Es wird eng.

Es ist laut, schrecklich laut, es wird gebaut, zwischen den Rippen steht ein Kran, ein Bagger rumpelt über das Geröll im Kopf. Das Haus steht schon lange, und man sieht, dass es ein gutes Haus ist, doch noch immer wird gehämmert und gesägt, geschliffen und gemalt. Manchmal fragt er sich, wohin das alles führt und … Weiterlesen Es wird eng.

Das Beben.

Er hatte gedacht, er könnte das Leben heil überstehen, ohne dass es jemand bemerken würde. Er war doch ein Mann, beinahe zwei Meter hoch und muskulös, er hatte einen gesunden Bartwuchs und eine nennenswerte Anzahl Haare auf der Brust. Er hatte Eier, nicht zu kleine. Er war einer, der Handtaschendamen vor Handtaschendieben beschützte, der ohne … Weiterlesen Das Beben.

Ein Sturm zieht auf.

Die Wolken breiten sich aus, dunkel und mächtig, erfüllt mit brodelndem Zorn. Wie hungrige Kreaturen verschlingen sie den Himmel, verschlingen das Licht. Es war ein erstaunlich ruhiger Tag, angenehm warm und beinahe windstill, da war nur ein laues Lüftchen, das Wolkenfetzen über den blauen Himmel schob. Eine dumpfe Stille hing im Geäst der Bäume und … Weiterlesen Ein Sturm zieht auf.

Zwei Körper sind.

Zwei Körper sind gläsern, hart und weich zugleich, wie fragile Gebilde, die nach Sorgfalt verlangen und dennoch unzerstörbar scheinen. Jede Berührung ist eine Bekundung, jede Bewegung ist mit Aussage aufgeladen, jeder Kuss löst die Zeit aus dem Kontinuum. Zwei Körper sind Instrumente, das schwere Atmen drängt alle anderen Geräusche aus der Wahrnehmbarkeit und verbleibt als … Weiterlesen Zwei Körper sind.

Kausalphabet.

A. beschließt drei Tage nach seinem einundachtzigsten Geburtstag, endlich schwimmen zu lernen. B. geht in das Unternehmen, in welchem er fünfzehn Jahre gearbeitet hatte, und will möglichst viele Mitarbeitende töten, schießt aber am Ende nur sich selbst in den Kopf. C. sitzt schluchzend auf dem Bett, die Hundeleine in der Hand. D. rettet einen kleinen … Weiterlesen Kausalphabet.

Hinter Fragen.

Er glaubt nicht an Gott, hat ihn nie gesehen oder gespürt, er glaubt an keine höheren Mächte oder dergleichen, doch einmal, da starb eine liebe Freundin, und es tat so weh, das war alles so sinnlos und widrig, sie fehlte an allen Enden, und am letzten Ende, am Tag, an welchem sie in der Erde … Weiterlesen Hinter Fragen.

Mitfahrgelegenheit.

Die Zeit wirft Falten, zieht Furchen in die Flächen, durchdringt die Schichten der Haut. All die Begriffe wie Zukunft und Freiheit und Perspektiven, sie werden immer mehr zu Hohlräumen, brüchig an den Kanten. Früher schwebte sie mit Fremden durch trunkene Nächte, unterwegs durch ungewisse Landschaften. Ihre Mutter warnte sie davor, sich mit erhobenem Daumen an … Weiterlesen Mitfahrgelegenheit.

True Red 19-1664 TCX.

Auf Schwarz-Weiß-Fotos erkennt man Rotkäppchen gar nicht, es ist nur ein kleines Mädchen mit einer Kopfbedeckung und einem Korb in der Hand, das durch einen Wald spaziert, und man müsste wohl hingehen, hineingehen, hinein ins Bild und hin zum Mädchen, müsste es nach der Lieblingsfarbe fragen, und wenn es Rot sagen würde, könnte man vielleicht … Weiterlesen True Red 19-1664 TCX.

Isoliert.

Früher waren da immerhin die gesichtslosen Männer, die mit Wasser aus Schläuchen den kalten Boden säuberten. Heute trocknet alles ein. Alles ist klebrig, der Gestank ist längst sichtbar geworden. Jede Flüssigkeit, die aus einem Menschen austritt, wird zu übelriechendem Schmutz. Früher oder später. Am schlimmsten sind nicht Fliesen, Glas und Kunststoff. Am schlimmsten ist sie … Weiterlesen Isoliert.

Garstige Dinge.

Die Melodie ist vergleichsweise simpel, eine Reihe von einzelnen Tönen, gespielt auf einem Klavier, unaufgeregt, sanft, und vielleicht liegt gerade in dieser relativen Einfachheit der Schlüssel zur uneingeschränkten Klangschönheit, die sich tief in ihn hinein zu tasten scheint. Er hört die Musik nicht zum ersten Mal, keineswegs, er hat sie ziemlich häufig im Ohr, doch … Weiterlesen Garstige Dinge.

Brennende Dungklumpen.

Er wird eigentlich nicht wütend auf andere Menschen. Andere Menschen sind eben anders, sind anders als er selbst, darum heißen sie andere Menschen. Wären alle Menschen gleich, wären ihm alle Menschen gleich, wären ihm einerlei und egal. Und das wäre bedauerlich. Leben und leben lassen, jeder nach seiner Fasson, Tierchen, Pläsierchen, man kennt das ja, … Weiterlesen Brennende Dungklumpen.

Angstille.

Vielleicht war es Teleportation. Vielleicht ist es ein Traum. Vielleicht ist es eine Illusion. Sie weiß nicht, wo sie eigentlich ist und warum, aber nun steht sie hier, irgendwo im Nirgendwo. Da sind Bäume und Grashalme, da sind der Himmel und einige Wolken, da sind Hügel und Kanten im Gelände, da sind die Düfte und … Weiterlesen Angstille.

Linkous, der Kater.

Er erzählt von diesem Kater. Ein fürchterlich hässliches Tier, pelzig und dick und plump, mit einem garstigen Gesicht und einem unförmigen Knick im Schwanz. Er redet sehr dynamisch, wild gestikulierend und lebhaft, man kann den Kater förmlich sehen, und seine Geschichte, sie ist zwar traurig, aber man muss unentwegt lachen, denn schließlich geht es nur … Weiterlesen Linkous, der Kater.

Seife.

Sie mag die manchmal schroffen, dann wieder sanft gerundeten Körper. Sie mag die Dichte, die Masse, das Gewicht. Sie mag die Konsistenz. Sie mag das Aussehen, die Form, die Färbung. Flüssigseife ist ihr zuwider. Flüssigseife ist alles, was in der Welt verkehrt läuft. Es gibt selten ein absolutes Richtig und ein absolutes Falsch. Bei Seife … Weiterlesen Seife.

Nach dem Tanz.

Sie tanzen nicht mehr. Der Rücken, die Hüfte, man kennt das. Es ist gelogen und sie wissen es und sagen es trotzdem. Sie verzichten auf Aufrichtigkeit, um sich nicht zu kränken. Vielleicht ist das Liebe. Vielleicht ist es das, was man aus Liebe macht mit der Zeit. Wenn sie wütend ist, zischt sie manchmal, dass … Weiterlesen Nach dem Tanz.

Abbiegen.

Sie betrachtet ihre Hände, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel treten hervor, ragen empor wie baumlose Hügel. Bei einem Knöchel blättert die Fassade ab, die Haut ist geschunden, aufgeplatzt, doch sie kann sich nicht erinnern, etwas oder jemanden geschlagen oder zumindest heftig berührt zu haben. Zaghaft streichelt sie den verletzten Knöchel mit dem Daumen der … Weiterlesen Abbiegen.

Wie es scheint.

Ein kleines Flugzeug fliegt über den Kongo, und wenn man aus dem kleinen Fenster auf den Fluss blickt, der in ruhigen Bahnen durch den dicht bewachsenen Regenwald zieht, glaubt man, dass dort unten das Paradies sein muss, eine verwunschene Welt mit wunderlichen Wesen und weicher Natur, man glaubt, dass sich unter den Baumkronen ein unberührtes … Weiterlesen Wie es scheint.

Außer bei Regen.

Er stand jeden Tag vor dem Haus an der Straße, außer bei starkem Regen, dann war er wohl drin, saß an einem alten Eichentisch oder auf einem hellbraunen Sofa, jedenfalls sah man ihn nicht, sah nur Licht im Fenster, also war er da. Niemand schien wirklich etwas über ihn zu wissen, aber man kannte ihn, … Weiterlesen Außer bei Regen.