Grob und fies.

Er hatte diesen unförmigen, massigen Körper, er war ein Klumpen Fleisch, rudimentär getarnt als Schulkind. Er war weder klug noch witzig, er war nicht liebenswürdig, er war nicht umgänglich, aber er war groß und stark, größer und stärker als die restlichen Kinder. Und er war laut. Manchmal machte er sich die Mühe, einen Grund vorzubringen, … Weiterlesen Grob und fies.

Der Berg im Fenster.

In seinem Kinderzimmer hingen Poster an der Wand, Bilder von Queen und Kim Wilde und den Blues Brothers, immer wieder andere Gesichter, stetig wechselnde Idole an drei Wänden seiner kleinen Welt. Die vierte Wand war keine Wand, sondern die Fensterseite, mit drei gleich großen Fenstern, und dort waren keine Popstars zu sehen. Dort stand ein … Weiterlesen Der Berg im Fenster.

Das Eis schmilzt.

Es wird allmählich zu heiß, und dennoch friert man immer heftiger. Keine Angst, flüstert die Großmutter, keine Angst, doch die Großmutter, sie ist längst tot, wurde zunächst kalt, dann hat man sie verbrannt. Man erinnert sich daran, wie man einst in ihrer Küche stand und die Hand auf die Herdplatte legte, um herauszufinden, ob sie … Weiterlesen Das Eis schmilzt.

Der Unmögliche.

Man sollte doch. Man müsste doch. Aber man kann nicht. Schon seine Füße. Wenn er steht und geht, beschreiben seine beiden Füße ein V. V wie Vogel, V wie Virus, V wie Vollidiot. Und dann geht er vorüber, die Füße ragen links und rechts wie irrgewachsene Äste aus seiner Route, und sein merkwürdig federnder Gang … Weiterlesen Der Unmögliche.

Sieben Glastische.

A. klagte immer wieder über Kopfschmerzen, seine Augen taten weh, ihm wurde häufig schwindlig. Seine Frau sagte ihm immerzu, er solle zum Arzt gehen, doch A. winkte stets ab. Irgendwann kippte er um, prallte mit dem Kopf auf den Glastisch und war tot. P. sagte immer, dass er jederzeit aufhören könne mit den Drogen, wenn … Weiterlesen Sieben Glastische.

Millennium.

Die Experten im Fernsehen waren bemüht, immer wieder zu betonen, dass sich kein Szenario ausschließen ließe. Mit großer Wahrscheinlichkeit würden bei den meisten Systemen keine Probleme auftreten. Es könne aber durchaus sein, dass man in manchen Fällen mit Störungen konfrontiert werden würde. Die pessimistischen Stimmen beschrieben derweil den totalen Kollaps. Stromnetze, Verwaltungen, Atomanlagen, Sicherheitssysteme, Kommunikationsmittel … Weiterlesen Millennium.

Kleine Fluchten.

Eigentlich raucht er nicht, hat noch nie geraucht, konnte sich nie dafür begeistern. Jetzt kauft er sich eine Schachtel, setzt sich auf eine kleine Mauer am Seeufer, zündet sich eine Zigarette an, hustet kurz und heftig und lässt dann seinen Blick über die Wellen gleiten. Eigentlich gibt sie sich jedes Wochenende dem Nachtleben hin, zieht … Weiterlesen Kleine Fluchten.

Akkurat.

Sie schiebt die beiden weißen Frottiertücher auf der Stange zurecht, zupft an einer Ecke noch ein wenig. Dann tritt sie einen Schritt zurück, schaut prüfend, schließt das linke Auge, öffnet es wieder, schließt das rechte Auge, öffnet es wieder. Sie nickt kurz und verlässt das Badezimmer. Ein Mann namens Sebastian ruft an. Er will wissen, … Weiterlesen Akkurat.

Allein in der Stadt.

Er fährt in eine Stadt, die er nicht kennt, er fährt ohne Begleitung, ganz allein, ihm ist niemand bekannt, der in jener Stadt wohnt oder zumindest in relativer Nähe lebt, er ist ein Fremder ohne jegliche Bezugspunkte; jedes Gesicht ist ein neues Gesicht, jede Gasse ist unbekanntes Terrain, jede Häuserecke ist Neuland, und alles, was … Weiterlesen Allein in der Stadt.

Mutmaßlich.

Niemand weiß, warum er es getan hat. Die Frage nach diesem Warum, sie drängt sich immerzu auf. Unzählige Begebenheiten lässt man durch die Zeit rinnen, ohne sie ergründen zu wollen, man akzeptiert, ohne zu hinterfragen. Doch in diesem Falle trägt man das Fragezeichen einem Schwerte gleich in den Händen, schwingt es vor aller Augen. Warum … Weiterlesen Mutmaßlich.

Die Geschwüre.

Er kennt seine Nachbarn, und die meisten unter ihnen findet er in Ordnung; gute Leute, anständige Leute, kein Gesindel. Trotzdem hat er sein Grundstück mit alten Gitterstangen und Steinmauern eingezäunt. Auf diesem sicheren und geschützten Grundstück steht sein sicheres und geschütztes Haus, und in seinem sicheren und geschützten Haus hockt er, sicher und geschützt. Häufig … Weiterlesen Die Geschwüre.

A. und O.

Sie fragen sich nicht, wie sie hier gelandet sind, in diesem innigen Raum, an diesem warmen Punkt, in diesem wahrhaftigen Moment. Sie sind nur froh, dass es so ist. Auf der Haut verdunstet der frische Schweiß, ihrer beider Atem wird allmählich wieder langsamer. Frau O. und Frau A. liegen auf dem Bett und aneinandergefügt, als … Weiterlesen A. und O.

Talion.

Da war jener Junge, vielleicht ein Jahr jünger als man selbst, und aus längst vergessenen Gründen geriet man aneinander. Es entwickelte sich ein kindlich-unbeholfener Disput, und irgendwann, wohl als Ersatz für ein fehlendes Argument, spuckte der Junge. Man wischte sich den fremden Speichel aus dem Gesicht, wehrte sich gegen einen plötzlich auftretenden Brechreiz und taumelte … Weiterlesen Talion.

Da capo al fine.

Sie greift an den Hals der Violine, ertastet die Saiten und das schmale Griffbrett, lässt die Fingerkuppen über das glatte Holz des Korpus gleiten. Noch immer, nach all den Jahren, hat sie den Eindruck, die Violine sei ein lebendes Geschöpf, ein Wesen, das atmet und empfindet und reagiert. Sie steht in der Mitte ihres Wohnzimmers, … Weiterlesen Da capo al fine.

Unter Kühen.

Es klingt beinahe gewaltsam, wenn die Kühe mit ihren großen Mäulern das Gras ausreißen. Eine rohe Urkraft, und dennoch so gemächlich und ruhig. Ihr stoisches Kauen schafft einen taktlosen Rhythmus, und wenn sich hin und wieder ein Bein bewegt, wirkt es wie ein störendes Element im ansonsten ebenmässigen Bild. Das eigentliche störende Element ist derweil … Weiterlesen Unter Kühen.

Eingebrannt.

Da sind zwei kleine Zwillingsmädchen mit roten Haaren und Sommersprossen, sie tragen luftige Röcke und weiße Strümpfe, sie lutschen an Lollipops und starren mit riesigen leeren Augen ins Nichts; da ist eine Frau, nackt und schön, sie beschmiert ihren Körper mit Schlamm und Dreck, ihre Lippen lachen ein stummes Lachen, doch ihr Blick ist kalt … Weiterlesen Eingebrannt.