Schmelzwasser.

Sie fragt sich, was wohl geschehen würde, wenn ihr Platz dereinst leer bliebe, ihre Spuren nirgends mehr hinführten. Sie fragt sich, wer sich wundern und wer nach ihr fragen würde, wer enttäuscht wäre, sie nicht anzutreffen. Sie fragt sich, wann man ihr Fehlen bemerken würde und ob es überhaupt ein Fehlen wäre oder nicht nur … Weiterlesen Schmelzwasser.

Ein Sturm zieht auf.

Die Wolken breiten sich aus, dunkel und mächtig, erfüllt mit brodelndem Zorn. Wie hungrige Kreaturen verschlingen sie den Himmel, verschlingen das Licht. Es war ein erstaunlich ruhiger Tag, angenehm warm und beinahe windstill, da war nur ein laues Lüftchen, das Wolkenfetzen über den blauen Himmel schob. Eine dumpfe Stille hing im Geäst der Bäume und … Weiterlesen Ein Sturm zieht auf.

Mitfahrgelegenheit.

Die Zeit wirft Falten, zieht Furchen in die Flächen, durchdringt die Schichten der Haut. All die Begriffe wie Zukunft und Freiheit und Perspektiven, sie werden immer mehr zu Hohlräumen, brüchig an den Kanten. Früher schwebte sie mit Fremden durch trunkene Nächte, unterwegs durch ungewisse Landschaften. Ihre Mutter warnte sie davor, sich mit erhobenem Daumen an … Weiterlesen Mitfahrgelegenheit.

Garstige Dinge.

Die Melodie ist vergleichsweise simpel, eine Reihe von einzelnen Tönen, gespielt auf einem Klavier, unaufgeregt, sanft, und vielleicht liegt gerade in dieser relativen Einfachheit der Schlüssel zur uneingeschränkten Klangschönheit, die sich tief in ihn hinein zu tasten scheint. Er hört die Musik nicht zum ersten Mal, keineswegs, er hat sie ziemlich häufig im Ohr, doch … Weiterlesen Garstige Dinge.

Nach dem Tanz.

Sie tanzen nicht mehr. Der Rücken, die Hüfte, man kennt das. Es ist gelogen und sie wissen es und sagen es trotzdem. Sie verzichten auf Aufrichtigkeit, um sich nicht zu kränken. Vielleicht ist das Liebe. Vielleicht ist es das, was man aus Liebe macht mit der Zeit. Wenn sie wütend ist, zischt sie manchmal, dass … Weiterlesen Nach dem Tanz.

Ohrenbetäubend still.

Da war dieser Mann, der Kaffee trank, wie jeden Tag, eigentlich nichts Außergewöhnliches, eher Gewohnheit als Genuss, der Kaffee sah aus wie immer, schmeckte wie immer, doch als die Tasse leer war, blieben auf deren Boden braune Kaffeeresten zurück. Braune Kaffeeresten sind relativ häufig und wären auch an jenem Tag kaum bemerkenswert gewesen, hätten sie … Weiterlesen Ohrenbetäubend still.

Olaf und die egoistischen Feiglinge.

Er war doch so lustig, er war doch so gut. Jetzt ist er tot. Nun nennen sie ihn einen traurigen Clown, eine tragische Figur, ein einzigartiges Genie, einen großen Menschen. Und manche nennen ihn einen Feigling. Einen selbstsüchtigen, egoistischen Feigling. Weil er nicht an Krebs gestorben ist, nicht bei einem Verkehrsunfall, nicht bei einem Flugzeugabsturz. … Weiterlesen Olaf und die egoistischen Feiglinge.

In ihren Augen.

Da war dieser Mann, der hatte eigentlich alles, und alles, was er hatte, fand er ganz fürchterlich. Das Geld, die klimatisierten Räume, die sogenannten Freunde, mit denen er teure Weine trank, den großen Tisch in seinem großen Büro, die goldene Uhr an seinem Handgelenk; dieser Dinge und ihrer vermeintlichen Kultur war er allmählich überdrüssig geworden. … Weiterlesen In ihren Augen.

Der Stürmer.

Die Sonne brennt auf der Haut, lässt die Schweißtropfen wie Perlen glitzern. Er atmet ein. Er atmet aus. Dann läuft er los. Die Rufe der Menschen zu allen Seiten vermengen sich zu einem Rauschen, ein betäubendes Brausen erfüllt die heiße Luft des Nachmittags. Sein Herz schlägt schneller, ungeahnte Kräfte treiben ihn immer weiter. Neben sich … Weiterlesen Der Stürmer.

Eine Prinzessin.

Das Licht schwindet, Abenddämmerung, die Straßen der kleinen Stadt sind leer, leblose Venen einer schlafenden Kreatur. Einige Laternen leuchten, zwei davon flackern. Ein kleines Mädchen, es hält die Hand der Mutter, hüpft über Risse im Asphalt. Die Mutter ist schön und stolz, ihr Rücken ist außergewöhnlich gerade, sie trägt einen kurzen Rock aus leichtem Stoff, … Weiterlesen Eine Prinzessin.

Im Innern, im Erinnern.

Vor den Fenstern ein lautes Krachen. Sie zuckt zusammen, doch die Augen bleiben geschlossen. Vielleicht ein Unfall, vielleicht eine Explosion. Vielleicht der Krieg, vielleicht die Apokalypse. Es ist ihr egal. Es ist weit weg. Es ist draußen. Sie ist im Innern, im Erinnern. Das krachende Geräusch verhallt, versickert in der Ferne, die unmittelbar nach den … Weiterlesen Im Innern, im Erinnern.

Abhandenkommen.

Irgendwann werde ich nicht mehr da sein, sagt sie, und man kann kaum überrascht sein, auch wenn man leer schluckt und erfolglos nach Worten ringt. Es ist eine biologische Tatsache, unabwendbar und nachvollziehbar, außerdem kenn man den Satz seit Jahren, Jahrzehnten, hört ihn immer wieder aus ihrem Mund, manchmal seltener und beiläufiger, manchmal häufiger und … Weiterlesen Abhandenkommen.

Die Seiltänzerin.

Die Luft ist staubig, so durchdringend staubig, dass man sich kaum vorstellen kann, wie das Bild ohne Staub aussähe. Der Boden wirkt sandig, so allgegenwärtig sandig, dass man sich in einer Wüste wähnt, und sehr viel, was man sieht, ist Boden. Das war nicht immer so, doch die Häuser, sie wurden eben diesem Boden gleichgemacht, … Weiterlesen Die Seiltänzerin.

Billy.

Man macht Fotos und stellt sie in die Regale aus lackiertem Holzfurnier, und während die Zeit unaufhörlich schrumpft, sammelt sich der Staub, setzt sich fest auf der Oberfläche, und mehr ist da nicht, mehr bleibt nicht übrig, alles ist Oberfläche, auch das Bild hat keine Tiefe, es ist nur ein erstarrter Moment in einem kleinen … Weiterlesen Billy.

Ein Moment ohne Ort.

Jemand sagte ihr einst, ein Moment erhalte seine Form erst im Rückblick, im Erinnern. In der Gegenwart, also in ihm selbst, lasse sich der Moment gar nicht erfassen und greifen. Somit, denkt sie sich, müsste jedes Bild, das man von einem Moment hat, erst nach diesem Moment entstanden sein. Was bedeuten würde, dass es gar … Weiterlesen Ein Moment ohne Ort.

Cephalopodophobie.

Spätestens in jenem Moment, als sie zum ersten Mal über den Tintenfisch sprach, hätte er es bemerken müssen. Sie waren acht oder elf Jahre ein Paar, und in dieser Zeit hatten sie nie über Tintenfische geredet. Nie. Tintenfische waren in ihrer Beziehung schlicht und einfach nicht präsent, waren kein Thema, standen nicht zur Debatte. Bis … Weiterlesen Cephalopodophobie.

Tausend Jahre.

Sie ist tausend Jahre alt. Das Wasser schleift die Steine, trägt die Felsen ab, tiefe Furchen ziehen sich durch das Terrain, alles erodiert. Das Knacken im Gebälk, das Knirschen der Gelenke, und sie merkt, wie sie immer kleiner wird, gebückter geht. Das Blut droht zu gerinnen, kriecht zäh wie Honig durch die schmalen Kanäle. Sie … Weiterlesen Tausend Jahre.

Ohne Maja und Nils.

Als Kind mochte sie die Biene Maja, die war so frech und klug und gewitzt. Sie mochte den kleinen Maulwurf, der war so fröhlich und aufgeweckt. Sie mochte Nils Holgersson, der so viele Abenteuer erleben und mit den Wildgänsen fliegen konnte. Sie mochte die Figuren, sie mochte die flauschig weichen Geschichten, und obwohl sie wusste, … Weiterlesen Ohne Maja und Nils.