Brulguama.

Er steht am Bahnhof und versucht, die Plakate an den Wänden zu entziffern, doch da ist nichts, woran er sich festhalten könnte. Eine leicht bekleidete Frau sieht ihn von einem der Plakate an, in ihrem Blick liegt etwas Forsches und Forderndes, vielleicht auch Aufmunterndes. Neben ihrem Kopf steht das Wort Brulguama! geschrieben, in großen Lettern … Weiterlesen Brulguama.

Der Mauerbau.

Eines Tages blickt Eva sich um, betrachtet die Schatten der Bäume an den Häuserwänden, lauscht den vereinzelten Rufen eines Bussards und dem leisen Rauschen der nahen Autobahn. Sie kratzt sich an der Schläfe und wischt mit dem Handrücken über ihren Mund. Dann beginnt Eva damit, eine Mauer zu bauen. Sie baut sie hoch, sie baut … Weiterlesen Der Mauerbau.

Fliegenschiss.

Mira hängt die Vorhänge ab. Sie hatte es schon lange vorgehabt, aber immer wieder hinausgezögert. Verdammte Prokrastination. Die Vorhänge hingen schon da, als Mira einzog, sie gehörten der alten Frau, die vor ihr in der Wohnung lebte. Sie war hier gestorben, die alte Frau, lag wahrscheinlich schon ziemlich lange tot auf dem Boden, bevor man … Weiterlesen Fliegenschiss.

Die Walze.

Sie liegt auf dem Boden in ihrem Wohnzimmer und liegt zugleich auf dem grauen Asphalt eines Parkplatzes oder einer öden Industriebrache, irgendwo in einem leblosen Viertel der Welt. Sie war noch nie hier, doch sie kennt den Ort dennoch gut, viel zu gut. Der Ort, er ist unbewohnt, er ist ungewohnt, doch sie ist es … Weiterlesen Die Walze.

Lena, Herr Rossi, Idris Elba und Cristiano Ronaldo.

Sie hat sich ein Meerschweinchen gekauft. Manchmal wird sie gefragt, warum sie sich dieses Meerschweinchen gekauft hat, und dann zuckt Lena mit den Schultern und sagt Einfach so, obwohl sie weiss, dass dies nicht stimmt. Es ist dennoch die richtige Antwort, denn es gibt dazu nichts zu sagen, findet Lena, es gibt nichts darüber zu … Weiterlesen Lena, Herr Rossi, Idris Elba und Cristiano Ronaldo.

Mit großem Bedauern.

Als Frau Lehmann den Brief liest, vermag sie ihn zunächst gar nicht zu begreifen. Auf den ersten Zeilen steht in knappen Worten geschrieben, dass die Supermarktkette, für die Frau Lehmann arbeitet, sich in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld bewege, sich konsequent um Effizienz bemühen und Optimierungspotenziale nutzen müsse. Einen Abschnitt weiter unten erklärt man ihr in … Weiterlesen Mit großem Bedauern.

Die Kramers.

Niemand weiss wirklich, woher sie kamen. Sie waren irgendwann einfach da, wie unbekannte farbenprächtige Vögel, die plötzlich auf einem Baum im Garten hocken, herzerwärmend und einnehmend. Und dann waren sie wieder verschwunden, liessen höchstens einige Federn und vage Erinnerungen zurück. Man hatte sie wohl schon zuvor gesehen. Aber zum ersten Mal deutlich ins Bewusstsein traten … Weiterlesen Die Kramers.

Prothesen.

Eine wohlmeinende Stimme hatte ihr noch abgeraten, und natürlich klang die wohlmeinende Stimme wie die Stimme ihrer Mutter, alle wohlmeinenden Stimmen klangen wie die Stimme ihrer Mutter, aber auch dieses Mal kam der Ratschlag nicht von ihrer Mutter, sondern von einem anderen Menschen, ihre Mutter war noch immer tot, wie jeden Tag, seitdem sie gestorben … Weiterlesen Prothesen.

Es kommt.

Leise rieselt der Schnee. Die Welt ist so dicht eingehüllt, dass fast nichts mehr klingt, nur in der Ferne glaubt sie das Brummen eines Schneeräumungsfahrzeuges wahrzunehmen. Sie schließt das Badezimmerfenster wieder und stellt sich vor den Spiegel, drückt sich ein wenig Körperlotion in die Handfläche und beginnt, ihre Haut einzureiben. Sie mag das, mag diese … Weiterlesen Es kommt.

Sein Raumschiff.

Manchmal, wenn die Nachtluft eisig kalt und der Himmel wolkenlos ist, blickt Leo hinauf zu den Sternen und denkt an sein Raumschiff. Er kann es förmlich sehen, dieses plumpe Gebilde, dessen Umrisse an ein großes D erinnerten, das wehrlos auf dem Rücken lag. Leo hat längst akzeptiert, was ihm zugestoßen ist. Er hat die Entführung … Weiterlesen Sein Raumschiff.

Der Fisch.

Als er nach einem kurzen Arbeitstag nach Hause gehen will, nimmt er einen anderen Weg als üblich, denn anders als üblich ist besser als nichts, obwohl es am Ende keinen Unterschied macht. Die Abweichungen sind inszenierte Aufregungen, sinnlose Experimente, die nicht viel bringen, nur Lärm und Verwirrung. Dieser Weg, den Paul nun nimmt, er ist … Weiterlesen Der Fisch.

Sechs Finger.

Während Iris in ihrem Bett liegt und schläft, träumt sie davon, dass sie in ihrem Bett liegt und wach ist. Im Traum sieht sie, wie ihre Hand über ihren Körper gleitet. Viel mehr bleibt von diesem Traum nicht zurück, als Iris am nächsten Morgen erwacht, nur dieser Moment, mit ihrer Hand, ihrem Körper, ihrer Haut, … Weiterlesen Sechs Finger.

Enger.

Das Licht ist anders, auch die Farben. Das ist schon lange so, eine kleine träge Ewigkeit. Wenn er blinzelt, bleiben die Lider manchmal aneinander kleben. Er reißt dann die Augen auf und macht ein langes Gesicht. Seine Hosen sind enger geworden, sie drücken ihn in der Mitte zusammen, doch er will keine neuen Hosen, jedenfalls … Weiterlesen Enger.

Die Welt im Kleinen.

Jedes Mal, wenn er seine leeren Bierflaschen zur Altglassammelstelle bringt, tut er doch eigentlich etwas Gutes, etwas Wertvolles, er rettet die Welt im Kleinen, er übernimmt Verantwortung, er beweist Achtsamkeit, doch er fühlt sich nicht achtsam, fühlt sich nicht wertvoll. An guten Tagen fühlt er gar nichts. Doch die guten Tage sind selten geworden. Vermutlich … Weiterlesen Die Welt im Kleinen.

Gleichgültigkeiten.

Er erinnert sich noch genau an jenen Tag. Dicke flockige Wolken hingen am Himmel, ein leichter Dunst lag über dem See, es war warm, ein zaghafter Wind wehte. Es war ein ermüdend normaler Tag, so schien es, und während er am Ufer stand, griff die Normalität auch auf ihn über; er verspürte eine gewisse Gleichgültigkeit, … Weiterlesen Gleichgültigkeiten.

Das Vorspielen.

Ihre Mutter hätte das Richtige zu sagen gewusst. Sie hatte stets die passenden Worte gefunden, wenn Anita sich fürchtete oder traurig war, sogar damals, als Lulu, ihre Katze, von einem Auto überfahren worden war. Anita überlegt, was ihre Mutter in diesem Moment sagen würde, doch ihr fällt nichts ein, keine klugen Sätze, nicht einmal ein … Weiterlesen Das Vorspielen.

Leserbrief an den Stadtanzeiger.

Normalerweise schreibe ich keine Leserbriefe. In meinen Augen sind Leserbriefe oftmals nichts anderes als ein Aufplustern. Irgendein Gockel krächzt gar klagend, welches Unrecht ihm oder seinesgleichen widerfahren ist oder welche Entbehrung er zu erleiden hatte, stellt seine Federn auf, obwohl er weiß, dass sich nichts ändern wird. Das widerstrebt mir, ich finde es befremdlich. Und … Weiterlesen Leserbrief an den Stadtanzeiger.

Auf Grund.

Er hat einen ziemlich ungewohnten Nachnamen, doch sie bemüht sich gar nicht erst, sich die komplizierte Schreibweise einzuprägen. In absehbarer Zeit wird er nicht mehr dort liegen, wo er jetzt liegt, neben ihr im Bett. Sie wundert sich, dass sie manchmal neben ihm – oder neben anderen – einschläft, ganz nahe am anderen Körper, vielleicht … Weiterlesen Auf Grund.

George Clooney.

Sie steht lange vor der Sonne auf, der frühe Vogel, weiß man ja, kennt man ja, doch meistens ist es noch viel zu dunkel, um etwas zu erkennen; sie sieht nichts, findet keine Würmer, höchstens Zweige, die so aussehen wie Würmer. Irgendwann kommen dann die anderen Vögel hervor, krächzen und kreischen und schlagen mit ihren … Weiterlesen George Clooney.