Moon River.

Er besucht seinen Vater im Krankenhaus. Eine Hüftoperation, nicht bedrohlich, aber notwendig. Man werde halt älter, sagt der Vater und wirkt dabei jünger als noch einige Monate zuvor. Dann erzählt der Vater von jenem Mann, mit dem er in den letzten Tagen das Krankenhauszimmer geteilt hat. Der ist vorhin gegangen, musste direkt weiter in die … Weiterlesen Moon River.

Das Gift im Zahn.

Womöglich spielt es keine Rolle, wann es begann und weshalb. Die Details verlieren zunehmend an Relevanz. Im Vergleich zum Aufbau, zur Formung verläuft der Zerfall meistens in größeren Stücken, in groben Brocken, die sich lösen und zu Boden stürzen, häufig stumm und kaum bemerkt. Hin und wieder blättern sie in den alten Fotoalben auf der … Weiterlesen Das Gift im Zahn.

Ein Platzhalter im Mazda.

Irgendein Schönling singt davon, einen Fluss zu weinen, ein anderer füllt gar den Ozean mit seinen Tränen, und Platzhalter denkt, das müsste wohl zu logistischen Herausforderungen führen, auch wäre es unbequem, und überhaupt, woher kommt denn all das Augenwasser, es bedürfte doch eines Reservoirs hinter den Augen, doch da sind bestimmt keine Wasserköpfe auf den … Weiterlesen Ein Platzhalter im Mazda.

Kausalphabet.

A. beschließt drei Tage nach seinem einundachtzigsten Geburtstag, endlich schwimmen zu lernen. B. geht in das Unternehmen, in welchem er fünfzehn Jahre gearbeitet hatte, und will möglichst viele Mitarbeitende töten, schießt aber am Ende nur sich selbst in den Kopf. C. sitzt schluchzend auf dem Bett, die Hundeleine in der Hand. D. rettet einen kleinen … Weiterlesen Kausalphabet.

Linkous, der Kater.

Er erzählt von diesem Kater. Ein fürchterlich hässliches Tier, pelzig und dick und plump, mit einem garstigen Gesicht und einem unförmigen Knick im Schwanz. Er redet sehr dynamisch, wild gestikulierend und lebhaft, man kann den Kater förmlich sehen, und seine Geschichte, sie ist zwar traurig, aber man muss unentwegt lachen, denn schließlich geht es nur … Weiterlesen Linkous, der Kater.

Die Träne im Ohr.

Der Nachhall treibt noch in der trägen Luft, das Pochen im Kopf verliert nur langsam an Intensität. Eine Träne ist wie flüssiger Honig über ihre Schläfe geschlichen, bis hin zu ihrem Ohr und hinein in den Gehörgang, ein einzelner Tropfen nur. Es fühlt sich seltsam an, störend und unangenehm, doch Lara bleibt reglos. Irgendwann wird … Weiterlesen Die Träne im Ohr.

Olaf und die egoistischen Feiglinge.

Er war doch so lustig, er war doch so gut. Jetzt ist er tot. Nun nennen sie ihn einen traurigen Clown, eine tragische Figur, ein einzigartiges Genie, einen großen Menschen. Und manche nennen ihn einen Feigling. Einen selbstsüchtigen, egoistischen Feigling. Weil er nicht an Krebs gestorben ist, nicht bei einem Verkehrsunfall, nicht bei einem Flugzeugabsturz. … Weiterlesen Olaf und die egoistischen Feiglinge.

Wirklich sehr gut.

Sie steht da, inmitten von lachenden Menschen, alle unterhalten sich über Triviales und Banales, alles wirkt luftig und leicht, nur bei ihr scheint die Schwerkraft stärker, die Schultern hängen, ihr Körper trägt ein unsichtbares Gewicht, und man könnte annehmen, ihre Füße würden tiefe Dellen im Boden hinterlassen, wenn sie einen Schritt zur Seite täte, und … Weiterlesen Wirklich sehr gut.

Im Innern, im Erinnern.

Vor den Fenstern ein lautes Krachen. Sie zuckt zusammen, doch die Augen bleiben geschlossen. Vielleicht ein Unfall, vielleicht eine Explosion. Vielleicht der Krieg, vielleicht die Apokalypse. Es ist ihr egal. Es ist weit weg. Es ist draußen. Sie ist im Innern, im Erinnern. Das krachende Geräusch verhallt, versickert in der Ferne, die unmittelbar nach den … Weiterlesen Im Innern, im Erinnern.

Und sie wartet.

Der Tag beginnt schon, als die Nacht noch nicht zu Ende ist. Sie schlägt die Augen auf und die Decke zurück. Viel zu schnell steht sie auf, Schlaftrunkenheit raubt Gleichgewicht, sie wankt, aber sie fällt nicht. Draußen ist die Welt noch schwarz, die Dunkelheit fließt als zähe Masse in ihr Zimmer. Sie tritt ans Fenster … Weiterlesen Und sie wartet.

Niemand sagt Gesundheit.

Die kahlen Gassen, die ausgetrockneten Venen der Stadt, weit hinter dem Herz. Manche wohnen hier, niemand lebt hier. Ab und an stolpern Betrunkene über die stumpfen Kanten, die Einsamen schieben ihre Hände tiefer in die Manteltaschen, gefallene Engel trinken die salzigen Tropfen von den Lippen, und manchmal muss jemand niesen, doch niemand sagt Gesundheit. Dampf … Weiterlesen Niemand sagt Gesundheit.

Die Welt im Jahr 2000.

Damals, vor den Bartstoppeln, vor dem Stimmbruch, vor den Irritationen des fortschreitenden Lebens und vor dem Zurücksehnen nach dem verlorenen Kind, damals war das 21. Jahrhundert noch in weiter Ferne, und alles, was Modernität und Innovation ausstrahlen sollte, erhielt die Zahl 2000 als Begleiterin. Ein elektronisches Gerät, dessen Bezeichnung diese Zahlenfolge enthielt, war ein produktgewordener … Weiterlesen Die Welt im Jahr 2000.

Die Zeit zerstört alles.

Während ihr alles entgleitet, gleiten ihre Finger über die Haut. Stolpern über ihre Lippen, ihr Kinn, ihren Hals. Zwischen den Brüsten kommen sie kurz zur Ruhe, bewegen sich dann langsam zur Seite. Die Daumen umkreisen die Brustwarzen, ganz vorsichtig, als wären sie zerbrechlich. Wahrscheinlich sind sie es. Alles ist zerbrechlich. Als sie sich kennenlernten, kreiste … Weiterlesen Die Zeit zerstört alles.

Tanzen und spielen.

Der kleine Bär auf dem Bett riecht nach den erstarrten Stunden ihrer Kindheit. Die guten Zeiten sind alt geworden. Sie zündet eine Zigarette an, lässt den Rauch entweichen. Alles entweicht. Zurück bleibt der muffige Geruch, der sich in den Fragmenten der Welt festsetzt. Sie wollte Balletttänzerin werden. Sie hat es nicht geschafft. Du darfst nicht … Weiterlesen Tanzen und spielen.

Das Gift der Biene.

Wenn sie den Atem anhält und die Augen schließt, hört sie das Summen, spürt das sanfte Vibrieren. Manchmal wohnt einem Flügelschlag die gewaltigste Kraft inne. Manchmal erzählt eine kleine Bewegung eine größere Geschichte als jedes Buch. Und manchmal überdauert eine Berührung alle Zeiten. Bienen verfügen über eine visuelle Erinnerung, eine Art Landkarte im Gedächtnis. Damals … Weiterlesen Das Gift der Biene.

Auf Allgemeinplätzen.

(Man liegt auf einer Wiese in einer Nacht voller Sterne, und wenn man den Kopf schnell bewegt, gehen tausend Sternschnuppen nieder, doch man wünscht sich nichts, weil man weiß, dass es keinen Zweck hat, und vielleicht auch, weil man betrunken ist, die Stimmen schwirren durch die warme Luft, alles klingt vertraut und fremd zugleich, und … Weiterlesen Auf Allgemeinplätzen.

Sollbruchstelle.

Womöglich gab es eine Sollbruchstelle. Sie wusste nicht, wie laut das Knacken war, es wurde übertönt von einem Rauschen und einem tauben Gefühl. Die Entfernung, sie wuchs immer mehr, und damit auch der Leerraum dazwischen. Und irgendwann begann sie, von und zu sich selbst nur noch in der dritten Person zu sprechen. «Wer ist sie?» … Weiterlesen Sollbruchstelle.