Akkurat.

Sie schiebt die beiden weißen Frottiertücher auf der Stange zurecht, zupft an einer Ecke noch ein wenig. Dann tritt sie einen Schritt zurück, schaut prüfend, schließt das linke Auge, öffnet es wieder, schließt das rechte Auge, öffnet es wieder. Sie nickt kurz und verlässt das Badezimmer. Ein Mann namens Sebastian ruft an. Er will wissen, … Weiterlesen Akkurat.

Allein in der Stadt.

Er fährt in eine Stadt, die er nicht kennt, er fährt ohne Begleitung, ganz allein, ihm ist niemand bekannt, der in jener Stadt wohnt oder zumindest in relativer Nähe lebt, er ist ein Fremder ohne jegliche Bezugspunkte; jedes Gesicht ist ein neues Gesicht, jede Gasse ist unbekanntes Terrain, jede Häuserecke ist Neuland, und alles, was … Weiterlesen Allein in der Stadt.

Mutmaßlich.

Niemand weiß, warum er es getan hat. Die Frage nach diesem Warum, sie drängt sich immerzu auf. Unzählige Begebenheiten lässt man durch die Zeit rinnen, ohne sie ergründen zu wollen, man akzeptiert, ohne zu hinterfragen. Doch in diesem Falle trägt man das Fragezeichen einem Schwerte gleich in den Händen, schwingt es vor aller Augen. Warum … Weiterlesen Mutmaßlich.

Die Geschwüre.

Er kennt seine Nachbarn, und die meisten unter ihnen findet er in Ordnung; gute Leute, anständige Leute, kein Gesindel. Trotzdem hat er sein Grundstück mit alten Gitterstangen und Steinmauern eingezäunt. Auf diesem sicheren und geschützten Grundstück steht sein sicheres und geschütztes Haus, und in seinem sicheren und geschützten Haus hockt er, sicher und geschützt. Häufig … Weiterlesen Die Geschwüre.

A. und O.

Sie fragen sich nicht, wie sie hier gelandet sind, in diesem innigen Raum, an diesem warmen Punkt, in diesem wahrhaftigen Moment. Sie sind nur froh, dass es so ist. Auf der Haut verdunstet der frische Schweiß, ihrer beider Atem wird allmählich wieder langsamer. Frau O. und Frau A. liegen auf dem Bett und aneinandergefügt, als … Weiterlesen A. und O.

Talion.

Da war jener Junge, vielleicht ein Jahr jünger als man selbst, und aus längst vergessenen Gründen geriet man aneinander. Es entwickelte sich ein kindlich-unbeholfener Disput, und irgendwann, wohl als Ersatz für ein fehlendes Argument, spuckte der Junge. Man wischte sich den fremden Speichel aus dem Gesicht, wehrte sich gegen einen plötzlich auftretenden Brechreiz und taumelte … Weiterlesen Talion.

Da capo al fine.

Sie greift an den Hals der Violine, ertastet die Saiten und das schmale Griffbrett, lässt die Fingerkuppen über das glatte Holz des Korpus gleiten. Noch immer, nach all den Jahren, hat sie den Eindruck, die Violine sei ein lebendes Geschöpf, ein Wesen, das atmet und empfindet und reagiert. Sie steht in der Mitte ihres Wohnzimmers, … Weiterlesen Da capo al fine.

Unter Kühen.

Es klingt beinahe gewaltsam, wenn die Kühe mit ihren großen Mäulern das Gras ausreißen. Eine rohe Urkraft, und dennoch so gemächlich und ruhig. Ihr stoisches Kauen schafft einen taktlosen Rhythmus, und wenn sich hin und wieder ein Bein bewegt, wirkt es wie ein störendes Element im ansonsten ebenmässigen Bild. Das eigentliche störende Element ist derweil … Weiterlesen Unter Kühen.

Eingebrannt.

Da sind zwei kleine Zwillingsmädchen mit roten Haaren und Sommersprossen, sie tragen luftige Röcke und weiße Strümpfe, sie lutschen an Lollipops und starren mit riesigen leeren Augen ins Nichts; da ist eine Frau, nackt und schön, sie beschmiert ihren Körper mit Schlamm und Dreck, ihre Lippen lachen ein stummes Lachen, doch ihr Blick ist kalt … Weiterlesen Eingebrannt.

Nach der Angst.

Womöglich ist es gar nicht tot. Da ist kalte Angst in den Augen, und wer Angst hat, ist nicht tot. Man kennt es nicht, das Mädchen. Das weiße Kleid, das schwarze Haar, die Gesichtszüge, die Körperhaltung, alles an ihm ist fremd. Auch die Welt, die Umgebung, die wenigen Eckpunkte des Umlandes, die sich bieten, scheinen … Weiterlesen Nach der Angst.

Aus dem Bild.

Sie geht mit stummen Schritten über Wiesen, gleitet schweigend durch Wälder, atmet Natur und Reinheit ein. Sie registriert, wie der Lärm allmählich verebbt, sie hört das Rauschen des Blutes im Ohr. Sie berührt ihr Gesicht, berührt den gesamten Körper, spürt die Wärme ihrer Haut. Sie zieht ihre Schuhe aus, streift störende Kleidung ab. Irgendwann stellt … Weiterlesen Aus dem Bild.

Ganz fürchterlich.

Sie reden und reden und reden. Sie werfen ihre Hände in alle Richtungen, sie verleihen der Stirn tiefste Furchen und reißen im nächsten Moment die Augenbrauen nach oben. Sie modulieren ihre Stimmlage, sie erbrechen Wortschwalle, sie atmen schwer. Alles ist ganz fürchterlich. Alles ist so dramatisch. Alles ist so wichtig. Er kann es nicht mehr … Weiterlesen Ganz fürchterlich.

Wolken über Paris.

Am Abend zuvor stand die Vase noch nicht auf dem Tisch. Sie weiß es ganz genau, zumindest glaubt sie, dass sie es ganz genau weiß. Sie starrt auf das kleine Gefäß, auf die abgesplitterte Kante, auf die trockenen Blumen, als wäre darin eine Antwort zu finden, eine Gewissheit zu erlangen. Doch die Vase steht einfach … Weiterlesen Wolken über Paris.

Kapla.

Das Kind baut einen Turm aus schmalen Holzklötzen. Es ist kein schnöder Turm, der da entsteht, sondern ein filigranes, durchaus elegantes Bauwerk, ein Konstrukt mit klaren Linien, einer subtilen Formensprache und spannenden Details. Man sieht bereits den Architekten vor sich, oder den Künstler, einen kreativen Freigeist. Eigentlich mag man es nicht, den Weg der Kinder … Weiterlesen Kapla.

Der Häuptling schweigt.

«Erst wenn der letzte Baum gerodet…», und er sieht das Poster vor sich, wie es damals in seinem Kinderzimmer an der Wand hing, er sieht den alten Indianerhäuptling, seine ledrige Haut, voller Furchen und gelebter Zeit, er sieht auch die großen Buchstaben auf der monochromen Abbildung, den memorablen Spruch in trivialer Typographie, und in der … Weiterlesen Der Häuptling schweigt.

Stechen.

Wenigstens friert sie nicht. Immerhin. Sie zittert nicht, die Haut wirft keine Beulen. Ihr ist auch nicht zu heiß, da ist kein kalter Schweiß, auch kein warmer. Überhaupt spürt sie sehr wenig, selbst heftige Winde weichen ihr aus, Regentropfen ändern kurz vor dem Aufprall die Richtung. Nichts vermag sie zu berühren. Aber wenigstens friert sie … Weiterlesen Stechen.

Nichts zu sehen.

Die Menschen sind über die banalen Sessel gestreut, ein Eisenbahnwagen voller Existenzen, die sich nicht berühren; man lebt und atmet hier nebeneinanderher und aneinander vorbei, und wahrscheinlich ist es allen recht so. Man ist sich fremd, aber zumindest ist man vereint im Fremdsein. Zwischen all den Gesichtern, die keine Geschichten erzählen mögen, ist eines, das … Weiterlesen Nichts zu sehen.

Eine mögliche Bewegung.

Da war eine Bewegung, ein Schatten womöglich, oder ein Teil eines Körpers, ein Fragment eines Menschen. Nur ganz kurz war es zugegen, im Augenwinkel, in dieser nebulösen Zone neben den Dingen, die sich klar zeigen, wenn man die Welt mit Blicken ordnet. Die Bewegung, sie ereignete sich in einem Haus in einer gewissen Entfernung, aber … Weiterlesen Eine mögliche Bewegung.