Undenkbar.

«Was denkst du?» will sie wissen, und er zuckt zusammen, denn er hat mit der Frage gerechnet, weiß aber trotzdem nicht, was er darauf antworten soll. Zwar ist es nicht so, dass er nichts denkt, doch er schätzt es sehr, seine Gedanken innerhalb der sicheren Grenzen seines Kopfes zu wissen, und ist nicht sonderlich erpicht … Weiterlesen Undenkbar.

38317.

Ein anderes Kind erzählte ihm, er solle mal die Zahl 38317 in den Taschenrechner eingeben, das Gerät dann umdrehen und damit die Zahl auf dem Kopf stellen. Er tat es, und dann stand da ein Wort, und er wusste eigentlich gar nicht so richtig, was es bedeutete, doch er wusste, es war etwas Schönes. Dann … Weiterlesen 38317.

Ponys und Geister.

Ein Pony oder den Weltfrieden, ein 1965er Ford Mustang Cabriolet oder das Ende des Hungers, einen Lottogewinn oder ewige Gesundheit, wer bekommt denn schon, was er sich wünscht, und wer wünscht sich denn, was er auch tatsächlich bekommen könnte, der Geist aus der Flasche ist wie alle Geister nur ein Trugbild, eine süffisant grinsende Illusion, … Weiterlesen Ponys und Geister.

Super.

Als sie damals am frühen Morgen im Badezimmer stand und die Frau im Spiegel auf ihre Frage, wie sie sich fühle, mit dem Wort Super antwortete, hatte sie es noch gar nicht bemerkt. Doch dann wollte sie einen ziemlich schweren Tisch in ihrer Wohnung ein wenig zur Seite rücken und warf ihn stattdessen ungewollt an … Weiterlesen Super.

Sollbruchstelle.

Womöglich gab es eine Sollbruchstelle. Sie wusste nicht, wie laut das Knacken war, es wurde übertönt von einem Rauschen und einem tauben Gefühl. Die Entfernung, sie wuchs immer mehr, und damit auch der Leerraum dazwischen. Und irgendwann begann sie, von und zu sich selbst nur noch in der dritten Person zu sprechen. «Wer ist sie?» … Weiterlesen Sollbruchstelle.

Die Biologieprüfung.

Der Kopf war groß. Zwar waren seine Ausmaße keineswegs grotesk, die Dimensionen sprengten nicht alle Grenzen. Einige aber schon, darunter die Grenzen der Normalität in den Augen der anderen Kinder. Sie nannten ihn Wasserkopf oder Riesenkopf, vielleicht waren auch andere Nettigkeiten zu hören, doch ich sah davon ab, in den Kanon einzustimmen. Mir schien der … Weiterlesen Die Biologieprüfung.

Der Anfang am Ende.

Ein leises Klopfen an der Tür, in das Nichts vor dem Fenster dringt ein Grollen und Blinken. Das Klopfen wird lauter, doch sie bleiben still, nahezu reglos auf einem Bett, das ebenso gut ein Boot auf der Oberfläche eines schlafenden Ozeans sein könnte. Eine kaum hörbare Stimme ertönt. Bist du wach? Ja, flüstert eine zweite … Weiterlesen Der Anfang am Ende.

Loblos.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend, und überhaupt, zu viel des Lobes sei nicht gut, sagen die diplomierten Pädagogen, sehr viele Menschen hören sehr viel zu gern, wie gut sie seien, sie hören es selbst dann, wenn es niemand ausspricht, hören es so oft, dass sie darauf verzichten, sich zu fragen, ob das … Weiterlesen Loblos.

Der Bademeister.

Er klammert sich an sein Glas, der Rotwein klebt an den bauchigen Wänden, seine dicken Finger zittern ein wenig, ebenso der Kopf, eine graue Haarsträhne bebt unentwegt, bewegt von einem Wind, der hier in dieser Kneipe nicht weht. «Manchmal erinnert man sich an seltsame Dinge», sagt er, die Worte langsam und mit Bedacht in eine … Weiterlesen Der Bademeister.

Fünf Gespräche über Kichererbsen.

Das dritte Gespräch über Kichererbsen «Deine Halskette ist merkwürdig. Sind das Kichererbsen?» «Ja.» «Ich mag Kichererbsen nicht. Finde sie auch nicht lustig. Keine Ahnung, warum sie kichern.» «Der Name hat nichts mit Kichern zu tun.» «Ach ja?» «Kommt vom lateinischen Wort für Erbse, cicer. Darum bedeutet Kichererbse eigentlich Erbsenerbse.» «Aha.» «Ja. Ist ein Pleonasmus.» «Was?» … Weiterlesen Fünf Gespräche über Kichererbsen.

Amok.

Die Sonnenblumen hatten ihn eigentlich nie sonderlich interessiert. Er hegte weder Groll noch ausgeprägte Zuneigung, sie waren einfach da, standen stumm in jenem Feld, welchem er häufig entlangging, ganz normale Sonnenblumen, und sie waren ihm ziemlich egal. Manchmal blitzten Gedanken auf, eine von ihnen zu pflücken, doch er wusste, dass dies verboten war, also tat … Weiterlesen Amok.

Die Luft ist draußen.

Es ist still, das Wasser verschlingt jedes Geräusch, bevor es entsteht. Er ist abgetaucht. Wie ein träger Astronaut schwebt er unter dem Spiegel, schroff eingerahmt von fernen Ufern. Einige Pflanzen tanzen langsam und taktlos vor seinem Auge, hin und wieder leuchtet kurz das Schuppenkleid eines Fisches auf. Mehr ist nicht da, das ist alles, was … Weiterlesen Die Luft ist draußen.

Nirgendwo überall.

Der Sessel knarrt, er ächzt und stöhnt, armer Sessel, bemitleidenswert und gequält, doch Liebende haben kein Mitleid mit armen Sesseln, Liebende haben überhaupt kein Mitleid im Moment des Liebens, sie haben nur sich selbst, im Kopf und in jedem Nervenstrang, sie sind nirgendwo und überall, armer Sessel, arme Möbel, arme Welt, alles ist inaktiv in … Weiterlesen Nirgendwo überall.

Emotionale Defäkation.

«Du musst es rauslassen.» «Was muss ich rauslassen?» «Die Scheiße. Die ganze Scheiße.» «Welche Scheiße?» «Halt eben das, was dich bedrückt.» «Ist nicht so schlimm.» «Deine Augen sagen etwas anderes.» «Ich kann das nicht so gut.» «Was?» «Darüber reden. Außerdem ändert sich dadurch sowieso nichts.» «Natürlich ändert sich etwas.» «Ich glaube nicht.» «Es ist wie … Weiterlesen Emotionale Defäkation.

Verbrannte Erde.

Wenn die Schlachten geschlagen und die Schreie verstummt sind, wenn das Blut längst geronnen ist und Fahnen wieder wehen, wenn die Feuer gelöscht und die Toten begraben sind, ist vieles vorbei, aber nicht alles zu Ende, und einiges fängt gerade erst an. Manchmal sind es ganze Völker, die sich bekämpfen, manchmal Nationen, Familien, Glaubensgemeinschaften, manchmal … Weiterlesen Verbrannte Erde.

Die Totengräberin.

Wahrscheinlich begann es mit Gandhi. So hieß ihr Hamster, der erste und einzige. Als er sich eines Tages nicht mehr rührte, waren ihre Tränen so bitter wie nie zuvor. Ihre Mutter nahm sie in den Arm, strich sanft über ihr Haar. Dann sagte ihr Vater, er würde Gandhi nun wegbringen, und Vera erstarrte, das Schluchzen … Weiterlesen Die Totengräberin.

Vielleicht Unkraut.

Er glaubte, er sei auf dem richtigen Weg. Man geht ja meistens auf verschiedenen Straßen gleichzeitig durchs Leben, und diese schien zu den guten Straßen zu zählen. Der Asphalt war robust, wenn auch an einigen Stellen Unkraut aus großen Ritzen wuchs, doch ohne Unkraut geht es nicht, Unkraut ist auch Leben, ist wahr und echt. Er … Weiterlesen Vielleicht Unkraut.

Fuzzy.

Sie erkennt den Song nach drei Sekunden, nach fünf kann sie ihn einordnen. Dann kommen die Tränen. Der Song heißt Fuzzy und stammt von Grant Lee Buffalo. Es war ein Sonntag, als sie ihn zum letzten Mal hörte. Draußen regnete es in Strömen. Natürlich regnete es. Zu den ersten Takten hatte sie die Maus in … Weiterlesen Fuzzy.