Wenn die Welt knirscht.

Manchmal sitzt man einfach da, ganz bei sich oder bei anderen, auf einem Hocker oder zwischen den Stühlen, rundum proben Menschen das Menschsein, und plötzlich ruht die Zeit. Die Welt knirscht und knattert und kommt dann zum Stillstand, dreht sich nicht mehr. Das alles währt nur einen Moment, und obschon niemand dessen Dauer genau ermessen … Weiterlesen Wenn die Welt knirscht.

Darling.

Wir standen am Hafen von Travemünde und warteten darauf, dass sich die Schranken hoben und mein Vater unser Auto auf die Fähre steuern durfte. Bei unserer Ankunft hatten wir zu den ersten Passagieren gezählt, doch mittlerweile war die anfänglich ziemlich trostlos wirkende Zufahrt zum riesigen Schiff munter bevölkert. Die Strahlen der sommerlichen Sonne prallten lautlos … Weiterlesen Darling.

Liebeslieder.

Seit einem gelebten Vierteljahrhundert und einer gefühlten Ewigkeit ist Right Here Waiting von Richard Marx ihr Lieblingslied. Wenn sie die Klaviermelodie mit geschlossenen Augen hört, scheint sich die Musik zu einem körperlichen Gebilde zu formen, wird greifbar wie ein warmes Stück Stoff. Das passiert ihr sonst nahezu nie. Sie weiß, dass Richard Marx den Song … Weiterlesen Liebeslieder.

Es wird eng.

Es ist laut, schrecklich laut, es wird gebaut, zwischen den Rippen steht ein Kran, ein Bagger rumpelt über das Geröll im Kopf. Das Haus steht schon lange, und man sieht, dass es ein gutes Haus ist, doch noch immer wird gehämmert und gesägt, geschliffen und gemalt. Manchmal fragt er sich, wohin das alles führt und … Weiterlesen Es wird eng.

Das Interview.

Es war ein heller Abend nach einem langen Arbeitstag, und er wollte eigentlich nur noch nach Hause. Stattdessen stand er in einer Bar, in welcher er noch nie gewesen war und deren Namen er zuvor nicht gekannt hatte. Der kleine Raum wirkte schummrig und matt, Lichterschlangen zierten Balken und Decke. Der Geruch von Rauch und … Weiterlesen Das Interview.

Mitfahrgelegenheit.

Die Zeit wirft Falten, zieht Furchen in die Flächen, durchdringt die Schichten der Haut. All die Begriffe wie Zukunft und Freiheit und Perspektiven, sie werden immer mehr zu Hohlräumen, brüchig an den Kanten. Früher schwebte sie mit Fremden durch trunkene Nächte, unterwegs durch ungewisse Landschaften. Ihre Mutter warnte sie davor, sich mit erhobenem Daumen an … Weiterlesen Mitfahrgelegenheit.

Garstige Dinge.

Die Melodie ist vergleichsweise simpel, eine Reihe von einzelnen Tönen, gespielt auf einem Klavier, unaufgeregt, sanft, und vielleicht liegt gerade in dieser relativen Einfachheit der Schlüssel zur uneingeschränkten Klangschönheit, die sich tief in ihn hinein zu tasten scheint. Er hört die Musik nicht zum ersten Mal, keineswegs, er hat sie ziemlich häufig im Ohr, doch … Weiterlesen Garstige Dinge.

Seife.

Sie mag die manchmal schroffen, dann wieder sanft gerundeten Körper. Sie mag die Dichte, die Masse, das Gewicht. Sie mag die Konsistenz. Sie mag das Aussehen, die Form, die Färbung. Flüssigseife ist ihr zuwider. Flüssigseife ist alles, was in der Welt verkehrt läuft. Es gibt selten ein absolutes Richtig und ein absolutes Falsch. Bei Seife … Weiterlesen Seife.

Abbiegen.

Sie betrachtet ihre Hände, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel treten hervor, ragen empor wie baumlose Hügel. Bei einem Knöchel blättert die Fassade ab, die Haut ist geschunden, aufgeplatzt, doch sie kann sich nicht erinnern, etwas oder jemanden geschlagen oder zumindest heftig berührt zu haben. Zaghaft streichelt sie den verletzten Knöchel mit dem Daumen der … Weiterlesen Abbiegen.

Außer bei Regen.

Er stand jeden Tag vor dem Haus an der Straße, außer bei starkem Regen, dann war er wohl drin, saß an einem alten Eichentisch oder auf einem hellbraunen Sofa, jedenfalls sah man ihn nicht, sah nur Licht im Fenster, also war er da. Niemand schien wirklich etwas über ihn zu wissen, aber man kannte ihn, … Weiterlesen Außer bei Regen.

Dynamit.

Er ist explodiert. Seit ihrer Hochzeit vor acht Jahren hat er Bier getrunken und gesalzene Erdnüsse gegessen. Nun ist er explodiert. Irgendwie. Jemand hat ihm eine Dynamitstange in den Arsch geschoben und die Lunte angezündet. Der Knall war überraschend leise. Jetzt hört sie sein Ächzen. Er sitzt noch immer im Wohnzimmer und sieht fern, zieht … Weiterlesen Dynamit.

Ein Moment ohne Ort.

Jemand sagte ihr einst, ein Moment erhalte seine Form erst im Rückblick, im Erinnern. In der Gegenwart, also in ihm selbst, lasse sich der Moment gar nicht erfassen und greifen. Somit, denkt sie sich, müsste jedes Bild, das man von einem Moment hat, erst nach diesem Moment entstanden sein. Was bedeuten würde, dass es gar … Weiterlesen Ein Moment ohne Ort.

Und sie wartet.

Der Tag beginnt schon, als die Nacht noch nicht zu Ende ist. Sie schlägt die Augen auf und die Decke zurück. Viel zu schnell steht sie auf, Schlaftrunkenheit raubt Gleichgewicht, sie wankt, aber sie fällt nicht. Draußen ist die Welt noch schwarz, die Dunkelheit fließt als zähe Masse in ihr Zimmer. Sie tritt ans Fenster … Weiterlesen Und sie wartet.

Vera.

Sie konnte alles haben, konnte jeden haben, und Vera tat, was Vera konnte, obwohl es nicht war, was Vera wollte. Sie wollte gar nicht alles haben. Auch nicht jeden. Irgendwann ist alles zu wenig. Und irgendwann riechen alle Männer gleich. Manchmal hätte sie Blumen pflücken wollen. Äpfel stehlen. Die Fenster putzen. Die einfachen Dinge. Sie … Weiterlesen Vera.

Finger.

Wir werden es alle gewusst haben, und auch wenn sich nichts ändern wird, und auch wenn es zu spät sein wird, werden wir sagen können, dass wir es gewusst haben, dass wir die Zeichen erkannt haben, dass es viele Zeichen waren, deutliche Zeichen, unzählige Fingerzeige, die eigentlich niemand hätte übersehen können, und wir werden sagen … Weiterlesen Finger.

Cephalopodophobie.

Spätestens in jenem Moment, als sie zum ersten Mal über den Tintenfisch sprach, hätte er es bemerken müssen. Sie waren acht oder elf Jahre ein Paar, und in dieser Zeit hatten sie nie über Tintenfische geredet. Nie. Tintenfische waren in ihrer Beziehung schlicht und einfach nicht präsent, waren kein Thema, standen nicht zur Debatte. Bis … Weiterlesen Cephalopodophobie.

Nicht bei Bewusstsein.

Der Kopf verliert sein Gewicht, verliert seine Masse, ein hohles Konstrukt ohne Druck und Ballast, die Ströme erstarren, die Zeit, sie bleibt stehen, und die Zeit, sie läuft weiter, sie treibt auseinander und reißt kleine Spalten ins Gefüge, schmale Ritzen, in denen alles verschwindet, wie Staub zwischen Dielen, und das gesamte Bewusstsein, über welches wir … Weiterlesen Nicht bei Bewusstsein.