Bettwäsche.

Die Bettwäsche aus ihrer Kindheit, sie ist blau. Pastellblau. RAL 5024, vielleicht. Darauf weiße Blumen mit fünf Blütenblättern und einem kurzen Stiel, die Blumen scheinbar achtlos hingestreut auf den pastellblauen Grund, erst bei genauem Hinsehen zeigt sich ein regelmäßiges Muster. Die Bettwäsche duftet nach Waschmittel, und das Waschmittel duftet so, wie Waschmittel dufteten, bevor sie … Weiterlesen Bettwäsche.

Das Entfliehen.

Irgendwann bleibt sie stehen und blickt sich mit blinzelnden Augen um. Sie fragt sich, wo sie ist und wie sie hier gelandet ist. Eigentlich hätte es ein Spaziergang auf wohlbekanntem Terrain werden sollen. Doch dann kamen ihre Gedanken vom Weg ab und schließlich auch ihr Körper. Solche Dinge ereignen sich immer wieder, immer häufiger, wie … Weiterlesen Das Entfliehen.

Auf dem Parkett.

Man lud einige Freunde nach Hause ein, man verspeiste Speisen, man trank Getränke, und einer mischte sich einen Wodka mit Red Bull, er trank Glas um Glas, immer wieder, und mit jedem Schluck wurde seine Stimme schwammiger, seine Geschichten wurden abenteuerlicher, bisweilen abstrus, seine Fantasie reckte und streckte sich, und irgendwann, nach einer weiteren fantastischen … Weiterlesen Auf dem Parkett.

Meeresgrund.

Im Supermarkt ist jeder Salat in der Gemüseabteilung verfault, jeder einzelne Salatkopf grinst mit braunen Blättern aus seiner Kunststoffverpackung. Sie hebt einen Salatkopf hoch, wendet ihn in ihren zitternden Händen und knallt ihn wieder zurück ins Regal, greift sich den nächsten Salatkopf und schleudert auch diesen wieder zurück. Alles ist verfault! brüllt sie in die … Weiterlesen Meeresgrund.

Perpetuum Mobile.

Irgendwann fragte die Therapeutin, ob er gerne Musik höre. Pino antwortete, dass er sich nie viel aus Musik gemacht habe. Musik sei für ihn ein wenig wie Straßenverkehr. Nebengeräusch. Die Therapeutin begann dann zu schwärmen, von Tom Waits, vom Penguin Cafe Orchestra, von Nina Simone. Pino kannte diese Namen nicht. Noch nicht. Eigentlich wusste er, … Weiterlesen Perpetuum Mobile.

Kein Maßstab.

Er ist noch ein Kind, als eines Tages ein Versicherungsvertreter zur Familie nach Hause kommt und sich mit seinen Eltern unterhält. Der Versicherungsvertreter hat dunkles Haar und ist freundlich und hat eine Ledermappe dabei, und in dieser Ledermappe befindet sich neben einem Notizblock und irgendwelchen Papieren auch ein Maßstab. Es ist kein normaler Maßstab, denn … Weiterlesen Kein Maßstab.

Wider Erwarten.

Du musst dein Zimmer aufräumen, du musst lesen, du musst schreiben, du musst Danke sagen, du musst höflich sein, du musst addieren und subtrahieren und multiplizieren und dividieren, du musst ein Instrument spielen, lieber Geige als Gitarre, du musst pünktlich sein, du musst lernen, du musst dir Mühe geben, du musst auf die Zähne beißen, … Weiterlesen Wider Erwarten.

Die Leiche.

Da war diese kleine Hütte, sie stand am Rande einer kleinen Lichtung im Wald, direkt neben einem abgestorbenen Baum. Üppiges Grün umwucherte das Fundament, das Holz wirkte morsch und wies unzählige Löcher und Lücken auf. Die wenigen Fenster waren zwar in den meisten Fällen noch intakt, doch das Glas war seltsam schwarz und ließ keinen … Weiterlesen Die Leiche.

Socken.

«Irgendwann wird das Lügen zum Reflex. Irgendwann erzählen sich die Geschichten von selbst, und es sind nicht mehr wirklich deine eigenen, deine wahrhaftigen Geschichten. Man wird zum Protagonisten in einem Theaterstück. Ich kann das nicht mehr.» «Und was willst du tun?» «Aufhören.» «Inwiefern?» «Einfach aufhören.» «Aha.» «Ja.» «Gibt’s keinen anderen Weg?» «Es gibt immer einen … Weiterlesen Socken.

Grob und fies.

Er hatte diesen unförmigen, massigen Körper, er war ein Klumpen Fleisch, rudimentär getarnt als Schulkind. Er war weder klug noch witzig, er war nicht liebenswürdig, er war nicht umgänglich, aber er war groß und stark, größer und stärker als die restlichen Kinder. Und er war laut. Manchmal machte er sich die Mühe, einen Grund vorzubringen, … Weiterlesen Grob und fies.

Der Berg im Fenster.

In seinem Kinderzimmer hingen Poster an der Wand, Bilder von Queen und Kim Wilde und den Blues Brothers, immer wieder andere Gesichter, stetig wechselnde Idole an drei Wänden seiner kleinen Welt. Die vierte Wand war keine Wand, sondern die Fensterseite, mit drei gleich großen Fenstern, und dort waren keine Popstars zu sehen. Dort stand ein … Weiterlesen Der Berg im Fenster.

Das Eis schmilzt.

Es wird allmählich zu heiß, und dennoch friert man immer heftiger. Keine Angst, flüstert die Großmutter, keine Angst, doch die Großmutter, sie ist längst tot, wurde zunächst kalt, dann hat man sie verbrannt. Man erinnert sich daran, wie man einst in ihrer Küche stand und die Hand auf die Herdplatte legte, um herauszufinden, ob sie … Weiterlesen Das Eis schmilzt.

Der Unmögliche.

Man sollte doch. Man müsste doch. Aber man kann nicht. Schon seine Füße. Wenn er steht und geht, beschreiben seine beiden Füße ein V. V wie Vogel, V wie Virus, V wie Vollidiot. Und dann geht er vorüber, die Füße ragen links und rechts wie irrgewachsene Äste aus seiner Route, und sein merkwürdig federnder Gang … Weiterlesen Der Unmögliche.

Sieben Glastische.

A. klagte immer wieder über Kopfschmerzen, seine Augen taten weh, ihm wurde häufig schwindlig. Seine Frau sagte ihm immerzu, er solle zum Arzt gehen, doch A. winkte stets ab. Irgendwann kippte er um, prallte mit dem Kopf auf den Glastisch und war tot. P. sagte immer, dass er jederzeit aufhören könne mit den Drogen, wenn … Weiterlesen Sieben Glastische.

Millennium.

Die Experten im Fernsehen waren bemüht, immer wieder zu betonen, dass sich kein Szenario ausschließen ließe. Mit großer Wahrscheinlichkeit würden bei den meisten Systemen keine Probleme auftreten. Es könne aber durchaus sein, dass man in manchen Fällen mit Störungen konfrontiert werden würde. Die pessimistischen Stimmen beschrieben derweil den totalen Kollaps. Stromnetze, Verwaltungen, Atomanlagen, Sicherheitssysteme, Kommunikationsmittel … Weiterlesen Millennium.

Kleine Fluchten.

Eigentlich raucht er nicht, hat noch nie geraucht, konnte sich nie dafür begeistern. Jetzt kauft er sich eine Schachtel, setzt sich auf eine kleine Mauer am Seeufer, zündet sich eine Zigarette an, hustet kurz und heftig und lässt dann seinen Blick über die Wellen gleiten. Eigentlich gibt sie sich jedes Wochenende dem Nachtleben hin, zieht … Weiterlesen Kleine Fluchten.