sie das, sind sich in Vertrauen verbunden. Es ist, wie es immer war, sie redet und er hört zu, er legt hin und wieder den Kopf schräg, doch er sagt nichts. Kein Werten, kein Bewerten, … Weiterlesen Vier Hunde.

Eine Prinzessin.

Das Licht schwindet, Abenddämmerung, die Straßen der kleinen Stadt sind leer, leblose Venen einer schlafenden Kreatur. Einige Laternen leuchten, zwei davon flackern. Ein kleines Mädchen, es hält die Hand der Mutter, hüpft über Risse im Asphalt. Die Mutter ist schön und stolz, ihr Rücken ist außergewöhnlich gerade, sie trägt einen kurzen Rock aus leichtem Stoff, … Weiterlesen Eine Prinzessin.

Im Innern, im Erinnern.

Vor den Fenstern ein lautes Krachen. Sie zuckt zusammen, doch die Augen bleiben geschlossen. Vielleicht ein Unfall, vielleicht eine Explosion. Vielleicht der Krieg, vielleicht die Apokalypse. Es ist ihr egal. Es ist weit weg. Es ist draußen. Sie ist im Innern, im Erinnern. Das krachende Geräusch verhallt, versickert in der Ferne, die unmittelbar nach den … Weiterlesen Im Innern, im Erinnern.

Der Tee wird kalt.

Sie beobachtet die Ziffern der kleinen digitalen Küchenuhr; die Zeit läuft rückwärts, drei Minuten verringern sich, schwinden und verschwinden, bis zum letzten leeren Viereck auf der Anzeige, vier identische Zahlen ohne Wert, und dann der stoische Signalton. Sie drückt einen Knopf, nimmt vorsichtig den Teebeutel aus der Tasse und legt ihn auf einen kleinen Teller, … Weiterlesen Der Tee wird kalt.

Trigonometrie.

Der A. mag den B. sehr gerne, sie bezeichnen sich als Freunde, als gute Freunde, und auch wenn sie als Männer nicht von Zuneigung sprechen mögen, ist das, was sie füreinander empfinden, genau das, was man gemeinhin unter Zuneigung versteht, und wenn man den A. mit der Frage überrascht, wer in seinem Leben besonders wichtig … Weiterlesen Trigonometrie.

Das relative Meer.

Sie war noch nie am Meer, und wenn sie das sagt, sind die Leute überrascht. Echt jetzt? Aufrichtiges Erstaunen. Wirklich? Der Klang der Stimmen erzählt von Ungläubigkeit und Verwunderung, aber nicht selten auch von einer gewissen Herablassung, von den unliebsamen Seiten des Mitleids, von einem Ungleichgewicht in den Biografien. Danach folgt meistens das Belehrende. Da … Weiterlesen Das relative Meer.

Abhandenkommen.

Irgendwann werde ich nicht mehr da sein, sagt sie, und man kann kaum überrascht sein, auch wenn man leer schluckt und erfolglos nach Worten ringt. Es ist eine biologische Tatsache, unabwendbar und nachvollziehbar, außerdem kenn man den Satz seit Jahren, Jahrzehnten, hört ihn immer wieder aus ihrem Mund, manchmal seltener und beiläufiger, manchmal häufiger und … Weiterlesen Abhandenkommen.

Die Seiltänzerin.

Die Luft ist staubig, so durchdringend staubig, dass man sich kaum vorstellen kann, wie das Bild ohne Staub aussähe. Der Boden wirkt sandig, so allgegenwärtig sandig, dass man sich in einer Wüste wähnt, und sehr viel, was man sieht, ist Boden. Das war nicht immer so, doch die Häuser, sie wurden eben diesem Boden gleichgemacht, … Weiterlesen Die Seiltänzerin.