Socken, selektiv.

Es war warm am einzigen Abend mit ihr, trockene Grashalme kitzelten die Stellen zwischen den Zehen, man war barfuß im Park, und irgendwann wurde es dunkel, und man zog sich Socken und Schuhe wieder an, warum auch immer, denn es war nach wie vor warm, doch eigentlich ist es egal, es spielt keine Rolle, was … Weiterlesen Socken, selektiv.

Die 33 Fragezeichen, Teil 2.

Wann wird ein Moment zur Vergangenheit? Wann wird Vergangenheit zur Geschichte? Wer entscheidet, was Geschichte macht? Wann merkt man, ob Geschichte geschrieben wurde oder lediglich eine Fußnote, wenn nicht sogar nur leere Worte? Wenn die Vergangenheit nur eine Geschichte ist, die wir in Worte kleiden, sind wir dann nicht einfach Märchenerzähler mit einem Anspruch auf … Weiterlesen Die 33 Fragezeichen, Teil 2.

Die alte Kälte.

Man mag ihn nicht, hat ihn nie gemocht. Vielleicht hat man es zu Beginn noch versucht, aber nie wirklich geschafft, und irgendwann hat man dann wohl aufgehört, es überhaupt in Betracht zu ziehen. Man hat sich damit abgefunden, dass man gewisse Menschen liebenswert oder sympathisch findet, er aber nicht zu diesen Menschen zählt. Die Abneigung, … Weiterlesen Die alte Kälte.

Eine Weise.

Sie war die älteste Frau im Dorf. Vielleicht war sie ein Elefant, vielleicht ein Geist, vielleicht eine hölzerne Statue, vom Leben geschnitzt. Man wusste es nicht, und man fragte sie nicht. Stattdessen fragte man sie alles andere. Die Kinder fragten nach dem Blau des Himmels, nach dem Donner und dem Blitz, nach der Körpergröße der … Weiterlesen Eine Weise.

Retro.

Früher waren da andere Farben in den Fotos. Da war mehr Gelb, da waren mehr rötliches Braun und mehr bräunliches Rot, da war weniger Blau, und wenn da Blau war, dann ein wärmeres Blau als heute. Die Kleider der damaligen Kinder wirkten dicker und wärmender als die Kleider der heutigen Kinder. Und wenn Bildbearbeitungsprogramme versuchen, … Weiterlesen Retro.

Zumindest das Schweigen.

Mitunter sind die banalsten Sätze auch die unerträglichsten, den einfachsten Fragen folgen bedrückend komplizierte und dennoch unverbindliche Antworten. Man könnte fragen: Warum Krieg? Eine Frage, auf die schon Einstein und Freud in ihrem publizierten Briefwechsel keine abschließende Klärung fanden. Man könnte fragen, wohin man geht, wenn man am Ende angekommen ist, doch man weiß, dass die … Weiterlesen Zumindest das Schweigen.

Der Unsympath.

Er ist bekannt, aber man kennt ihn nicht, denn ein Kennen funktioniert nicht, man kann ihn nicht kennen, vor allem aber will man nicht, denn er ist nahezu horrend unsympathisch, und eigentlich könnte man ihn einfach ignorieren, ihm keinen Raum im eigenen Innern zugestehen, schließlich verdient er ihn nicht, aber er ist einfach da, wie … Weiterlesen Der Unsympath.

Palast.

Und dann ein Knacken, viel zu laut, um harmlos zu sein. Das Gebälk findet zum Schweigen zurück, doch aus einer Fuge im Holz rieselt hellbrauner Staub. Dann wieder ein Knacken. Dann wieder Stille. Nur der Atem, der durch den Raum stolpert. Und dann die Angst, der Palast stürze ein. Nicht lärmig und wütend und rauschend, … Weiterlesen Palast.

Bruchteile.

Die Finger stolpern zunächst zaghaft über die nackte Haut, beinahe schüchtern, als wäre da eine Gefahr, der sie sich zu erwehren hätten. Sie gleiten vorsichtig über den Hals und die Schulterknochen, suchen sich dann Wege zwischen den Brüsten hindurch zum Bauch, zu den Hüften, zum Schoss. Allmählich werden sie bestimmter, die Bewegungen drängender. Sich zu … Weiterlesen Bruchteile.

Das Böse.

Da ist diese Frau, man begegnet ihr hin und wieder in der Innenstadt; sie ist außerordentlich hübsch, von der Seite betrachtet, doch nicht deshalb fällt sie auf, sondern wegen des Anblicks, den ihr Gesicht offenbart, wenn man den Blickwinkel ändert und sie von der anderen Seite sieht. Dort ist ihr Antlitz entstellt, die Gesichtszüge sind … Weiterlesen Das Böse.

Gleichartig.

Man geht durch die Stadt, die lärmige, die dröhnende, mit den hupenden Autos und den rufenden Menschen, den plärrenden Lautsprechern und dem konstanten Rauschen, und die Maus, die kleine Maus, man kann sie nicht hören, nicht einmal, wenn sie ganz laut piepst, so laut wie sie kann, ihr Piepsen geht unter, eigentlich taucht es gar … Weiterlesen Gleichartig.

Tollwut.

Normalerweise fährt er weiter. Zwar betrübt ihn der Anblick, selbst wenn er nur eine Sekunde währt, doch er hält nicht an. Das arme Tier, denkt er vielleicht, und manchmal fühlt er sich böse, obwohl nicht er es war, der das Geschöpf zu Tode fuhr. Er hat noch nie ein Lebewesen überfahren. Aber es könnte geschehen, … Weiterlesen Tollwut.

Morgendliche Frage.

Hast du gut geschlafen? Er stellt ihr diese Frage jeden Morgen. Manchmal sagt sie Ja. Manchmal sagt sie Nein. Manchmal beschreibt sie die Qualität des Schlafes ausführlich. Manchmal bleibt sie einsilbig. Unabhängig davon, was sie ihm antwortet, reagiert er mit einem Nicken. Dann zuckt er mit den Schultern und murmelt etwas, das wie ein Summen … Weiterlesen Morgendliche Frage.

Ein langer Weg.

Da ist kein Blut, nicht einmal kleine Spritzer auf dem Hemd sind zu sehen. Da sind auch keine Leichen, keine leblosen Opfer. Trotzdem besteht kein Zweifel, dass er ein Mörder ist. Ein Serienmörder. Er weiß nicht, wie viele Menschen er bereits getötet und warum er es getan hat. Er weiß nicht einmal, in welchem Land … Weiterlesen Ein langer Weg.

Die Antwort.

Er war zärtlicher als andere, weniger egoistisch, das war angenehm, und obschon es nicht sonderlich ungestüm oder ekstatisch war, hatte sie einen Orgasmus, den ersten seit geraumer Zeit. Jetzt liegt er neben ihr und schaut sie an. Sie weicht seinem Blick aus. Das kann sie gut. Woher kommt die Traurigkeit in deinen Augen? Seine Frage … Weiterlesen Die Antwort.

Die Mausefalle.

Sie kann nicht schlafen, wie so oft in letzter Zeit. Ein kühler Wind weht durch das Kippfenster ins Innere des Schlafzimmers, und als sie die Bettdecke zurückschlägt und aufsteht, zittert ihr Körper kurz. Sie geht nach unten in die Küche, schaltet die kleine Lampe ein, gießt ein wenig Wein in eine Tasse und setzt sich … Weiterlesen Die Mausefalle.

Hundert Mal schlimmer.

Die Zeit heilt keine Wunden. Man sieht die Sonne nur noch, wenn man sich umdreht. Die Medikamente schlagen nicht mehr an. Bei einem selbst verschuldeten Autounfall tötet man einen Menschen. Die Haut blättert ab. Man lebt in einem Kriegsgebiet. Die Knochenmarkspende brachte keinen Erfolg. Man darf nicht sagen, was man denkt. Man leidet an einer … Weiterlesen Hundert Mal schlimmer.