Opossum.

Es existieren mehr Möglichkeiten als Tatsachen, da ist mehr Fantasie als Realität, und die Welt, die sein könnte, ist ungleich bunter und reicher als die Welt, die ist. Luisa weiß nicht immer, wo die Grenzen liegen. Aber vielleicht ist es auch nicht wichtig, sie mit Bestimmtheit zu ziehen. Manchmal legt sie sich auf den Boden, … Weiterlesen Opossum.

Der Fisch.

Als er nach einem kurzen Arbeitstag nach Hause gehen will, nimmt er einen anderen Weg als üblich, denn anders als üblich ist besser als nichts, obwohl es am Ende keinen Unterschied macht. Die Abweichungen sind inszenierte Aufregungen, sinnlose Experimente, die nicht viel bringen, nur Lärm und Verwirrung. Dieser Weg, den Paul nun nimmt, er ist … Weiterlesen Der Fisch.

Eigentlich ein Held.

Eigentlich war Erich ein guter Mensch. Bei seinem Begräbnis sagte jemand, dass der Welt nun ein helles Licht fehle, und mehrere Leute nickten zustimmend. Erich war tatsächlich sehr engagiert. Er half Bekannten und Freunden beim Umzug, spendete jedes Jahr einen gewissen Betrag an das Rote Kreuz, er half in Vereinen mit, wenn es nötig war, … Weiterlesen Eigentlich ein Held.

Engelbert.

Seitdem seine Haare immer spärlicher aus seiner Kopfhaut ragen und die kahlen Stellen stetig mehr Raum beanspruchen, blickt Engelbert seinen Freund Karl und dessen üppige Haarpracht mit wachsender Missgunst an, und diese Missgunst, sie behagt ihm nicht, denn eigentlich ist Engelbert kein missgünstiger Mensch, eigentlich ist ihm die Welt dann am liebsten, wenn es den … Weiterlesen Engelbert.

Rosa wartet.

Rosa steht gerade unter der Dusche, als das Telefon klingelt. Im ersten Moment will sie das Wasser abdrehen, sich das Frotteetuch greifen und ins Wohnzimmer eilen, doch dann bleibt sie unter der Dusche stehen, lässt das warme Wasser auf ihre Haut prasseln und wartet, bis das Telefon verstummt. In solchen Momenten kommt ihr die Leidenschaft … Weiterlesen Rosa wartet.

Enger.

Das Licht ist anders, auch die Farben. Das ist schon lange so, eine kleine träge Ewigkeit. Wenn er blinzelt, bleiben die Lider manchmal aneinander kleben. Er reißt dann die Augen auf und macht ein langes Gesicht. Seine Hosen sind enger geworden, sie drücken ihn in der Mitte zusammen, doch er will keine neuen Hosen, jedenfalls … Weiterlesen Enger.

21A.

Dana steigt in ein Flugzeug und schluckt einige Male leer, bis der Hals schmerzt. Sie hat vor nichts und niemandem so große Angst wie vor dem Fliegen. Die Angst hockt nicht nur in ihrem Kopf, sondern breitet sich im ganzen Körper aus, fließt in alle Glieder. Nachdem sie sich auf ihren Platz mit der Nummer … Weiterlesen 21A.

Zuspätkommen.

Er war schon früher immer zu spät dran. In der Schule war Leo stets das letzte Kind, das morgens eintraf, in der Regel nach Unterrichtsbeginn, obwohl er doch frühzeitig aus dem Haus ging und kaum trödelte. Die anderen Kinder grinsten manchmal, wenn er ins Klassenzimmer schlich, die Lehrerin hob bisweilen ihren Zeigefinger, und einige Male … Weiterlesen Zuspätkommen.

Hummel und Pinguin.

Jemand versucht, eine herannahende Hummel fortzujagen, und Eva sagt, dass eine Hummel eigentlich gar nicht fliegen können dürfte, bei Anwendung der physikalischen Gesetze und in Anbetracht von Körpergewicht und Flügelspannweite müsste ihr das Fliegen unmöglich sein. Trotzdem fliegt die Hummel, sagt Eva. Der triumphierende Ausdruck auf ihrem Gesicht mutet an, als hätte sie soeben alle … Weiterlesen Hummel und Pinguin.

Bambi.

Sie steht früh auf, noch bevor der Tag erwacht, denn jeder Sonnenaufgang ist ein Versprechen, und sie kann solche Versprechen gut gebrauchen, daran kann sie sich halten, zumindest so lange, bis sie loslassen muss. Sie macht einen Spaziergang, saugt die frische Morgenluft in ihre Lunge und bläst hinaus, was davon übrigbleibt. Auf einer Wiese am … Weiterlesen Bambi.

Zehn Momente vor dem Jetzt.

Nachdem ein Vogel gegen das große Wohnzimmerfenster geflogen war und sich das Genick gebrochen hatte, ging Jonas der Gedanke durch den Kopf, dass dies ein unheilvolles Vorzeichen sei und dass etwas Schlimmes geschehen werde. Als eine Woche später sein Vater stirbt, hat Jonas den toten Vogel längst vergessen. Julia war überzeugt, dass David der Mann … Weiterlesen Zehn Momente vor dem Jetzt.

Ursache und Wirkung.

Der Vorhang flattert ein wenig. Das Fenster ist geöffnet, ein leichter Wind dringt hindurch, und darum bewegt sich der Vorhang. Ursache und Wirkung. Die Welt ist so einfach, denkt sie. Tim ist gerade in die Küche gegangen, um Wein zu holen. Sie sollte eigentlich nicht hier sein, sie hat hier nichts zu suchen, sie hat … Weiterlesen Ursache und Wirkung.

Das Vorspielen.

Ihre Mutter hätte das Richtige zu sagen gewusst. Sie hatte stets die passenden Worte gefunden, wenn Anita sich fürchtete oder traurig war, sogar damals, als Lulu, ihre Katze, von einem Auto überfahren worden war. Anita überlegt, was ihre Mutter in diesem Moment sagen würde, doch ihr fällt nichts ein, keine klugen Sätze, nicht einmal ein … Weiterlesen Das Vorspielen.

Der Teufel.

Sie vermag nicht einzuschätzen, wann es begann. Es dauert schon lange an, glaubt sie, doch die Zeit hat ihre Kalkulierbarkeit verloren; Stunden sind kaum von Tagen zu trennen, die Wochen sind Treibgut in einem trägen Fluss. In meiner Brust ballt der Teufel eine Faust. So lautet ihre Antwort, wenn jemand fragt, was los sei. Kaum … Weiterlesen Der Teufel.

Anfängerin.

Da steht ein Bagger am Rande eine Baustelle in der Nähe ihrer Wohnung, und manchmal, am frühen Morgen, wenn das ganze Quartier noch schläft, setzt sich Elisabeth auf den gepolsterten Sessel des Baggers. Während der Tag allmählich erwacht und das Licht immer kräftiger wird, zieht sie an den Hebeln vor ihr und tut so, als … Weiterlesen Anfängerin.

Gehen und bleiben.

Da ist ein Totenkopf, auf einem Bild an einer Wand, da ist dieses knöcherne Etwas, das früher zu einem Menschen gehörte, zu einem Leben, zu tausend Gedanken und tausend Erinnerungen, und man fragt sich, was bleibt, wenn ein Mensch geht. Man fragt sich, wie viel von einem Menschen stirbt und ob etwas weiterlebt und wie … Weiterlesen Gehen und bleiben.

Im Schritttempo.

Sie hätte ein Taxi nehmen sollen. Eva hatte gedacht, dass ihr die frische Luft gut tun würde. Sie hatte gehofft, dass die Wirkung des Alkohols auf dem Nachhauseweg nachlassen und sie sich nicht mehr ganz so betrunken und elend fühlen würde. Diese Hoffnung hat sich zwar erfüllt. Trotzdem war es ein Fehler. Zunächst war Eva … Weiterlesen Im Schritttempo.