Cephalopodophobie.

Spätestens in jenem Moment, als sie zum ersten Mal über den Tintenfisch sprach, hätte er es bemerken müssen. Sie waren acht oder elf Jahre ein Paar, und in dieser Zeit hatten sie nie über Tintenfische geredet. Nie. Tintenfische waren in ihrer Beziehung schlicht und einfach nicht präsent, waren kein Thema, standen nicht zur Debatte. Bis … Weiterlesen Cephalopodophobie.

Tausend Jahre.

Sie ist tausend Jahre alt. Das Wasser schleift die Steine, trägt die Felsen ab, tiefe Furchen ziehen sich durch das Terrain, alles erodiert. Das Knacken im Gebälk, das Knirschen der Gelenke, und sie merkt, wie sie immer kleiner wird, gebückter geht. Das Blut droht zu gerinnen, kriecht zäh wie Honig durch die schmalen Kanäle. Sie … Weiterlesen Tausend Jahre.

Ohne Maja und Nils.

Als Kind mochte sie die Biene Maja, die war so frech und klug und gewitzt. Sie mochte den kleinen Maulwurf, der war so fröhlich und aufgeweckt. Sie mochte Nils Holgersson, der so viele Abenteuer erleben und mit den Wildgänsen fliegen konnte. Sie mochte die Figuren, sie mochte die flauschig weichen Geschichten, und obwohl sie wusste, … Weiterlesen Ohne Maja und Nils.

Muskelzucken.

Es waren immer nur ein paar Muskeln, die sie bewegen musste, es kostete nichts und war keineswegs anstrengend, ihr Lächeln, sie zeigte es gern und oft, eigentlich fast immer, es war ein Geschenk, es war wie ein Blumenstrauß, den man kauft, wenn man eingeladen ist, weil man doch etwas mitbringen muss, aber nicht weiß, was … Weiterlesen Muskelzucken.

Niemand sagt Gesundheit.

Die kahlen Gassen, die ausgetrockneten Venen der Stadt, weit hinter dem Herz. Manche wohnen hier, niemand lebt hier. Ab und an stolpern Betrunkene über die stumpfen Kanten, die Einsamen schieben ihre Hände tiefer in die Manteltaschen, gefallene Engel trinken die salzigen Tropfen von den Lippen, und manchmal muss jemand niesen, doch niemand sagt Gesundheit. Dampf … Weiterlesen Niemand sagt Gesundheit.

Einsturzgefahr.

Während die Linien sich allmählich wieder ordnen und die Konturen zurückkehren, während der Sturm sich legt und die Schwerkraft wieder wirkt, kaut sie auf ihrer Unterlippe, beißt ein wenig zu heftig in ihr Fleisch und schmeckt alsbald das Blut, ihr Blut, bittersüß und metallisch, nur ein Tropfen vielleicht, der sich vermischt mit dem salzigen Geschmack … Weiterlesen Einsturzgefahr.

Ohne Hut und Mantel.

Es war doch alles perfekt. In einer Welt, in der es keine Perfektion gibt, war sie so nahe dran, wie es nur geht. Sie hätte arm oder hässlich oder dumm oder ängstlich oder krank oder missbraucht oder benachteiligt sein können, ein Opfer der Umstände, doch sie war nichts davon, war kein Opfer. Viele der Dinge, … Weiterlesen Ohne Hut und Mantel.

Tränen in der Sahara.

Man verliert sich aus den Augen, aus den Augen aus dem Sinn, die Entfernung zwischen dem besinnungslos Bedingungslosen und dem sinnlosen Ding wird oftmals in Jahren gemessen, mitunter in Monaten, Wochen, Tagen, und die Jahre und Tage versickern im Boden wie Tränen im Sand, und wenn sich die Zeit zwischen Menschen drängt, liegt selbst das … Weiterlesen Tränen in der Sahara.

Die Zeit zerstört alles.

Während ihr alles entgleitet, gleiten ihre Finger über die Haut. Stolpern über ihre Lippen, ihr Kinn, ihren Hals. Zwischen den Brüsten kommen sie kurz zur Ruhe, bewegen sich dann langsam zur Seite. Die Daumen umkreisen die Brustwarzen, ganz vorsichtig, als wären sie zerbrechlich. Wahrscheinlich sind sie es. Alles ist zerbrechlich. Als sie sich kennenlernten, kreiste … Weiterlesen Die Zeit zerstört alles.

Die Auflösung.

Die Großmutter hatte in einem kleinen silbernen Gefäß Platz, das an eine Thermosflasche erinnerte. Daneben stand ein Mann mit einem ernsthaften Gesicht. Seine Stimme war laut und sonor. Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Ein rasselnder Husten unterbrach seinen Vortrag, dann sprach er weiter. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub … Weiterlesen Die Auflösung.

Das Gift der Biene.

Wenn sie den Atem anhält und die Augen schließt, hört sie das Summen, spürt das sanfte Vibrieren. Manchmal wohnt einem Flügelschlag die gewaltigste Kraft inne. Manchmal erzählt eine kleine Bewegung eine größere Geschichte als jedes Buch. Und manchmal überdauert eine Berührung alle Zeiten. Bienen verfügen über eine visuelle Erinnerung, eine Art Landkarte im Gedächtnis. Damals … Weiterlesen Das Gift der Biene.

Auf Allgemeinplätzen.

(Man liegt auf einer Wiese in einer Nacht voller Sterne, und wenn man den Kopf schnell bewegt, gehen tausend Sternschnuppen nieder, doch man wünscht sich nichts, weil man weiß, dass es keinen Zweck hat, und vielleicht auch, weil man betrunken ist, die Stimmen schwirren durch die warme Luft, alles klingt vertraut und fremd zugleich, und … Weiterlesen Auf Allgemeinplätzen.

Fünf Gespräche über Kichererbsen.

Das dritte Gespräch über Kichererbsen «Deine Halskette ist merkwürdig. Sind das Kichererbsen?» «Ja.» «Ich mag Kichererbsen nicht. Finde sie auch nicht lustig. Keine Ahnung, warum sie kichern.» «Der Name hat nichts mit Kichern zu tun.» «Ach ja?» «Kommt vom lateinischen Wort für Erbse, cicer. Darum bedeutet Kichererbse eigentlich Erbsenerbse.» «Aha.» «Ja. Ist ein Pleonasmus.» «Was?» … Weiterlesen Fünf Gespräche über Kichererbsen.

Verbrannte Erde.

Wenn die Schlachten geschlagen und die Schreie verstummt sind, wenn das Blut längst geronnen ist und Fahnen wieder wehen, wenn die Feuer gelöscht und die Toten begraben sind, ist vieles vorbei, aber nicht alles zu Ende, und einiges fängt gerade erst an. Manchmal sind es ganze Völker, die sich bekämpfen, manchmal Nationen, Familien, Glaubensgemeinschaften, manchmal … Weiterlesen Verbrannte Erde.

Vielleicht Unkraut.

Er glaubte, er sei auf dem richtigen Weg. Man geht ja meistens auf verschiedenen Straßen gleichzeitig durchs Leben, und diese schien zu den guten Straßen zu zählen. Der Asphalt war robust, wenn auch an einigen Stellen Unkraut aus großen Ritzen wuchs, doch ohne Unkraut geht es nicht, Unkraut ist auch Leben, ist wahr und echt. Er … Weiterlesen Vielleicht Unkraut.

Fuzzy.

Sie erkennt den Song nach drei Sekunden, nach fünf kann sie ihn einordnen. Dann kommen die Tränen. Der Song heißt Fuzzy und stammt von Grant Lee Buffalo. Es war ein Sonntag, als sie ihn zum letzten Mal hörte. Draußen regnete es in Strömen. Natürlich regnete es. Zu den ersten Takten hatte sie die Maus in … Weiterlesen Fuzzy.

Ein Nachmittag im Gras.

Sie war eine gute Freundin, eine der besten, die ich je kennen durfte. Sie war klug und witzig und liebenswert, einer jener Menschen, deren Wärme ansteckend ist. Schon als Kind erkrankte sie an Leukämie, konnte aber erfolgreich behandelt werden. Irgendwann brach die Krankheit erneut aus, und sie musste sich einer langwierigen Therapie unterziehen. Im Gespräch … Weiterlesen Ein Nachmittag im Gras.

Der Fahrtwind der Zeit.

Kein Augenblick kann den Moment überleben, und jeder Moment stirbt. Alle Gegenwart wird unmittelbar fortgeweht vom Fahrtwind der Zeit. Was bleibt, sind die Bilder, und mit diesen Bildern bepflanzen wir unsere Vergangenheit. Ein wucherndes Fundament aus Begebenheiten, ein reiches Feld, in welchem die Erinnerungen mal energisch, mal zaghaft aus dem Boden wachsen, sobald wir uns … Weiterlesen Der Fahrtwind der Zeit.

Der Streichholzmann.

Wann und weshalb es begann, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Am Anfang waren es lediglich einige Streichhölzer, die er aufeinanderlegte und sich freute, wenn ein kleiner Turm entstand. Dann räumte er sie wieder weg und ging aus, traf sich mit Freunden, lebte sein Leben. Es war ein gutes Leben, manchmal etwas schroff an den … Weiterlesen Der Streichholzmann.